Bau 30.01.2004, 18:28 Uhr

Hier planen die Bürger mit

VDI nachrichten, Bremen, 30. 1. 04 -Eine Bremer Psychologin entwickelte ein simples Straßenmodell zur leicht verständlichen räumlichen Demonstration von Planungsvorhaben. So lassen sich rasch und unbürokratisch Planungsfehler vermeiden und eine gleichberechtigte Bürgerbeteiligung erreichen.

Zugeparkte Straßen, Berge von gelben Säcken, weit und breit kein Kinderspielplatz – so sieht die Realität in manchen Stadtteilen bundesdeutscher Großstädte aus. „Bürgerfreundliche Stadtplanung“ lautete das Zauberwort, das hier Abhilfe schaffen soll – und oftmals ein reines Lippenbekenntnis bleibt.
Denn die Gestaltung des Straßenraumes in Wohnquartieren wird immer noch allzu oft von „oben“ bestimmt. Die verantwortlichen Stadt- und Verkehrsplaner berücksichtigen dabei zu wenig die Folgen, die ihre Maßnahmen in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht haben.
Mit diesem Problem hat sich die Bremer Psychologin Esther Bernds in ihrer Dissertation „Verteilungskonflikte im Straßenraum – Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen konkurrierender Interessengruppen“ beschäftigt und – eine Lösung gefunden. Mit dem von ihr entwickelten Straßenmodell werden Wege aufgezeigt, wie die Gerechtigkeitsvorstellungen konkurrierender Interessensgruppen bei der Stadtentwicklung auf faire Art und Weise berücksichtigt werden können. Die Dissertation basiert auf Forderungen, die aus dem Leitbild der „Nachhaltigen Entwicklung“ hervorgehen. Hier sind die Begriffe Gerechtigkeit und Fairness, aber auch Wörter wie Ökologie, Ökonomie und Soziales zentral. Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass gerechte Verteilungen von knappen Ressourcen durch faire Verfahren erreicht werden können.
Gerechtigkeitsfragen spielen dann eine Rolle, wenn zu wenig von etwas da ist. Für die Untersuchung, die der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung zugeordnet wird, wurde als Anwendungsfeld der knappe Straßenraum in Bremer Straßen ausgewählt. Im Zentrum steht im empirischen Teil der Dissertation die Analyse von Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen unterschiedlicher Nutzungsgruppen (z.B. Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger) und verschiedener Akteursgruppen (z.B. Bürger, Stadt- und Verkehrsplaner aus Behörden und der Wirtschaft) im Straßenraum. An der explorativen qualitativ angelegten Studie nahmen insgesamt 45 Personen teil.
Um schon in der Untersuchungssituation faire Kommunikation zu ermöglichen hat Esther Bernds eine neuartige Untersuchungsmethode entwickelt. Dadurch wird schon von Beginn an nach den Verteilungsvorstellungen unterschiedlicher Interessengruppen im Straßenraum gefragt. Welche Nutzungsgruppe bekommt wie viel Straßenraum?
In der Untersuchung wird geprüft, welche Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen Bürgerinnen und Bürger aber auch Stadt- und Verkehrsplaner aus Behörden und der Wirtschaft haben. Die Ergebnisse wurden untereinander verglichen. Herausgearbeitet wurde z.B., wie in Konflikt- und Lösungsdarstellungen die Interessen von Privatpersonen, Kindern, Senioren, Autofahrern, Fahrradfahrern oder wirtschaftlichen Betrieben betrachtet werden, welche Prioritäten gesetzt werden und wer nicht berücksichtigt wird. Herausgestellt wurde auch, wer nach Ansicht der Befragten für Konflikte verantwortlich ist und wer demgegenüber für Lösungen von Konflikten sorgen soll.
Das Besondere an der Dissertation und ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit ist die Entwicklung einer innovativen Untersuchungsmethode, die gleichzeitig als Instrument in Bürgerbeteiligungsverfahren eingesetzt werden kann. Nach dem Vorbild von Wohnstraßen in Bremen wurde ein gegenständliches Straßenmodell aus Holz gestaltet. Alle Elemente dieses Modells (Fassaden mit unterschiedlichen Häusertypen, Holzautos, Fahrräder, Menschen, Hunde, Blumen und Sträucher etc.), das im Maßstab 1:25 entwickelt wurde, können flexibel verschoben werden.
Mit dem Modell kann eine gerechte Beteiligung verschiedener Gruppen optisch dargestellt werden. Faire Kommunikation beruht z.B. darauf, dass alle Beteiligten in einer Gruppe auf „ihre Weise“ zu Wort kommen können: Frauen wie Männer, Alte wie Junge, Experten und Laien. Das Modell machte möglich, dass sie ihre Kritik und ihre konstruktiven Vorschläge sowohl verbal wie nonverbal zum Ausdruck bringen konnten. Dies reduziert die Hemmschwelle, die entsteht, wenn einige Diskussionsteilnehmer besser ausgebildet oder sprachgewandter sind als andere.
In Planungsprozessen fehlt zudem oftmals Transparenz über das, was geplant werden soll. Im Modell können Informationen eingefordert werden, die Kritik oder Lösungen verständlich machen. Diese Phase des Probehandelns wurde zur Überprüfung der Realisierbarkeit auch für diejenigen genutzt, die etwas vorgeschlagen haben. So wurden verschiedentlich unrealisierbare oder unpraktische Lösungen auch gleich von denen, die sie vorgeschlagen hatten, zurückgenommen.
Als „Planungsfehler“ zeigte sich beispielsweise die Idee eine Sammelstelle für gelbe Säcke und Müll an einer Straßenecke. Dort sollten die Entsorgungsbetriebe es abholen. Die Beteiligten stellten sofort fest, dass diese Lösung ungerecht ist, weil es für niemanden zumutbar sei, an dieser durch Müll und Geruch belasteten Stelle dauerhaft zu wohnen. Sie plädierten für eine Teilung der „Lasten“ durch wechselnde Orte für solche Sammelstellen.
Generell zeigten alle Beteiligten ein großes Gerechtigkeitsbewusstsein: Sie setzten sich insbesondere für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen fürsorglich ein. In ihren Vorschlägen zur Gestaltung der Straße orientieren sich die erwachsenen Befragten an den Bedürfnissen der Kinder. „Man hatte den Eindruck, als würden die Befragten, indem sie sich für die Belange von Kindern einsetzten, auch ihr eigenes Bedürfnis, die Straße als Lebensraum zu nutzen, realisieren“ vermutet Esther Bernds.
Das Modell ist ein Prototyp, der für die Konfliktmoderationsprozesse und Mediationsverfahren konzipiert wurde. Es wurde für die Ideengenerierung schon erfolgreich auf Stadtteil- und Straßenfesten eingesetzt. In Kürze wird das Modell auch für Bürgerbeteiligungsverfahren genutzt. „Wichtig erscheint mir,“ fasst die Bremer Wissenschaftlerin zusammen, „dass auch in anderen Prozessen, z.B. für die Konfliktbewältigung in Unternehmen, solche Prototypen mit gegenständlichen Modellen entwickelt werden, die auch hier eine faire Kommunikation befördern können. Denn sobald Unrecht im Modell „sichtbar“ wird, wird im Dialog nach Lösungen gesucht.“b/wip
email: bernds@unplugged-kommunikation.de

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