Bau 15.03.2002, 17:33 Uhr

Fluchtwege unter der Fahrbahn

Vor einer Woche wurde der 11,6 km lange Montblanc-Tunnel zwischen Frankreich und Italien für den Kfz-Verkehr wieder eröffnet. Er verfügt über neue Sicherheitsstandards. Kritiker meinen, das sei nicht ausreichend, um auch Lkw zuzulassen. Doch genau das will der französische Verkehrsminister jetzt durchsetzen.

Schreckliche Bilder gingen am 24. März 1999 um die Welt: Rauch und Feuer, Menschen, die in ihren Autos bis zur Unkenntlichkeit verkohlten. 39 fanden damals den Tod im Montblanc-Tunnel. Die hohe Zahl der Opfer war verantwortlich für zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen. In den vergangenen drei Jahren hat man den Tunnel mit neuen Überwachungsmöglichkeiten ausgestattet. Auch der Rauchabzug wurde verbessert. In seiner jetzigen technischen Ausstattung haben die französisch-italienischen Behörden den Tunnel abgenommen. Daraufhin entschied der französische Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot, das Bauwerk am 9. März für den Kfz-Verkehr freizugeben. Am 16. März sollen dann auch die Brummis wieder anrollen.

Damit zog der Kommunist sich den Ärger mit seinem grünen Amtskollegen zu, dem Umweltminister Yves Cochet. Er wollte erst Erfahrungen mit dem Kfz-Verkehr sammeln, „bevor der Tunnel für Lkw freigegeben wird“. Darüber hinaus kritisierte Cochet die vorgesehene abwechselnde Fahrerlaubnis in die eine oder andere Richtung für Lkw. Während in Charomix noch 1500 Menschen gegen den Lkw-Verkehr protestierten – darunter auch die Bürgermeister in blau-weiß-roter Schärpe – verlangten die Italiener ihrerseits eine Öffnung. Fest steht: Technisch ist der Tunnel so weit, dass der Verkehr fließen kann. Auch wenn Anfang Februar an seinem Gewölbe einige Risse im Beton auftraten, deren Ursache sich niemand so recht erklären kann.

Vom Unglück ist im Tunnel nichts mehr zu sehen. Aber neue technische Mittel erinnern daran. Ein thermographischer Überhitzungsdetektor beispielsweise. Auffälliger noch die neuen Regeln für Autofahrer: Nicht schneller als 70 km/h darf gefahren werden, Kehrtwenden sind ganz und gar untersagt. Der Mindestabstand zwischen den Fahrzeugen muss 150  m betragen. Damit die Regeln auch eingehalten werden, drohen überall Radarkameras. Die Polizei erklärt schon vorab, dass mit Nachsicht nicht zu rechnen sei. Weitere 120 Videokameras überwachen und analysieren Abschnitte von je 100 m Länge. Bei Vorfällen lösen sie Alarm aus. Im Brandfall treten überdies Rauchmelder in Aktion. 20 Stück wurden installiert.

Brennt tatsächlich ein Auto im Tunnel, ist der Vorfall also schnell feststellbar. Automatisch wird der Verkehr unterbrochen. Beleuchtete Schranken – alle 600 m installiert – hindern andere Fahrer am Weiterfahren. Jeweils sechs von ihnen können Nachrichten in Französisch und weitere sechs in Italienisch durch ein Lichtpunktfließband anzeigen.

Verkehrsteilnehmer haben also jetzt im Falle eines Falles größere Chancen als vor drei Jahren, einem möglichen Brand und einer Rauchvergiftung zu entkommen. Unterhalb des einröhrigen Tunnels verläuft ein 1,3  m breiter Rettungsgang für Fußgänger. Hier zirkuliert Frischluft. Der separate Gang mündet automatisch in die neu geschaffenen 37,5 m² großen Schutzräume. Sie gibt es jetzt alle 300 m, früher alle 600 m. Sie sind mit zwei Feuerschutztüren verschlossen und sollen „zwei Stunden lang Temperaturen von 1200  °C Stand widerstehen“, erklärt Sicherheitsexperte Dominique Van Peteghem. Die Refugien sind via Bildtelefon mit der Kommandozentrale verbunden. So kann man dort mit Geflüchteten in Kontakt bleiben.

Ihr Rat wäre vermutlich, das Eintreffen der Feuerwehr abzuwarten. Verletzte können dank zweier Elektrofahrzeuge geborgen werden, die in einem weiteren Gang unter der Fahrbahn in beide Richtungen pendeln. Kabel und Leitungen liegen nicht mehr wie bisher unter dem Bürgersteig, sondern sind ebenfalls in einem eigenen Rohrsystem unter der Fahrbahn verlegt. Dort verläuft auch ein weiteres Rohrsystem zur Rauchableitung. 116 Rauchableiter münden darin.

Die örtliche Feuerwehr kämpft zwar um noch mehr Mittel. Immerhin verfügt sie jetzt über drei leichtere sowie drei spezielle Feuerwehrwagen. Dank Thermokameras und Druckkabine vorne und hinten, also für beide Fahrtrichtungen, behindern Rauchschwaden jetzt nicht mehr die Weiterfahrt. Und wenn sie doch mal anhalten müssen, gibt es immer noch 116 Sicherheitshaltebuchten. Eine Sprechvorrichtung und ein Alarmknopf stehen ebenso bereit wie Feuerlöscher. Die Haltebuchten entsprechen sowohl französischen als auch italienischen Normen. Weitere Neuheiten sind das Feuerwehrzentrum in der Mitte des Tunnels, deren vier Wasserreservoirs je 30  m3 fassen.

Im Brandfall wird die Luftzirkulation unterbrochen, aber weiter Frischluft zugeführt, damit der Rauch abziehen kann. Dafür sind eigens Abzüge in die Decke eingelassen. Diese werden aber manuell betätigt. So sei es nicht möglich, die Situation in einem Zeitraum von weniger als 10 min zu stabilisieren, bedauert Ingenieur Nicolas Brichet. Automatisch würde dies in zwei bis drei Minuten gelingen.

Trotz aller neuen Brandschutztechnik unter dem Montblanc bleiben viele Franzosen skeptisch. Erst vier Tage vor der Tunnel-Wiedereröffnung kam es bei Paris zu einer Beinah-Katastrophe. In einem Tunnel auf der Baustelle für die A  86 waren 19 Bauarbeiter stundenlang durch dichte Rauschschwaden eingeschlossen. Sie konnten alle aus dem Sicherheitsbereich 2 km im Tunnelinneren geborgen werden, doch ein Feuerwehrmann erlitt schwere Verletzungen. Daher sind viele Franzosen über die Öffnung des Montblanc-Tunnels für den Lkw-Verkehr weniger erfreut. CORDELIA CHATON

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