Bau 03.02.2006, 18:42 Uhr

Deutschlands Bausubstanz verkommt seit Jahren  

Seit Jahren wird bei uns die Bausubstanz nicht im notwendigen, ordnungsgemäßen Umfang überwacht und gewartet.

Entgegen der Meinung vieler Bürger besitzen Bauwerke, bauartenübergreifend wegen schwerer Massen, ganz erhebliche Gefahren- und Risikopotentiale. Wie Straßenverkehr, Energieversorgung, Gesundheit bedürfen sie daher eines modernen Risikomanagements. Diese Gefahrenpotentiale werden in Deutschland und der EU seit Jahren völlig unterschätzt. Politische Deregulierungsmoden und technische Unkenntnis der Politik täuschen Bürger seit Jahren über diese Risiken hinweg.

Für Ingenieure sind Alterung, Lebensdauer und Vergänglichkeit technischer Werke eine Binsenweisheit. Warum wohl bedürfen Straßen, PKW, Heizungen oder auch nur Kopiergeräte regelmäßiger Wartung und Reparatur?

Wie jedes technische Produkt altern auch Tragwerke im Laufe ihrer Nutzung, sie deteriorieren, d.h. sie werden über Jahre ihren ursprünglichen Neuzustand verschlechtern und an Tragsicherheit einbüßen: Stahl durch Korrosion, Mikrorisse oder Ermüdung Stahlbeton kriecht und schwindet, kann durch Rissbildung geschädigt werden, durch Karbonatisierung, Chlorideintrag oder Alkalireaktionen erkranken Holzwerkstoffe werden durch Feuchte, Pilzbefall oder Mikroorganismen zerstört, Kunstharzleime können verspröden.

Warum also sollten sich gerade Tragwerke, einfache wie riskant-kühne, ewiger Jugend erfreuen? Auch sie bedürfen regelmäßiger Wartung zur Bewahrung ihrer normengemäßen Sicherheiten. Eine Erfahrungsregel besagt, dass Bauinvestitionen jährlich Unterhaltungskosten von 1% bis 2% der Investitionssumme erfordern, um Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit zu gewährleisten.

Diese Erkenntnis kann man vielfach belegen. Der Gesamtwert der in Deutschland vorhandenen Bausubstanz liegt in der Größenordnung von über 6000 Mrd. €. Hiervon entfallen ca. 5000 Mrd. € auf Gebäude und Anlagen, d.h. auf Verkehrsbauwerke, Industrie- und Produktionsanlagen, Bauten der Umwelt- und Versorgungstechnik, Verwaltungs- und Dienstleistungsbauten sowie Wohnraum. Bauinvestitionen binden stets wesentliche Finanzmittel jeder hoch entwickelten Volkswirtschaft.

Mehr als 40% dieser Summe, ca. 2000 Mrd. €, sind Investitionen in lasttragende Konstruktionen, die wichtigste Barriere zur Abwehr natürlicher und nutzungsbedingter Risiken. Die restlichen 60% sind Ausbau, sie dienen der Funktion, der Nutzung und dem Komfort.

Konzentrieren wir uns auf lasttragende Bauteile, auf Tragwerke als wichtigste bauliche Sicherheitsbarrieren: Prognostiziert man für sie eine mittlere Lebensdauer von 50 Jahren, so müssten jährlich in der Bundesrepublik ca. 2% der gesamten Bausubstanz erneuert werden. Erfahrungsgemäß müsste noch einmal die gleiche Summe in Reparatur und Wartung fließen: Das sind ca. 80 Mrd. € pro Jahr, erheblich mehr als der seit Jahren jährliche Umsatz des Bauhauptgewerbes in Deutschland.

Was bedeutet dies? Deutschlands Bausubstanz verkommt seit Jahren. Nutzungsrisiken steigen und Sicherheiten sinken! Derzeitige Bauvolumina sichern bei Tragwerken nicht einmal mehr den Bestand. Bei Neuinvestitionen – breitere Fernstraßen, neue (unterirdische) Bahn- und Versorgungstrassen, Sportstadien, … – fehlen diese Mittel noch der Werterhaltung der vorhandenen Bausubstanz. Für alles zusammen wären jährliche Bauinvestitionen oberhalb von 110 Mrd. € erforderlich. Deutschland von 2006 ist auf dem Weg in die Bausubstanz der späten DDR, in die der Dritten Welt.

Dabei ist in Deutschland alles optimal juristisch geregelt. Beim Bauen verfügen Normen mit Gesetzeskraft anzuwendende Entwurfslasten, Lastkombinationen, Bemessungsregeln und Konstruktionsdetails, sie beeinflussen viele Baumaßnahmen im Detail. Die deutsche Präventivstrategie vorbeugender Fehler- und Schadensvermeidung durch Entwurfsprüfung und Bauüberwachung statt durch nachträgliche gerichtliche Schadensregulierung [1] ist weltweites Vorbild. Sie bildet nachweislich das wirtschaftlichste Sicherheitssystem zur baulichen Risikoreduktion während der Bauabwicklung.

Nach Fertigstellung und Endabnahme wird das Bauwerk Eigentum des Bauherrn. Ab jetzt obliegt ihm die Gewährleistung der baulichen Sicherheit, d.h. das weitere Risikomanagement. Und hier beginnt zumeist das Übel.

Zwar verfügen alle 16 deutschen Bauordnungen, dass

– jede bauliche Anlage … standsicher sein muss ([2], § 15.1),

– jede … bauliche Anlage … so instandzuhalten ist, dass die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet wird ([2], § 3.1),

– bauliche Anlagen (dauerhaft) so beschaffen sein müssen, dass durch Wasser, Feuchtigkeit, … chemische, physikalische oder biologische Prozesse Gefahren nicht entstehen ([2], 15.1).

Aber Bauordnungen erscheinen wie zahnlose Tiger, misst man das Risikomanagement vieler deutscher Bauherren an ihren hieraus resultierenden gesetzlichen Pflichten. Nur ganz wenige Bauherren überwachen ihre Bausubstanz mit äußerster Sorgfalt. Die große Mehrheit glaubt an die ewige Jugend ihrer Tragwerke und macht nichts.

Als langjähriger Hochschullehrer für Statik und Dynamik, also für Risikomanagement von Tragwerken, als entwerfender Ingenieur, als ehemaliger Prüfingenieur, Sachverständiger und als Gerichtsgutachter weiß ich nur zu genau, wovon ich spreche: Zu viele schwere Bauwerksschäden, Einstürze und Beinahe-Katastrophen sind in den letzten Jahren über meinen Schreibtisch gelaufen.

Abgesehen von Brückenbauwerken gibt es in Deutschland keine verbindlichen Tragwerksinspektionen während der Nutzung einer baulichen Anlage. Anders als in vielen Sparten des Maschinenbaus, im Anlagenbau oder in der Luftfahrtindustrie bleibt das technische Instrumentarium, das heute für moderne Zustandsüberwachungen verfügbar ist, bei Bauten völlig ungenutzt. Es existiert aber auch keine Präventivstrategie zur Vorhersage möglicher Schädigungen während einer definierten Lebensdauer mit vorsorglicher Berücksichtigung beim Entwurf. Instandsetzung erfolgt oft erst nach erheblicher Beeinträchtigung von Nutzung und Sicherheit des Bauwerks unter (Teil-)Stilllegung, verniedlichend als Ausfallstrategie benannt.

Instandsetzung nach dem Ausfallprinzip führt stets zu maximalen Kosten, oft nach Schäden an Leib und Leben der Nutzer. Die Diskussionen in den Medien nach Bad Reichenhall haben gezeigt, dass es im Zeitalter von Verbraucherschutz und Nachhaltigkeit keinem Bürger mehr zu vermitteln ist, dass die Bauaufsicht beispielsweise Brüstungshöhen auf den cm genau nachmisst ([2], § 41.4 u. 5), aber regelmäßige Inspektionen zur Langzeit-Tragsicherheit genutzter Bausubstanz in Deutschland unbekannt sind. Auch ist es ferner unvermittelbar, dass insbesondere öffentliche Bauherren immer weniger Erhaltungsaufwendungen in ihre Tragwerke investieren und so nachwachsenden Generationen Sicherheitsprobleme ungeheurer Brisanz hinterlassen. Vor den immensen Sicherheitsrisiken von alternder Bausubstanz verschließt die Baupolitik seit Jahren die Augen, täuscht dem Bürger Freiheit vor, und verletzt doch nur gröblich die Fürsorgepflicht des Staates zur Gefahrenabwehr.

WILFRIED B. KRÄTZIG

Prof. em. Dr-Ing. Dr.-Ing. E.h. Wilfried B. Krätzig ist ehemaliger Leiter des Instituts für Statik und Dynamik der Ruhr-Universität Bochum.

Von Wilfried B. Krätzig

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