Bau 03.06.2005, 18:38 Uhr

Drahtseilakte für einen guten Empfang  

Wo die Lasten für Hubschrauber zu schwer werden und die Höhen für Kräne unerreichbar, da liegt die Kernkompetenz der Berliner Turmbauer. Bei Münster bauen sie gerade einen neuen, 180 m hohen Sendemast für den WDR.

Bodo Linke zuckt leicht die Achseln. „Das ist unser Tagesgeschäft“, sagt der Projektleiter der Firma Turmbau Steffens & Nölle (tsn) und deutet vage in Richtung eines orange-weißen Zylinders. Gleich soll dieses Rohr aus Glasfaser-verstärktem Kunststoff (GFK) – 16,5 m lang, 1,60 m im Durchmesser, 5 t schwer – auf den neuen Sendemast Baumberge bei Münster/Westfalen gesetzt werden.

Tagesgeschäft hin oder her, diesmal liegt der Ort des Geschehens 163 m über dem Erdboden. Und weil es heute um den wichtigsten Bauabschnitt geht – der GFK-Zylinder soll die empfindlichen Antennen gegen Wind und Vereisung schützen – sind Vertreter aller beteiligten Firmen auf der Baustelle. Ein Stelldichein der hidden champions: das Bürener IBK, Ingenieurbüro für Kunststoffe, Spezialist für die Herstellung der GFK-Rohre die Kathrein-Werke, Rosenheim, größter Hersteller von Antennensystemtechnik tsn mit mehr als 100 Jahren Erfahrung im Turm- und Mastbau.

„Unsere Erfahrung in Sachen Statik und Montage macht den Unterschied“, erklärt tsn-Geschäftsführer Karl Grüneberg. Das und der Fundus an Unterlagen von vielen wichtigen Bauwerken in Deutschland. Aber der Wettbewerb sei ohnehin überschaubar. „Unser besonderes Know-how beginnt da, wo die Lasten für Helikopter zu schwer werden bzw. da, wo die Reichweite von Kränen aufhört, also ab ca. 160 m“, sagt der Ingenieur, der vor 1990 ganz bodenständig Kläranlagen und Wasserwerke baute.

Seit 1990 plant Grüneberg vornehmlich in der Vertikalen. Sein stolzestes Projekt: 1998 tauschte seine Firma die Spitze des Fernsehturms am Alexanderplatz aus. Arbeitshöhe: 320 m bis 368 m. „Da mussten wir besonders umsichtig vorgehen, ringsum ist ja Wohnbebauung“, erinnert sich der tsn-Chef.

An den Flurwänden des schmucklosen Funktionsbaus im Berliner Süden hängen Belege anderer Prestigeprojekte: Bilder aus Thailand, wo tsn eine Richtfunkstrecke mit 89 Türmen errichtete, Zeitungsberichte über Bauten in Ägypten oder auf Madagaskar. „Wir sind zwar vorwiegend national tätig, aber in Deutschland ist die Zahl der neu zu bauenden Türme eben nicht sehr groß“, erläutert Grüneberg.

Da ist die Baustelle bei Münster schon eine Ausnahme. Hier soll der alte Rohrmast, der laut WDR schon 1962 errichtet wurde, Ende des Jahres abgebaut werden. Denn neue Technologien, wie das digitale terrestrische Fernsehen (DVBT), erfordern neue Antennen. Die hätte der alte Mast nicht mehr sicher getragen, heißt es.

Rund viereinhalb Monate dauerte die reine Bauphase vom Fundament bis zum Flanschring in 163 m Höhe. „Bis 120 m haben wir die ersten Schüsse – so nennen wir die Mastsegmente – mit einem mobilen Kran hochgezogen“, beschreibt Projektleiter Linke. Ab diesem Punkt ist die Arbeit mit dem Montagemast wirtschaftlicher. Der ist 36 m lang und wird an der Außenseite des Stahlgittermastes angebracht. Wie an einem Galgen können die schweren Bauteile mittels Zugwinde und Abhaltewinde an Stahlseilen emporgezogen und dann eingeschwenkt werden.

Das steht nun auch für den GFK-Zylinder an. Kann da nicht der GFK-Körper gegen den Mast schlagen? Bauleiter Peter Schröder, seit 38 Jahren im Turmbau tätig, winkt ab: „Das verhindert eben das Abhalteseil. Oben wird der Zylinder eingeschwenkt, abgesetzt – und dann können Sie die Schrauben praktisch von hier unten reinwerfen.“

Starker Wind und schlechte Sicht könnten den Monteuren schon einen Strich durch die Rechnung machen. Aber an diesem Morgen ist das Wetter ruhig. Und so fahren drei Monteure im Transportkorb zur oberen Plattform. In 160 m Höhe bläst der Wind stärker. Doch der Stahlgittermast schwingt nicht spürbar. Abspannseile in 49 m, 97 m und 147 m geben dem Bauwerk Standfestigkeit. Die Fachwerkkonstruktion ist ohnehin weniger schwingungsanfällig als Rohrmasten.

Der GfK-Zylinder fährt gleichmäßig bis kurz unter den Montagemast. „Jetzt langsam – stopp!“ erfolgt das Kommando per Funk an den Mann an der Winde. Und dann wird es eng auf der Plattform. Mit Querzügen wird der Zylinder nach innen über den Flansch geschwenkt, die Männer müssen in die Hocke gehen. Nun hält es auch Projektleiter Bodo Linke nicht mehr. Gemeinsam mit den Monteuren fixiert er das Rohr, indem er die „Pfeifenköpfe“ genannten Fixiereisen durch die markierten Löcher steckt. Nun wird verschraubt, zunächst von Hand, später dann mit dem Drehmomentschlüssel, der auf 300 Nm eingestellt wird.

Die Prozedur dauert vielleicht 20 Minuten. Dann geht es wieder über Leitern im Innern des Mast-Fachwerks gen Erdboden. Der höchste Punkt des neuen Bauwerks bei rund 180 m ist erreicht. Doch die Arbeiten sind längst nicht abgeschlossen. Die Antennen müssen montiert, die Kabel verlegt und angeschlossen werden. Erst dann kann der neue Mast die Region in etwa 40 km Umkreis mit Fernseh- und Rundfunkempfang versorgen.

„Sie haben sich ja diesmal gar keinen Zigarillo angesteckt“, wendet sich Linke an Hans Geyer, den Mechanik-Gruppenleiter der Kathrein-Werke. Die beiden kennen sich von zahlreichen gemeinsamen Projekten. „Stimmt. Aber diesmal war es ja auch nichts Besonderes“, stapelt Geyer tief. „Heute waren ja nicht einmal die Antennen im Zylinder vormontiert.“ MARTIN VOLMER

tsn im Überblick

– Seit 1893 baut Turmbau Steffens & Nölle (tsn), Berlin, frei stehende Türme, abgespannte Maste und Sonderbauwerke aus Stahl für Rundfunk, Fernsehen, Telekommunikation. Kernkompetenz: Hohe Bauten bis 370 m.

– Mit 40 Mitarbeitern erzielt tsn einen Jahresumsatz von rund 10 Mio. €.

– Nach der Insolvenz der vorübergehenden tsn-Mutter Babcock (Noell), übernahm die Indus Holding 2004 das Unternehmen. Der Beteiliger aus Bergisch-Gladbach versteht sich seit Jahren als Langfrist-Partner für Nischen-Champions mit Kapitalbedarf.mav

Von Martin Volmer

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