Bau 21.01.2005, 18:36 Uhr

Fassade reagiert auf Wind und Wetter

VDI nachrichten, München, 21. 1. 05 -Im Fenster- und Außenwandbau geht der Trend in Richtung „Intelligente Fassade“. Wie auf der „Bau 2005“ zu erfahren ist, integrieren fortschrittliche Gebäudeplaner zentrale Funktionen wie Lüften, Kühlen und Heizen in die Gebäudeaußenwand. Mit elektronischer Hilfe reagiere die Fassade – so eine Sonderschau – bald schnell und sicher auf Wind und Sonneneinstrahlung.

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt habe die Entwicklung von Fenstern, Fassaden und Verglasungen alle Merkmale einer „Hightech-Story“ angenommen, urteilen auf der „Bau 2005“ Sprecher der TU München (Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik) sowie Fachleute des Rosenheimer Instituts für Fenstertechnik (ift) auf der Sonderschau „Intelligente Fassade“. Auf extrem engen Raum ließen sich Anforderungen wie Wärme- und Sonnenschutz, Lichtlenkung oder Sicherheit kombinieren. Wie auf der Messe demonstriert, werden Fassaden „intelligent“, indem die Bauteile selbsttätig auf die Umgebungseinflüsse reagieren.
„Verglasungssysteme mit steuerbaren Glasprismen oder Glaslamellen übernehmen Sonnenschutzaufgaben und sorgen gleichzeitig für eine bessere, blendfreie Beleuchtung des Raumes,“ erläutert ein Sprecher der TU München. Elektrochrome, gasochrome sowie thermotrope „Farbschichten“ im Glas reagierten auf äußere Einflüsse und veränderten selbsttätig die Durchlässigkeit der Glasscheibe für die Sonnenstrahlung. Auf das Glas aufgebrachte elektrisch leitende Schichten oder aufgedampfte „elektronische Schaltkreise“ machten die Verglasung gar zur Multimedia-Fläche.
Bereits bewährt ist die in Fassaden zu integrierende dezentrale Be- und Entlüftung, wie sie der Hersteller Fassaden-System-Lüftung (FSL) in Neukirchen-Vluyn anbietet. Hierbei werden Brüstungs- oder Unterflurgeräte in die Außenhaut oder in die Zwischenböden der einzelnen Geschosse montiert. Je nach gewünschter Funktion lassen sich Zuluft-, Abluft- und Umluftgeräte sowie kombinierte Zu- und Abluftgeräte anordnen. Beispiele für die dezentrale Be- und Entlüftung: das Neckermann-Rechenzentrum in Frankfurt/M. und der Bonner Post-Tower.
Aber auch die Elektronik hält Einzug in die Außenwand. Die Übertragung von Umweltdaten, so die lokalen Winddrücke oder die Sonneneinstrahlung, ermöglichten eine sinnvolle Steuerung der Verschattungs- und Öffnungselemente, erläutert der Sprecher auf der Sonderschau. Auch eine Übertragung des Verriegelungsstatus und Informationen hinsichtlich der Benutzeranwesenheit seien möglich. So könnten komplette Gebäudekomplexe kostengünstig, zentral, ortsunabhängig und ohne große Investition überwacht und gesteuert werden. Zu den möglichen Innovationen gehörten die Verwendung biometrischer Daten, Videoscanning, Vereinzelungsanlagen, Meldetechnik und Videoüberwachung.
Auch die Nanotechnologie findet Eingang in den Fassadenbau. Sie verfolge die „maßgeschneiderte Gestaltung von Oberflächen“, so die TU München. Die Nanotechnologie lerne in vielen Fällen von Vorbildern aus der Natur, bei denen die Wissenschaftler versuchten, diese nanometrisch nachzubilden. Für die Fenster- und Fassadenindustrie seien die Oberflächeneigenschaften der wichtigste Faktor.
Folgende nanotechnologische Oberflächen würden – so die TU München – neben dem schon bekannten Lotuseffekt neuartige Produkteigenschaften ermöglichen: antibakterielle Oberflächen durch photokatalytische Effekte, Anti-Grafitti-Beschichtungen, kratzfeste Oberflächen, antikorrosive, hydrophobe, hydrophile und oliophobe Beschichtungen. Der Nanotechnologie prognostiziert das Institut für Fenstertechnik eine „überragende Marktbedeutung“, da die meisten Funktionen und Gebrauchseigenschaften von technischen Produkten von der Oberfläche bestimmt würden.
Hinsichtlich der Spezialisierung der bautechnischen Disziplinen bei zunehmender Komplexität der Bauteile gibt es auch warnende Stimmen. So mahnt in diesem Zusammenhang auf der „Bau“ ein ift-Sprecher die ganzheitliche Betrachtungsweise an. Beispielsweise könne die wärmetechnische Optimierung von Fenstern zu einer Reduzierung der Gebrauchsdauer führen, und zwar durch die höheren Glasgewichte der Dreifachverglasungen. Hier gebe es Prüfungsbedarf.
ELMAR WALLERANG

Ein Beitrag von:

  • Elmar Wallerang

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Hoch- und Tiefbau, Bautechnik.

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