Gebäudeplanung 11.11.2011, 12:04 Uhr

Komfort und Barrierefreiheit schließen sich nicht aus

Energieeffizienz, Barrierefreiheit, Komfort, persönliche Sicherheit und nachhaltiger Betrieb sollten bei der Gebäudeplanung ganzheitlich als ein Ziel betrachtet werden, fordert Klaus Scherer, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Zentrums Duisburg, im folgenden Interview.

VDI Nachrichten: Herr Scherer, welche Empfehlungen geben Sie ihrem besten Freund, der sich anschickt zu bauen hinsichtlich Barrierefreiheit?

Scherer: Zunächst einmal eine Beratung vor Ort in der Wohnung machen lassen die örtlichen Verhältnisse im Zusammenhang mit eventuellen Handicaps oder Komfort- und Sicherheitsansprüchen in eine bauliche Planung überführen und dann ein Angebot machen lassen. Kompetent sind hier meist z. B. die Wohnberatungen der Städte oder der Sozialverbände.

Die baulichen Maßnahmen, z. B. Bad, Treppen, sollten eventuell ergänzt werden durch besondere Maßnahmen an kritischen Punkten wie Bett oder Bad. Auch sollte mittlerweile an die zusätzliche Sicherheit und den Komfort durch Elektronik und Informationstechnik gedacht werden, z. B. automatische Not-
fallerkennung und -meldung; Erinnerungsfunktionen aller Art und auch Multimediafunktionen wie Videokonferenz über TV (Familien-TV). Beraten und planen können hier Elektrohandwerksbetriebe oder Systemintegratoren, wie auch die inHaus-GmbH.

Gilt das nur für das klassische Einfamilienhaus oder kann das auch auf die Eigentumswohnung übertragen werden.

Ja, das ist mit einigen Anpassungen ohne Weiteres auf Eigentumswohnungen übertragbar.

Was im Alter und bei Behinderung sein muss, ist vorher auch schon bequem?

Ja, durchaus. Zum Beispiel ist eine einfache Bedienung der Haustechnik- und Multimedia-Ausstattung immer auch eine Komfortfunktion für jüngere und gesunde Menschen.

Welche Rolle wird in Zukunft die Gebäudeautomatisierung spielen?

Zunächst sollte man sagen, dass es nicht nur um Automatisierung, sondern auch um technische Assistenz geht. Beispiel: Wenn die intelligente Haustechnik erkennt, dass bei minus 5 °C Außentemperatur im Winter das Fenster zu lange geöffnet ist, kann sie ein Warnsignal geben, oder ein motorischer Antrieb am Heizkörper schließt automatisch das Heizkörperventil, damit keine Wärme zum Fenster hinaus verschwindet. Das ist dann eine Kosten- und Komfortfrage.

Generell wird die intelligente Haustechnik mit Automatik- und Assistenzfunktionen in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, so wie es beim Auto schon lange der Fall ist. Treibende Faktoren sind die Energiewende, der demografische Wandel und auch technologische Trends wie Smartphones, Internet und Smart-TV.

Macht es Sinn, steuerungstechnisch alles in ein einziges Netz zu packen? Also die energetische Steuerung und das, was den Komfort und das Home-Entertainment angeht?

Nein; das macht nicht nur keinen Sinn, sondern es wird auf technische Probleme stoßen, da die diversen Techniksegmente in Haus und Haushalt zu unterschiedlich sind. Sinn macht eine offene Integrationsplattform auf der Basis von Middleware (z. B. .Net OSGI), die dann die unterschiedlichen Techniksegmente zu einem Systemkonzept integrieren kann. So geht auch das Fraunhofer-inHaus-Zentrum vor (inHaus = integrierte Haussysteme!)

Was halten Sie vom Projekt „Connected Home“ der Telekom?

Bezüglich der technischen Infrastruk-
turkonzepte schlüssig und interessant. Die technischen Konzepte sind ähnlich wie oben beschrieben. Wir haben von 2000 bis 2010 auch mit der Deutschen Telekom (T-Systems) an diesen Konzepten gearbeitet.

Allerdings konzentrieren wir uns jetzt mit Wirtschaftspartnern und sieben Fraunhofer-Instituten immer mehr auf konkrete Anwendungslösungen im Energieeffizienz- und Senior-Care-Bereich (AAL), auch in Pilotprojekten und auch schon in normalen Praxisprojekten (zurzeit ca. 1000 Wohneinheiten realisiert). Wir denken, dass die Anwendungserfordernisse die Techniklösungen treiben sollten. Funktionierende und bezahlbare Techniklösungen gibt es mittlerweile in großer Zahl.

Noch sind ja viele „Standards“ der Hausvernetzung unterwegs – hat das Telekom-Projekt die Chance, zum führenden Standard zu werden?

Den einen Standard wird es meines Erachtens nicht geben (s. o.). Mittlerweile sind viele potente Marktteilnehmer im Smart-Home-Bereich unterwegs. Zum Beispiel aus dem Bereich der Versorger wie die RWE mit ihrem Smart-Home-System im Zusammenspiel mit dem kommenden intelligenten Stromnetz (Smart Grid). Mit der RWE Effizienz GmbH und anderen Partnern, z. B. Vaillant, arbeiten wir an ganz konkreten Energieeffizienzlösungen mit hohem Nutzenpotenzial. Im Senior-Care-Bereich sind wir ebenfalls auf dem Weg zu praxisorientierten Anwendungslösungen, z. B. mit unseren Partnern Mauser-Care und Villeroy & Boch und unserem Pilotanwender Sozialwerk St. Georg. Wir nutzen hierzu technisch jeweils die sinnvollsten am Markt verfügbaren Technologien und Produkte. Nur wenn notwendige Komponenten am Markt nicht verfügbar sind, machen wir entsprechende Neuentwicklungen.

Wie soll man mit dem Baubestand umgehen? Das ist doch immer noch der größte Teil unserer Wohnbebauung.

Es gibt mittlerweile angepasste Lösungen für den Neubaubereich, aber auch für den Modernisierungsbereich. Zum Beispiel im Bereich der Vernetzungsmedien kommen für die Nachrüstung die Funkvernetzung und die Power-
Line-Vernetzung (Datenvernetzung über das Stromnetz) infrage. Großes Potenzial hat auch das POF-Medium (Plastik-Lichtfaser) wegen seiner guten Integrierbarkeit in bestehende bauliche Verhältnisse (1 mm dick, keine Störungen und geringe Störbarkeit, kostengünstig).

Wieweit sollte die Politik mit Fördermitteln und /oder Steuererleichterungen die Errichtung barrierefreier Häuser und Wohnungen forcieren?

Wichtiger als staatliche Förderungen sind meines Erachtens schlüssige und attraktive Geschäftsmodelle und Rahmenbedingen für die Marktteilnehmer. Ich denke hier besonders an die Wohnungswirtschaft mit ihren ca. 13 Mio. Wohneinheiten in Deutschland. Die Wohnungswirtschaft als Anwender hat wirklich das Potenzial den Smart-Home-Markt auf breiter Front zu öffnen und zu beschleunigen, auch in Kooperation mit den örtlichen Stadtwerken und Dienstleistern aller Art, z. B. Heizungshandwerkern und Pflegediensten.

Von Rolf O. Karis

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