Bau 05.03.1999, 17:20 Uhr

Der Nachbar ist uns ungeheuer“

In unserem Städtebau hat das Trennende Vorrang, die „Burgen-Mentalität“ der Deutschen ist unausrottbar. Das geht zu Lasten von Kindern und alten Menschen, meint Michael Rutz in seinem folgenden Beitrag.

Gewiß, das hätten wir doch gerne: Bauen als Bindeglied der Gesellschaft. Architekten und Städteplaner wollen ja schließlich geliebt werden. Sie möchten ihre Arbeit gesellschaftlich anerkannt sehen. Denn Bauen ist mehr als nur schön und nützlich. Bauen könnte Bindeglied der Gesellschaft sein. Wenn wir die Sache ehrlich betrachten, haben wir darin keine ausgeprägte Tradition. Wir sind eher ein Volk der Zweckmäßigkeit. Der Zweck heißt: Wohnraum schaffen. Und preiswert soll er sein.
Da haben wir vieles geleistet, inmitten unserer Wohnsiedlungen, Wohnhochhäuser und Plattenbauten. Aber darüber hinaus? Nein, wir sind nicht wirklich auf Verbindendes angelegt, vielmehr hat das Trennende Tradition. Abgeschottet haben wir uns immer, Barrikaden und Bewehrungen errichtet. Deutschland – das Land der Burgen. Noch heute gibt es diese Mentalität. Nicht von ungefähr nistete sich bei uns die Erkenntnis ein „my home is my castle“. Weil wir so empfinden, haben wir das Bauen für den Beruf fein säuberlich getrennt von dem fürs Wohnen. Und dabei jeweils auf das Trennende Wert gelegt.
Wo wir arbeiten, wollen wir doch klarmachen, wer hier wer ist. Da muß man „rauf zum Chef“, und was die Hierarchien angeht, zählen wir sorgfältig Stockwerke und sogar die Fenster. In den Vorzimmern halten wir uns Zerberusse der Macht nicht, weil sie sachlich immer notwendig wären, sondern weil sie Symbol sind, weil sie zeigen, wer das Sagen hat. Stockwerk, Quadratmetergröße des Büros, Zahl der Fenster und der Vorzimmer – sie gelten als Maßstab für den Erfolg. Den wollen wir zeigen. Stolz bestimmt unser Sein. Diesen Vorgaben haben die Architekten zu folgen. Kommunikativ ist das nicht, und Verbindungskraft entwickelt solche Architektur schon gar nicht. Sie entspricht nicht dem Managementstil der „offenen Tür“, sie fördert nicht kommunikative Kreativität. Sie macht einsam.
Aber so sind wir nun mal: Was die Mentalität gebietet, halten wir auch privat durch. Aus unseren Häusern machen wir Burgen. Sorgfältig ziehen wir Hecken, errichten Mäuerchen und Mauern. Wir machen aus jedem Grundstück ein schmuckes Fort. Der Nachbar ist schließlich potentieller Störenfried. Der Nächste ist uns ungeheuer: Aus unseren Wohnungstüren blicken wir durch ein kleines Guckloch. Der Gast könnte ungebeten sein. Sicherheitsschlösser riegeln uns ab, igeln uns ein.
Es ist so, wie es die amerikanische Zukunftsforscherin Faith Popcorn formuliert: Wir sind wie Larven der Schmetterlinge – wir spinnen uns gerne ein. „Cocooning“ nannte sie das. Und so kann eine Branche auf besonderes Wachstum verweisen – jene der Einrichtungshäuser, der Möbelhersteller. Dafür sind wir bereit, viel Geld auszugeben. Schön soll es zu Hause sein – wenn die Welt selbst schon so häßlich ist. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Schmutz und auch den Nachbarn wollen wir draußen lassen. Unsere Städte, die Innenstädte zumal, unterliegen gleicher Tendenz. Das Trennende besitzt Vorrang, nicht das Verbindende.
Wo wir freie Flächen haben und wollen, darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Fein säuberlich trennen wir die Funktion des Ruhens und Gehens. Rasenkantensteine zeigen an, wo die Grünfläche zu enden hat, kein Gras sich erfrechen darf, zur anderen Seite zu wachsen. Die vielfältigen Produkte der Betonstein-Industrie werden benutzt, den natürlichen Untergrund vom Menschen zu trennen. Wehe, er verläßt den ihm zugedachten Gehweg: Rasen betreten verboten.
Und unsere Kinder? Sie müssen sehen, wo der nächste Spielplatz ist. Dort spielen sie nicht unter Büschen und Bäumen, nicht an naturbelassenen Bachläufen, sondern folgen dem „Kreativpfad“, den sich Erwachsene für sie ausgedacht haben: Auf Karussells, Rutschen und stählernen Klettergerüsten turnen die Jungen und Mädchen herum. Nur im Sandkasten dürfen sie noch ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Und wenn sie dann wieder zu Hause sind, verbietet man ihnen, laut zu sein: Nachbarn klopfen sonst, von oben, unten, links und rechts. Kein Wunder, daß dort, wo Bewegungsraum fehlt, Ersatzhandlungen gesucht werden. Nicht selten: gewalttätige.
Bauen heute: Für die meisten Menschen ist es nicht nur nicht kinderfreundlich, es fügt auch die Generationen nicht zusammen. Die arbeitsteilige Gesellschaft haben wir teuer bezahlt – mit dem Verlust der Großfamilie. Sie war Muster einer gesellschaftlich wertvollen Keimzelle. Sie bot nicht nur Kommunikation zwischen den Generationen und damit Erfahrungstransfer. Sie gab auch den Schutz eines Großverbandes, schuf soziale Sicherheit. Sie ermöglichte Kindern („Opa, erzähl“ doch mal…“) einen Erlebnishorizont, der über den kindlichen Lebensradius weit hinausging. Sie zeigte, wie spannend das Leben sein konnte.
Nein, mit dieser geschichtlich bewährten Widerstands- und Schutzgemeinschaft der Großfamilie ist es vorbei. Dabei wäre die Gesellschaft mehr denn je auf solche Großfamilien angewiesen, auch, wenn nicht unbedingt das gleiche Blut in deren Adern fließt. Die Gesellschaft braucht Gemeinsinn. „Kommunitarismus“ nennen das die Amerikaner. Sie legen zu Recht Wert darauf, daß dabei keine Silbe des Begriffs unterschlagen wird. Für den Nächsten sorgen: Wieviel könnten doch die Bauherren unserer Zeit dazu beitragen, daß aus diesem Gedanken Wirklichkeit würde! Wie wäre es mit einer Stadtplanung, die Trennendes zu überwinden sucht? Ich stelle mir Städte vor, in denen sich arbeiten und leben läßt, in der Grünes so wenig ghettoisiert ist wie einzelne Volksgruppen, Kinder oder Senioren. Ein gegenseitiges selbstverständliches Helfen. Das wäre eine Wohngemeinschaft, in der Lebens- und Sorgefunktionen wieder integriert wären und welche die Großfamilie wieder herstellt, die unsere Gesellschaft schmerzlich vermißt.
Bauen als Bindeglied der Gesellschaft: Hier könnte ein wichtiger Beitrag zur Revitalisierung der Innenstädte liegen – auf daß die Bindekräfte in Deutschland wieder wachsen. Diese zerfallende Gesellschaft braucht nichts mehr als das – im Osten wie im Westen.
MICHAEL RUTZ/wip
Der Volkswirtschaftler Professor Michael Rutz, heute Chefredakteur des Rheinischen Merkur, davor Chefredakteur des Privatsenders Sat 1, ist Honorarprofessor für Fernsehlehre an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, Mittweida. Obiger Beitrag ist Auszug einer Rede anläßlich einer Veranstaltung der MüBau GmbH zum Thema „Ethik des Bauens“ auf Schloß Albrechtsberg in Dresden.
Überwiegt in unserer Baukultur das Trennende? Michael Rutz (links) ersehnt den „Kommunitarismus“: Eine Gesellschaft mit Gemeinsinn und nachbarlicher Hilfsbereitschaft über Alters- und Standesgrenzen hinweg. Öffentlich verordnete Abstandsflächen, selbst angebrachte Jägerzäune und der Blick auf die Welt durch ein Guckloch, das bezeichnenderweise „Spion“ heißt, seien da kontraproduktiv.

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