Lichttechnik 15.04.2011, 19:52 Uhr

Licht darf rein, Wärmestrahlen nicht

Licht aus, statt lediglich Energiesparlampen einzusetzen, fordert der Lichtplaner Helmut Köster, Frankfurt. Mit den entsprechend konstruierten Lamellen-Jalousien lasse sich Tageslicht effektiv in Innenräume lenken und gleichzeitig Strahlungswärme aussperren, so Köster im folgenden Interview.

VDI nachrichten: Herr Köster, Tageslichttechnik – was versteht man darunter?

Köster: Bei der Tageslichttechnik geht es darum, Innenräume einerseits besser vor Überhitzung durch die Sonne zu schützen und gleichzeitig die Innenräume besser mit Tageslicht zu versorgen.

Worin liegt dann der Unterschied zu üblichen Sonnenschutzanlagen?

Die in Verwaltungsbauten üblichen Sonnenschutzvorrichtungen sind zum Beispiel spiegelnde oder eingefärbte Glasscheiben, zusätzlich außen liegende Sonnenschutzanlagen und meist auch noch innen liegende Blendschutzanlagen. All diese Techniken – besonders wenn diese schichtweise in der Fassade übereinander gepackt werden – führen im Endeffekt zu einer Innenraumverdunkelung und zwingen dem Gebäude tagsüber einen erhöhten Verbrauch an elektrischer Beleuchtung auf. Die elektrische Beleuchtung belastet die Gebäude wiederum mit Wärme. Somit führt der klassische Sonnenschutz paradoxerweise zu einer Erhöhung der Klimalasten.

Diesen Widerspruch löst die Tageslichttechnik: Sie verhindert mittels einer ausgefeilten Reflektortechnik Überhitzung, ohne die Gebäude zu verdunkeln – im Gegenteil, gleichzeitig wird diffuse Himmelsstrahlung an die Decke und in die Raumtiefe umgelenkt und die Durchsicht in der Fassade verbessert.

Wie hoch schätzen Sie das Energiesparpotenzial mittels Tageslichttechnik ein?

In den USA werden ca. 30 % des Gesamtenergieverbrauchs von Verwaltungsgebäuden nur für künstliche Beleuchtung verwendet. Die Retro-Tageslichttechnik ermöglicht eine höhere Tageslichtautonomie, damit eine geringe Einschaltdauer der elektrischen Beleuchtung sowie verminderte Kühllasten. Dies führt in den USA zu Einsparungen bis zu 40 %, in Deutschland zu Einsparungen von ca. 25 % bis 30 %.

Warum hat es so lange gedauert, die verbesserte Nutzung des Tageslichtes als Energiesparressource zu entdecken?

Unser Büro hat schon 1987 die ersten Gebäude mit Tageslichttechnik ausgerüstet. Die Energiespardiskussion erschöpft sich jedoch bis heute fast ausschließlich im Wettbewerb um bessere Dämmstoffe und größere Dämmstoffdicken, um Heizenergie zu sparen. Im Verwaltungsbau belastet der winterliche Heizbedarf die Energiebilanz weit weniger als die sommerlichen Kühllasten und die elektrische Beleuchtung. Die Politik fordert Energiesparlampen. Wir fordern, das Licht auszuschalten – mindestens solange der Tag und die Sonne ein kostenloses Strahlungsangebot liefert!

Was unterscheidet Ihre Lichtlenksysteme vom klassischen Sonnenschutz?

Bunte Lamellen oder Stoffbahnen erfüllen nur den Anspruch an Beschattung ohne Tageslichtversorgung. Die neue Tageslichttechnik nutzt Spiegel zur Lichtumlenkung – im Winter nach innen zur passiven Solarenergienutzung und im Sommer nach außen zur passiven Kühlung. Ich habe meine weitere Aufgabe darin gesehen, präzise optische Konturen für Jalousielamellen zu entwickeln, die nicht nur die überhitzenden Sonnenstrahlen ausblenden, sondern gleichzeitig diffuses Himmelslicht zur verbesserten Raumausleuchtung einlenken. Retro-reflektierende Tageslichtsysteme gewährleisten zudem eine bessere Durchsicht und erfüllen damit höchste Komfortansprüche.

Gibt es Gründe, warum sich die Tageslichtlenkung nur langsam am Markt durchsetzt?

Die Sonnenschutzindustrie hat das Thema „Licht“ noch nicht entdeckt. Wir beraten Bauvorhaben im Golf, in asiatischen Ländern, in Brasilien und in Südafrika – die deutsche Industrie tut sich tatsächlich schwer. Der Durchbruch wird kommen, wenn demnächst die Beleuchtungsindustrie Tageslichtlenksysteme auf den Markt bringt. Architekten und Ingenieure sind hungrig nach Innovationen, die Anforderungen nach Energieeinsparung sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Paradigmenwechsel vom reinen Sonnenschutz zur volks- und betriebswirtschaftlich sinnvolleren und werthaltigeren Tageslichtlenkung stattfindet. ROLF O. KARIS

Ein Beitrag von:

  • Rolf-Otto Karis

    Stellvertretender Chefredakteur VDI nachrichten. Fachgebiete: Wirtschaft, Wirtschaftspolitik, Messen.

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