Bau 20.12.2002, 18:23 Uhr

Wirtschaftsforscher Bernd Bartholmai zu Lage und Perspektiven der Bauwirtschaft

VDI nachrichten – Die Baubranche, einst Konjunkturlokomotive, ist zum Sorgenkind geworden: Der Schrumpfungsprozess der letzten Jahre wird sich noch fortsetzen, da auf das Ende eines langen Abschwungs jetzt aufgrund staatlicher Maßnahmen weitere negative Impulse folgen, meint nachfolgend Dr. Bernd Bartholmai vom DIW in Berlin.

VDI Nachrichten: In Deutschland ist das Bauvolumen seit 1999 in allen Bereichen rückläufig. Auch 2002 sieht es schlecht aus. Ist die Bauwirtschaft am Ende?

Bernd Bartholmai: Die Bauwirtschaft hat einen kräftigen Schrumpfungsprozess durchlaufen und muss in den nächsten Jahren einen weiteren hinnehmen. »Am Ende« ist sie zweifellos noch nicht erst dann, wenn es nichts mehr zu schrumpfen gibt, kann man vom Ende reden. Auch andere Branchen sind ja von der Konjunkturflaute betroffen, aber die Baukonjunktur ist eben besonders schlecht: Hier kommt zusammen, dass erstens die Nachfrage im gewerblichen Hochbau lahmt. Projekte für neue Immobilien gibt es genug, aber solange die Dienstleister Schlankheitskuren einlegen müssen, gibt es keine neuen Mieter und damit auch keine Baubeginne. Noch dazu ist zweitens die Nachfrage im Mietwohnungsbau seit Jahren rückläufig und die Nachfrage nach Eigenheimen (nach einem langen Gipfelsturm) geht seit zwei Jahren talwärts. Drittens wäre die kommunale Infrastruktur zwar dringend zu verbessern, die Stadtkämmerer dürfen aber leider kein Geld drucken …

VDI Nachrichten: Welche Folgen werden die Regierungsbeschlüsse Ihrer Meinung nach auf die Bauwirtschaft haben?

Bartholmai: Ziemlich katastrophale Folgen, weil in einem zu Ende gehenden Abschwung ein neuer negativer Impuls ausgelöst wird. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit, den hohen steuerlichen Verlusten – die aus Vermietung und Verpachtung stehen bei weitem im Vordergrund – einen Riegel vorzuschieben und unnötig hohe Subventionen abzubauen, kamen die Beschlüsse zur Unzeit und sie erscheinen mir in den strukturellen Folgewirkungen als zu wenig durchdacht.

Die heutigen Verluste aus Vermietung und Verpachtung betreffen ja Sünden der Vergangenheit (das Fördergebietsgesetz als Beispiel) und nur zum geringen Teil aktuelle Baujahrgänge; ich fürchte, dass man den privat finanzierten Mietwohnungsbau jetzt abwürgt, und so das Kind mit dem Bade ausschüttet. Auch bei der Eigentumsförderung hätte ich mir eine bessere Lösung vorstellen können.

VDI Nachrichten: Der Wohnungsbau hat im Rahmen der gesamten Bauleistungen das höchste Gewicht. Wie sehen Sie hier die weitere Entwicklung?

Bartholmai: Die parallele Abwärtstendenz beim Geschoss- und Eigenheimbau wird sich fortsetzen. Kurzfristig werden die Bauanträge für Eigenheime hoch schießen, dann kräftig fallen. Auf Sicht von drei Jahren sollte dann eine Stabilisierung eintreten. Beim Mietwohnungsbau wird es länger dauern, weil die erzielbaren Renditen erst dann wieder attraktiv sein werden, wenn die Mieten sehr stark anziehen die Baupreise können ja nicht mehr viel nachgeben. Als Stütze bleibt das beachtliche Modernisierungsvolumen, aber auch dieses wird durch die steuerlichen Beschlüsse womöglich angekratzt.

VDI Nachrichten: Halten Sie generell die Förderinstrumente des Staates im Wohnungsbau und in der Wohneigentumsförderung noch für zeitgemäß? Was muss angesichts der schwierigen Lage jetzt geschehen?

Bartholmai: Diese Frage ließe sich wohl eher in Buchform beantworten. Hier aber meine Ansicht ganz kurz: Beschränkungen der privaten unternehmerischen Betätigung als Vermieter hätte man im Wege einer engeren Definition der privaten Vermögensverwaltung angehen können; zusätzlich hätte man den »Erhaltungsaufwand« enger fassen und große Instandsetzungen gesondert als Investitionen (z.B. mit 10-jähriger Abschreibung) einordnen können.

Bei der Eigentumsförderung muss man die Ziele sehen: Bauförderung steht nicht mehr im Vordergrund das sieht die Bauwirtschaft vielleicht anders, wenn sie für »ihre Förderung« demonstrieren lässt.

Es bleibt die Vermögensbildung als wesentliches Motiv für staatliche Hilfen. Die jetzige Operation zielt einseitig auf Familien mit Kindern das wirft einige Fragen auf letztlich die, warum diese Regierung nicht ein neues Vermögensbildungsgesetz konzipieren will. Man sollte die Eigentumsförderung nicht immer wieder unter einen neuen Stern stellen; jetzt soll sie anscheinend als Vehikel der Familienpolitik dienen.

VDI Nachrichten: Angesichts leerer öffentlicher Kassen gibt es im öffentlichen Bau immer tiefere Einschnitte. Gibt es überhaupt reelle Chancen, die Infrastruktur in Deutschland weiter auszubauen und dabei gleichzeitig die öffentlichen Kassen zu entlasten?

Bartholmai: Infrastruktur ist ein weiter Begriff. Neben der im engeren Sinne, die vor allem Betätigungsfelder der Bauwirtschaft speziell im Tiefbau meint, gibt es ja auch die soziale Infrastruktur – Bildungs- und Gesundheitswesen, und ähnliches – die nicht nur bauliche Aspekte hat. Aber auch in diesen Bereichen sind die Gebäude vielfach vernachlässigt, oder es fehlen neue. Ihre Frage zielt wohl auf Möglichkeiten der Privatisierung, was ja auch die Bauindustrie propagiert. Aber die Felder, die für eine Verlagerung auf private Unternehmen oder Betreibermodelle geeignet sind ÖPNV, kommunale Energie- und Wasserversorgung, Müllabfuhr und Entsorgung, Sportstätten etc. , sind begrenzt; da geschieht ja einiges. Natürlich könnte man sich auch öffentliche Gebäude als Leasing-Objekte vorstellen dann ist nur zu fragen, ob das für den Steuerzahler billiger wird.

VDI Nachrichten: Besonders problematisch ist die Entwicklung der Baubranche in den neuen Bundesländern. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Anzahl der Firmen-Insolvenzen. Wo liegen die Ursachen für die besonders scharfen Einbrüche im Osten, und was muss geschehen um diese fatale Entwicklung zumindest zu stoppen?

Bartholmai: Hauptursache ist die Übersteigerung in den Jahren bis 1997. Es sind noch immer die Folgen der Fehlallokationen, die bis heute auf den Märkten lasten. Der Mietwohnungsbau tendiert dort gegen Null, obwohl Sanierungs- und Stadtumbaubedarf unbestritten sind. Der Gewerbebau steckt in einer ähnlichen Klemme nach dem Bau auf der grünen Wiese fällt es schwer, Innenstädte funktionell zu beleben. Die Idee des Stadtumbauprogramms, Wohneigentümer zunehmend dorthin zu locken, erscheint mir bei der angedachten Neukonzeption der Eigentumsförderung ebenfalls nicht als Erfolg versprechend. So bleibt abzuwarten, was aus den in der vorigen Legislaturperiode getroffenen Ankündigungen der Bundesregierung werden wird. Am Ende zählt, was hinten herauskommt.

VDI Nachrichten: Ihre Prognose: Kann die Bauwirtschaft jemals wieder in Deutschland die Rolle einer »Konjunkturlokomotive« spielen?

Bartholmai: Ein Bauboom ist eben ein seltenes Ereignis. Der letzte kam zustande, weil Wohnungs- und Wirtschaftsbau – mehr oder weniger zufällig – gleichzeitig aufwärts tendierten. Da waren die Bauwirtschaft und auch die Politiker ganz stolz, was man so alles leisten und bewegen kann. Generell gibt es viele Gründe, die dafür sprechen, dass die Bauquote auch bei kräftigerem Wirtschaftswachstum tendenziell sinkt. Das kann man ex-post belegen und es wird in allen längerfristigen Prognosen so gesehen. Für die nächste Zeit sehe ich eher die Gefahr, dass diese Lokomotive auf ein Nebengleis rangiert wird. Schlimmer noch: Sie fährt in die falsche Richtung.

 

Von T. Schulze/wip

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