Bau 01.12.2006, 19:25 Uhr

„Hier liegt noch ein Milliardenmarkt brach“  

VDI nachrichten, Leipzig, 1. 12. 06, rok – Behinderten Menschen, aber auch den zunehmend älter werdenden Mitbürgern, stellen sich im täglichen Leben oft unüberwindliche Barrieren in den Weg. Sei es in ihrem Zuhause, im öffentlichen Raum oder auf Reisen. Gerd Oberheid, Leiter des Arbeitskreises „Barrierefreies Planen und Bauen“ bei der Architektenkammer Sachsen sowie der Wohnberatungsstelle der Selbsthilfegruppe für Körperbehinderte in Dachau, kennt die Probleme, aber auch die Chancen barrierefreien Bauens.

Oberheid: Im Grunde meine eigene Behinderung. Vorher kommt man oft nicht darauf. Seit ich unter einer Form von Multipler Sklerose leide, was zu Lähmungen der Beine führte, verbringe ich einen Teil des Tages im Rollstuhl. So nimmt man diese Problematik plötzlich ganz anders wahr.

VDI nachrichten: Der Osten der Republik vergreist langsam, doch auch bundesweit gibt es ähnliche Tendenzen – tut sich hier also ein breites Arbeitsfeld auf?

Oberheid: Das ist wahr. Seriösen Studien zufolge, ist in zehn Jahren jeder zweite Deutsche 60 Jahre alt und älter, zudem nimmt die Zahl Behinderter und chronisch Kranker deutlich zu. Die Ansprüche an Bauen und Wohnen ändern sich damit gravierend. Wer heute baut, plant und vermietet, darf nicht zuerst die Schönen und Jungen im Blick haben, sonst schneidet er sich 50 % seiner Klientel ab.

VDI nachrichten: Welche Ziele hat Ihr Arbeitskreis?

Oberheid: Das erste Ziel unserer 40 Mitglieder besteht darin, Fachschaft und Öffentlichkeit für den daraus erwachsenden Handlungsbedarf zu sensibilisieren. Wir beraten Kollegen, Behörden, Landschafts- und Stadtplaner, private Bauherren und Behindertengruppen, nehmen Einfluss auf die Standardisierung, tragen das Thema stärker in die Praxis. Aus nunmehr eigenen leidlichen Erfahrungen weiß ich, dass auch viele öffentliche Gebäude nicht für jedermann problemlos zugänglich sind. Das aber schreibt das Bundesgleichstellungsgesetz zwingend vor. Ein wichtiges und zudem milliardenschweres Feld bildet überdies der barrierefreie Tourismus.

VDI nachrichten: Können Sie das an Zahlen festmachen?

Oberheid: Laut Bundeswirtschaftsministerium spielen derzeit rund 3,64 Mio. schwer behinderte Reisende dem deutschen Fremdenverkehr 2,5 Mrd. € ein. Sie sichern damit rund 65 000 Vollzeitjobs. Das Doppelte wäre aber machbar, stellten sich die Anbieter besser auf diese Gruppe ein. Denn es ist nachgewiesen, dass ältere und behinderte Menschen sehr gern und ebenso häufig reisen, zudem meist länger als andere. Im Schnitt geben sie auch mehr Geld aus, nämlich 945 € pro Person, bei der übrigen Bevölkerung sind es 818 €.

VDI nachrichten: Zum Beispiel?

Oberheid: Ich habe als Architekt 15 Jahre in Spanien gearbeitet und hier gemerkt, die großen Tourismuszentren gehen an dem Thema bis heute schlicht vorbei. Hier verschenkt die Baubranche Milliarden.

Ich plane gerade in Spanien ein 1000-Betten-Hotel mit Klinik, Reha- und Sportanlagen. Wir beleuchten Urlaub am Meer von einer ganz anderen Seite. Hier kann auch der Dialysepatient herfahren, der auf medizinische Strukturen angewiesen ist, der chronisch Kranke, der Psychosomatiker und der Transfusionsabhängige, der sich sonst nie von seiner „Zapfstelle“ trennt.

Da gibt es Zehntausende, die sich nicht trauen, die aber eigentlich den Ortswechsel dringend nötig hätten. Und das sind oft jene, die noch Geld haben und es auch ausgeben wollen. Die Bürgermeisterin des Ferienortes hat das erkannt, sie geht voll mit.

VDI nachrichten: Warum tun sich Bauherren, Anlagenbetreiber und Vermieter so schwer mit diesem Thema?

Oberheid: Zum einen sind es Vorurteile, zum anderen Unwissen oder nur Gedankenlosigkeit. Man ist kurzsichtig, unterschätzt den Wert flexibler Konzepte, die für alle Altersgruppen nutzbar sind. Die Banken haben das langsam kapiert. Sie schauen bei Krediten teils schon genau, ob der Wohnhauseigner eine Sanierung so plant, dass er nicht in Bälde die halbe Klientel aussperrt.

VDI nachrichten: Das wird dann freilich auch sofort teurer, oder?

Oberheid: Das ist ein gängiger Irrtum. Es kostet eben nicht mehr, wenn man den nachhaltigen Nutzungsaspekt sofort einplant. Wohnqualität, die auch im Alter nutzbar bleibt, verkauft sich einfach besser. Es gibt viele schöne Häuschen, über Jahrzehnte hart abgespart, die man mit 62 aufgeben muss, weil man nach Schlaganfall oder Unfall nicht mehr die Treppe zum Bad hinaufkommt. HARALD LACHMANN

Ein Beitrag von:

  • Harald Lachmann

    Harald Lachmann ist diplomierter Journalist, arbeitete zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen.

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