Bau 06.04.2001, 17:29 Uhr

„Für den Bau hat es zwölf geschlagen“

Die Beschäftigtenzahl in der Baubranche sinkt auf einen rekordverdächtigen Niedrig- stand, die Zahl der Aufträge auch. Eine Reihe von Negativfaktoren träfen im Moment zusammen, erläutert Ignaz Walter, Präsident des Hauptverbandes der Bauindustrie.

Es klingt wie ein Horrorszenario, wenn Ignaz Walter, Präsident des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie (Berlin), über die Lage der Bauwirtschaft in Deutschland spricht: „Es ist nicht eine Minute vor zwölf, es ist schon zwölf.“
Und so weit entfernt davon ist die Lage tatsächlich nicht. Walter rechnet in diesem Jahr noch einmal mit dem Abbau von 40 000 bis 60 000 Arbeitsplätzen in der Bauwirtschaft. In den vergangen zehn Jahren sind nach seinen Worten von den insgesamt 1,9 Mio. Stellen der Bauwirtschaft bereits 900 000 abgebaut worden. Die Zahl der Beschäftigten könnte bald erstmals in der Nachkriegszeit unter 1 Mio. sinken.
Was die Umsätze betrifft, rechnet er mit einem Rückgang 2001 um mindestens 1 %. Während dabei der Westen noch mit einer „roten Null“ davon käme, sehe es in den neuen Bundesländern rabenschwarz aus. Hier hält er einen Umsatzrückgang von 5 % bis 6 % für möglich.
Im Moment, so Walter, kämen alle möglichen Negativfaktoren zusammen: Es gebe einen Einbruch bei der Nachfrage, die Preise fielen, die Ausschreibungsbedingungen würden immer ruinöser und das Zahlungsverhalten der Kunden werde allmählich unhaltbar. Innerhalb von fünf Jahren sind nach seinen Worten die Umsätze um bis zu 25 %, die Preise um 35 % zurückgegangen.
„So geht es nicht weiter“, pflichtet ihm Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, bei und weist auf die katastrophale Zahlungsmoral der öffentlichen Hand hin. Schon längst hätten Bund, Länder und Kommunen ihre Vorbildfunktion verloren. Immer mehr Unternehmen kämen in Schwierigkeiten, weil sie monatelang auf ihr Geld warten müssten.
Überhaupt trägt Walter zufolge die Politik die Hauptschuld an der Dauerkrise. Die Baubranche werde „totgespart“, klagt er. Bundesfinanzminister Eichel verwechsele Sparen mit Investitionsrückhalt. Dabei schreie ein gewaltiger Baubedarf der öffentlichen Hand nach Realisierung. „Wenn das so weitergeht, wird die Bauwirtschaft gezwungen, auf die Straße zu gehen“, droht der Verbandschef. „In dem Punkt ziehen wir mit den Gewerkschaften an einem Strang.“
Stichwort öffentlicher Bau: Eine investitionspolitische Trendwende von Bund, Ländern und Gemeinden ist Walter zufolge wichtige Voraussetzung für die Überwindung der Krise in der Bauwirtschaft und für den dringenden Erhalt der Infrastruktur.
Vieles spricht nach seiner Meinung allerdings dafür, dass die Gebietskörperschaften sich dieser Forderung der Bauindustrie und auch der Bürger nicht länger entziehen können. „Zum einen wird die Leistungsfähigkeit der Verkehrswege sowie der Ver- und Entsorgungseinrichtungen zunehmend zu einem Faktor im internationalen Standortwettbewerb“, so der Verbandspräsident. Großbritannien und die USA hätten dies längst erkannt. So werde Großbritannien in den nächsten 10 Jahren umgerechnet 560 Mrd. DM in seine Verkehrswege investieren. Die Vereinigten Staaten wiederum würden bereits seit 1998 ein Infrastrukturprogramm von 400 Mrd. DM fahren, mit dessen Hilfe die US-amerikanischen Infrastrukturnetze bis 2003 wettbewerbsfähig und für ausländische Investoren attraktiver gemacht werden sollten.
„Zum anderen ist der öffentliche Investitionsstau heute für alle Bürger deutlich sichtbar“, sagt Walter. Seien es die Staus auf den Straßen, die Rohrbrüche in den Städten oder die Verspätungen der Deutschen Bahn – der Bürger erlebe mit eigenen Augen, dass die öffentlichen Infrastrukturnetze an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen seien.
Dies gelte vor allem für die Verkehrsinfrastruktur, die sich schon jetzt den zunehmenden Anforderungen eines europäischen Binnenmarktes nicht mehr gewachsen zeige. „Schon seit Jahren werden unsere Straßen nicht bedarfsgerecht saniert“, klagt er. „Sie entsprechen heute weder dem Stand der Technik, noch sind sie den Anforderungen des Verkehrs gewachsen.“ Um den Investitionsstau aufzulösen, müssten die Investitionen im Bundesfernstraßenhaushalt um mindestens 4 Mrd. DM jährlich aufgestockt werden. „Die Bereitstellung von 900 Mio. DM auf drei Jahre im Rahmen des Zukunftsinvestitionsprogramms ist ein erster Schritt, aber nicht ausreichend.“
Was das Steckennetz der Bahn betreffe, so sei dies in den letzten 20 Jahren total vernachlässigt worden. Der Aufbau eines separaten Schienennetzes komme nicht voran. Walter weist darauf hin, dass die eigens von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission „Verkehrsinfrastrukturfinanzierung“ eine Aufstockung der Investitionsmittel um 3 Mrd. DM jährlich für die untere Grenze des zusätzlichen Finanzbedarfs halte. Die Ergebnisse der Arbeit dieser Kommission dürften auf keinen Fall in den Schubladen des Bundesbauministeriums „verschimmeln“. Nach seinen Worten müsste endlich erlaubt werden, mehr privates Kapital für öffentliche Projekte wie Autobahnen zu nutzen. Für die nächsten zehn Jahre gebe es im Straßenbau ein Investitionsvolumen von 40 Mrd. DM bis 50 Mrd. DM, bei Flughäfen von 30 Mrd. DM, im Schienenbau von 25 Mrd. DM und im Abwasserbereich von bis zu 110 Mrd. DM.
Der öffentliche Bau ist aber nicht das einzige Sorgenkind der Bauindustrie. Schlecht sieht es Walter zufolge auch im Wohnungsbau aus. „Im Geschosswohnungsbau ist die Talsohle noch lange nicht in Sicht“, meint er. Die Ausgeglichenheit des westdeutschen Wohnungsmarktes, die hohen Wohnungsleerstände von Altwohnungen in Ostdeutschland, aber auch falsche wohnungsbaupolitische Signale – insbesondere im Mietrecht und im Bereich der Kapitalanlage – hätten dafür gesorgt, dass die Zahl der neugenehmigten Wohnungen in Mehrfamilienhäusern in den ersten zehn Monaten 2000 um 22 % zurückgegangen sei.
Gleichzeitig falle der Eigenheimbau als Stütze der Wohnungsbaukonjunktur aus. Bedingt durch die Senkung der Einkommensgrenzen für die Förderung im Wohneigentum sei die Zahl der neu genehmigten Einfamilienhäuser von Januar bis Oktober 2000 um fast 15 % zurückgegangen. Und für das laufende Jahr ist Walter alles andere als optimistisch: „Die Zahl der fertig gestellten Wohnungen wird 2001 in Gesamtdeutschland auf bestenfalls 400 000 zurückgehen.“
Lediglich im Wirtschaftsbau sehe es etwas besser aus. Für diesen Bereich rechnet er in Westdeutschland mit einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Vielleicht käme am Jahresende sogar ein leichtes Plus heraus. Dagegen sei in den neuen Ländern weiter mit einem Umsatzminus zu rechnen. „Per Saldo können wir froh sein, wenn das Wirtschaftsbaujahr mit einer schwarzen Null abschließt“, sagt Walter. THOMAS SCHULZE/wip

Von Dm.

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