Bau 28.07.2000, 17:26 Uhr

„Deutsche Bauforschung sträflich vernachlässigt“

Im Ausland wird Bauforschung ernster genommen als in Deutschland. Das wirkt sich nicht zuletzt ungünstig auf Auslandsaufträge, aber auch auf Arbeitsplätze aus. Prof. Manfred Nußbaumer sieht eine Chance für mehr Bauforschung in einer gezielten BMBF-Förderung.

„Mittel für die Forschung nicht alleine von der Bauwirtschaft“

VDI nachrichten: Wenn in Deutschland also zu wenig Bauforschung betrieben wird, wo soll denn das Geld für mehr Forschungsaktivitäten im Bauwesen herkommen?
Nußbaumer: Nicht alleine von der Bauwirtschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen sind derzeit bei uns die Margen so gering, dass an allem gespart werden muss, leider auch an der Bauforschung.
VDI nachrichten: Hoffen Sie auf staatliche Förderung von Bauforschung?
Nußbaumer: Offen gesagt – ja. Aber die Bauwirtschaft ist derzeit nicht in Mode. Es ist schon überraschend, wie schnell, gerade in den letzten Tagen, große Summen für die gut verdienende IT-Branche vom Staat zur Verfügung gestellt wurden. Davon kann die Bauwirtschaft nur träumen. Nichts gegen staatliche Forschungsförderung in Bereichen wie der Informationstechnik oder der Biotechnologie – ich möchte da nicht falsch verstanden werden. Aber es ist ebenso wichtig, einer krisengeschüttelten Branche wie der Baubranche durch stärkere Förderung von F+E wieder auf die Beine zu helfen. Sieht man unter dem Strich die Anzahl der Arbeitsplätze, die mit diesen Wirtschaftsbereichen direkt in Verbindung stehen, so sollte jedem klar sein, dass hier ein stärkeres Engagement dringend erforderlich ist. Jede Mark, die im Baubereich investiert wird, bewirkt weitere 1,36 DM Nachfolgeinvestitionen in damit zusammenhängenden Wirtschaftsbereichen. Jede Milliarde DM sichert 13 000 Arbeitsplätze.
VDI nachrichten: Ich gehe nicht fehl in der Annahme, dass Sie jetzt an Ministerien in Bund und Ländern, insbesondere aber an das Bundesinnenministerium für Bildung und Forschung (BMBF) denken.
Nußbaumer: Ja, ich setze große Hoffnungen auf das BMBF und auf Bundesministerin Edelgard Bulmahn. Ich erwarte, dass bei entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bauwesen gewissermaßen ein Katalysatoreffekt initiiert wird, d.h. dass die Bauwirtschaft ebenfalls ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aufstockt. Ich erinnere hierbei an das sehr erfolgreiche Programm des damaligen BMFT in den achtziger Jahren. Hier hat die projektbezogene Förderung durch das BMFT zu einer ganzen Welle von neuen Entwicklungen im Bauwesen geführt, von denen wir noch heute zehren.
VDI nachrichten: Der Bauwirtschaft wird vielfach nachgesagt, sie betreibe im Grunde nur Low-Tech und sei deshalb garnicht förderungswürdig.
Nußbaumer: Ich möchte deutlich darauf hinweisen, dass im Baubereich entgegen manchem Vorurteil nicht nur Low-Tech und Muskelkraft das Geschehen beherrschen, sondern dass oftmals höchst individuelle High-Tech-Lösungen gefragt sind. Die Baustelle Berlin-Mitte bietet ein überzeugendes Beispiel dafür, wie selbst der Bundesfinanzminister kürzlich feststellte.
VDI nachrichten: Es gibt ja in der Tat seit letztem Jahr einen gemeinsam vom Forschungs- und Bauministerium getragenen „Förderschwerpunkt Bauforschung und -technik“. Reicht denn das nicht aus?
Nußbaumer: Die rasche Ausschreibung des Förderschwerpunktes durch das BMBF kurz nach Antritt dieser Bundesregierung ist sehr zu begrüßen. Die Förderung bezieht sich auf Forschungsvorhaben im Wohnungsbau, der mit über 50 % zum jährlichen Bauvolumen beiträgt. Damit ist ein erster wichtiger Schritt getan, dem allerdings weitere folgen müssen, die die gesamte Breite der Bauaktivitäten umfassen. Nur so lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauindustrie europa- und weltweit stärken.
VDI nachrichten: Wie schätzen Sie denn den „Return of investment“ bei der F+E-Förderung im Baubereich ein?
Nußbaumer: Nach meiner Auffassung generieren sinnvolle F+E-Projekte jährlich bis zu zehnfach höhere Umsätze, als deren F+E-Aufwendungen betragen haben. Das wirkt sich nicht zuletzt auch auf die Zahl von Arbeitsplätzen aus. Schließlich sichert nur der Vorsprung durch Technik weitere Aufträge für die deutsche Bauwirtschaft. Forschungsbedarf existiert bei zahlreichen Herausforderungen im Baubereich. Es kommt darauf an, die richtigen Fragen und Fördermaßnahmen auszuwählen und diese dann im engen Verbund zwischen Forschung, Entwicklung und Ausführung erfolgreich zu beantworten. Nur so können alle Beteiligten und insbesondere auch kleinere Unternehmen aus den Forschungsergebnissen unmittelbaren Nutzen ziehen.
VDI nachrichten: Können Sie Beispiele forschungswürdiger Themen nennen?
Nußbaumer: Der Forschungsbedarf geht quer durch das ganze Bauwesen. In allen Bereichen wurden aufgrund der geringen Mittel die Forschungsvorhaben zurückgestellt. Wesentlichen Forschungsbedarf sehe ich in den Bereichen: Gebäude und Gebäudetechnik, Bauverfahren, Infrastruktur-Baumaßnahmen, Verkehrstechnik und Automatisierung, Material und Informationstechnologie.
VDI nachrichten: Gibt es Forschungsaktivitäten für ein effektiveres Zusammenwirken unterschiedlicher Ingenieurdisziplinen, etwa der Wissensaustausch zwischen Bergbau und Tunnelbau oder die Zusammenarbeit von Heizungsbauern und Fachleuten des Massivbaus?
Nußbaumer: Ohne fachübergreifendes Planen und Bauen wird in Zukunft überhaupt nichts mehr gehen. Erfahrungen zeigen, dass bei großen Projekten durch das Nebeneinanderherwirken von Fachleuten einzelner Gewerke Beträge in zweistelliger Millionenhöhe verloren gehen können. Auch hier herrscht in der Tat erheblicher Forschungsbedarf.
VDI nachrichten: Wie sieht es aus mit dem kostensparenden Bauen?
Nußbaumer: Dieser Aspekt spielt heute mehr denn je bei der Bauforschung die zentrale Rolle. Schließlich gilt es, günstiger und schneller zu bauen, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen.
VDI nachrichten: Sie haben vor knapp einem Jahr in einer VDI-Entschließung eine Initiative zu mehr Forschung im Bauwesen gestartet. Was hat sich hieraus ergeben?
Nußbaumer: Ich habe diese Entschließung in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Bautechnik den zuständigen Beamten im BMBF vorgestellt und bin auf große Resonanz gestoßen. Ich hoffe, auch auf politischer Ebene das Thema Bauforschung weiter voranbringen zu können. Entsprechende Gespräche werden demnächst stattfinden. Des weiteren haben wir am 17. Mai diesen Jahres beim VDI in Düsseldorf einen Aussprache- und Informationstag zum Thema Bauforschung in Deutschland veranstaltet („Initiative zu F+E im Bauwesen“). Rund 100 Teilnehmer aus Praxis und Wissenschaft waren vertreten. Der Entschließung wurde einhellig zugestimmt. Ich sehe deshalb der weiteren Entwicklung der Bauforschung und -technik in Deutschland mit Optimismus entgegen. ELMAR WALLERANG
Prof. Manfred Nußbaumer: „Nur der Vorsprung durch Technik beschert der deutschen Bauwirtschaft in Zukunft weitere Aufträge.“

Manfred Nußbaumer

ist seit 1993 Honorarprofessor an der Universität Karlsruhe, seit 1994 Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Bautechnik und seit 1997 Vorstandsvorsitzender der Ed. Züblin AG. Nach abschluss des Bauingenieurstudiums an der TH-München im Jahre 1970 besuchte Nußbaumer (geb. 1940 in Nürnberg) bis 1972 in den USA die Havard Universität mit dem Abschluss „Master of Science“. 1975 trat er in das Bauunternehmen Ed. Züblin ein. E.W.

Von Elmar Wallerang

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