Bau 23.11.2001, 17:31 Uhr

Dresden hat wieder eine Synagoge

Die Semper-Synagoge in Dresden wurde 1938 zerstört, ihre Steine für den Straßenbau verwendet. Das neue jüdische Gotteshaus, geplant von Wolfgang Lorch, wurde vor 14 Tagen geweiht.

Ein Kirchenbauwerk ist für Architekten heutezutage eine eher seltene Aufgabe, und so machte der Auftrag zum Bau einer neuen Synagoge in Dresden auch dem Saarbrücker Architekten Wolfgang Lorch erst einmal einiges Kopfzerbrechen: „Das Fehlen eines tradierten, spezifischen Bautyps für Synagogen steht in einem auffälligen Gegensatz zu einer über Jahrtausende hinweg überlieferten, schriftlichen Tradition des jüdischen Glaubens“, beschreibt er seine anfänglichen Probleme bei der Planung des neuen Gotteshauses.

Die seit der Wende wieder wachsende jüdische Gemeinde in Dresden hatte dem Architekten in seiner Planung weitestgehend freie Hand gelassen, denn „unser Hauptanliegen war selbstverständlich in erster Linie, der jüdischen Gemeinde in Dresden wieder ein Gotteshaus zu geben“, wie Jan Post, Sprecher des Fördervereins zum Bau der neuen Synagoge, erklärte. Dabei war der Wunsch nach einem neuen Gemeindezentrum nur zu verständlich: Nachdem die alte, von Gottfried Semper im Jahr 1838 errichtete Synagoge während der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört worden war, fand die Gemeinde nach dem Krieg zunächst keinen gemeinsamen Gebetsraum mehr.

Erst 1953 konnte ein behelfsmäßiger Betraum in der Leichenhalle des neuen jüdischen Friedhofs eingeweiht werden Für die Gläubigen ein unhaltbarer Zustand, denn selbst mit besonderer Erlaubnis des Rabbinates ist auch für äußerst liberale Juden eine Synagoge auf einem Friedhof streng verboten.

„Der Gebetsraum dieser Synagoge fasste zwar nur etwa 100 Personen, doch bis zum Beginn der 90er Jahre reichte dieser Platz aus“, erinnert sich Jan Post. „Als dann aber die Mauer fiel und die politische Öffnung nach Osten kam, vergrößerte sich unsere Gemeinde durch Zuwanderung aus Russland so stark, dass der Platz einfach nicht mehr ausreichte.“

Gleichzeitig mit dem Wunsch nach einer neuen Synagoge wuchs auch der Wunsch nach einem eigenen Gemeindehaus, in dem die Gemeindeverwaltung, eine Religionsschule und nicht zuletzt auch das Büro des Rabbiners Platz finden sollten.

Für den Bau der neuen Synagoge, die an dem historischen Standort des zerstörten Bethauses mit einem Kostenaufwand von 20 Mio. DM errichtet wurde, wählte Architekt Lorch eine ebenso symbolhafte, wie beeindruckende Mischung aus einem massiven, monolithischen Steinbau und einem eher filigranen Zelt: „Aus der orthogonalen Geometrie des Grundstücks heraus verdreht sich der Baukörper der Synagoge kontinuierlich nach Osten: Eine Orientierung im wörtlichen Sinn,“ erklärt Lorch die Bedeutung seines Entwurfes. „Die komplexe Form basiert hierbei auf einer schrittweisen Rotation orthogonaler Ebenen.“ Dieser massive Bau verkörpere, so der Architekt, das Andenken an den Tempel Salomons, mit dessen Bau das Volk der Juden für sich eine Heimat gefunden habe.

Im Gegensatz dazu steht der Innenraum der Synagoge. Hier wird im eigentlichen Betraum durch ein von der Decke abgehängtes „Zelt“ aus einem filigranen Metallgewebe an die Ursprünge des Judentums erinnert, als das jüdische Volk bei seiner Wanderung durch die Wüste die Bundeslade in einem Zelt verehrte. Symbolik findet sich auch ansonsten in und an der jetzt geweihten Synagoge. So wurden zur Erinnerung an das zerstörte Bethaus Steine der alten Semper-Synagoge eingearbeitet, im Außenbereich erinnert ein aus zerbrochenem Glas gestalteter Grundriss der früheren Synagoge an die „Reichskristallnacht“ und im Eingangsbereich mahnt das einzige intakt erhaltene Stück der Semper-Synagoge, ein Davidstern, die Besucher an die Gräueltaten des Nationalsozialismus.

Die neue Synagoge in Dresden wurde aus aus 120 x 60 x 60 cm großen Formsteinen errichtet, die sich aufgrund ihrer natürlichen Zuschlagstoffe und Oberflächenstrukturen gut dem Kontext der Dresdner Altstadt und ihrer Elbsandsteinbauten anpassen. Die Baukosten von 20 Mio. DM wurden zum Großteil vom Land Sachsen und der Stadt Dresden getragen. Zur Finanzierung eines Restbetrages von rund 4 Mio. DM wurde ein Förderverein gegründet, der mit Hilfe von Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen, aber auch durch private Spenden von Geschäftsleuten und Privatpersonen die erforderliche Summe aufbrachte. han/wip

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