Bau 06.01.2006, 18:42 Uhr

Mehr Sicherheit im Hochbau durch Gebäude-Tüv  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 1. 06, rok – Nach dem Einsturz der Decke der Eissporthallle in Bad Reichenhall mit Todesopfern und Verletzten stellt sich die Frage nach der Ursache des Unglücks. Aber auch die grundsätzliche Überwachung der Tragsicherheit von Dächern und anderen Bauten wird hinterfragt.

Vorsichtig, äußerst vorsichtig, tragen die zahlreichen Helfer die Schutt- und Trümmerberge der eingestürzten Halle ab. Mit schwerem Gerät arbeiten die Fachleute seit Montag daran, die verschütteten Menschen zu bergen. Die Lage des eingebrochenen Daches macht die Suche der Retter unter den Dachresten zu einer lebensgefährlichen Aufgabe. Die zerbrochenen Teile stützen sich in gefährlicher Schräglage auf die noch stehenden Seitenteile des Gebäudes, die aber selbst nachzugeben drohen.

Fast 50 Menschen wurden von den herabstürzenden Trümmern zunächst verschüttet, von denen die meisten aber unmittelbar nach dem Unglück mit Hilfe von außen geborgen werden konnten. Zum Teil schwer verletzt. Bis Redaktionsschluss wurden 14 Menschen tot aus den Trümmern geborgen, eine Frau wurde noch vermisst.

Während ein Bagger die schräg auf den Außenmauern des Gebäudes aufliegenden Dachreste abstützt, versucht ein zweiter Bagger, das Dach Stück für Stück abzutragen ohne den endgültigen Zusammenbruch auszulösen. Kleinteiligen Schutt entfernen die Helfer mit Schaufeln und ihren Händen. Suchhunde führen die Retter zu den verschütteten Menschen. Am Dienstagnachmittag bewegen sich die stützenden Außenmauern und die Arbeiten müssen unterbrochen werden bis wieder relative Stabilität hergestellt werden kann.

Warum die Hallendecke – eine Leimbinder-Konstruktion – nach 34 Jahren plötzlich zerbricht, darüber kann zur Zeit nur spekuliert werden. Der Einsatzleiter der Traunsteiner Polizei, Hubertus Andrä, äußert sich denn auch nicht zu möglichen Ursachen, „. . . aber wir gehen allen Hinweisen nach.“ So wird denn jeder Balken, der von der Unglücksstelle entfernt wird, nummeriert und katalogisiert. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen fährlässiger Tötung schon aufgenommen.

Die Frage nach der oder den Ursachen des Zusammenbruches und die Suche nach den Verantwortlichen des Unglücks werden die Fachleute noch auf Wochen beschäftigen.

Dass es die Schneelast alleine war, die das Dach zum Einsturz gebracht hat, ist eher unwahrscheinlich. Denn solche zusätzlichen Lasten sind insbesondere in schneereichen Gebieten nicht ungewöhnlich und müssen, gesetzlich vorgeschrieben, entsprechend bei der Konstruktion und der Berechnung der Tragfähigkeit eines jeden Daches in Deutschland nach DIN 1055 berücksichtigt werden. Diese Norm, die die bei der Konstruktion zu berücksichtigenden Zusatzlasten vorschreit, berücksichtigt hinsichtlich der Schneelasten die individuellen Wetterlagen ebenso wie die Höhenlage und teilt das Land in Zonen ein. Bad Reichenhall wird da mit einer mittleren Höhe über NN von 473 m zu den am stärksten von Schneefall bedrohten Zonen des Landes gezählt (Schneelastzone III). Der Architekt und sein Statiker müssen jedes Dach in dieser Zone so berechnen, dass es einer Zusatzlast aus Schnee oder Eis von 125 kg /m2 jederzeit standhält.

Warum das Dach der Reichenhaller Eislaufhalle zusammenbrach, kann sich auch Dr.-Ing Hans-Peter Andrä, Präsident der Bundesvereinigung der Prüfingenieure für Bautechnik, zu diesem Zeitpunkt noch nicht schlüssig erklären: „Sicher war die Belastung der Dachkonstruktion zur Zeit des Unglücks im rechnerischen Grenzbereich. Aber die sonstigen Reserven der Berechnung hätten das Dach doch sicher halten müssen. Wahrscheinllich ist, dass die Tragfähigkeit der Hohlkastenträger durch „Alterung“ irgendeiner Art, eventuell auch Wasserschäden, nicht mehr der ursprünglichen Berechnung entsprach.“

Dass die Sicherheit im Hochbau durch regelmäßige Prüfung erheblich verbessert würde, bestätigt Andrä. „Den Bau-Tüv gibt es schon, man müsste die entsprechenden Inspektionen nur durchsetzen“. rok

Von Rolf O. Karis

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