Bau 12.11.1999, 17:23 Uhr

Big Spender

Die Bundesbauten in Berlin werden teurer als erwartet – wen wundert“s. Neu ist allerdings, dass relativ unverhohlen über Zahlenkosmetik in der Angebotsphase diskutiert wird.

Die Bodenverhältnisse sind an allem Schuld. So sieht es jedenfalls die Bundesbaugesellschaft in Berlin (BBB), wenn es um die immer weiter ausufernden Kosten für die Neubauten des Bundestages in der Hauptstadt geht. Mehrkosten von knapp 145 Mio. DM befürchtet inzwischen das Bundesbauministerium für die drei Bundestagsbüroblöcke rund um das Reichstagsgebäude im Bezirk Tiergarten. Die Kosten für das Parlamentsviertel würden sich damit auf annähernd 2,1 Mrd. DM summieren.
Für Franziska Eichstädt-Bohlig, Bauexpertin der Grünen, ist der Fall klar: Die BBB hat bei der Kostenplanung schlicht Fehler gemacht. Besonders ärgerlich seien dabei die Mehrkosten beim Tunnelsystem, das auf Wunsch der CDU/FDP gebaut wird. Schließlich gehörten zu den Baukosten auch zwei Fußgängertunnel für die Abgeordneten. Die Übergänge zwischen dem Reichstag und den benachbarten Parlamentsneubauten kosten immerhin die „Kleinigkeit“ von 17,7 Mio. DM.
André Lundt, Sprecher der Bundesbaugesellschaft, verteidigt die BBB: „Wir haben nicht fahrlässig geplant.“ Vielmehr seien die Mehrkosten auf Probleme und Pannen beim Bodenaushub zurückzuführen. „Zwar stehen die drei Gebäude nahe beieinander“, erklärt er. „Dennoch hatten wir es mit unterschiedlichstem Erdreich zu tun.“ Lundt zufolge ist der Boden unter dem Jakob-Kaiser-Haus östlich des Reichstages auf beiden Seiten der Dorotheen-Straße äußerst weich. Es war nach seinen Worten „wie in Pudding bauen“. Allein dadurch verteuerte sich der Neubau um 63,58 Mio. DM.
Extrem harter Boden machte wiederum die ursprüngliche Kostenplanung für die Bundestags-Bibliothek an der nordöstlich des Reichstags gelegenen Luisenstraße zunichte. Hier belaufen sich die Mehrkosten inzwischen auf 21,5 Mio. DM.
Während Lundt die explodierenden Kosten mit dem schwierigen Erdreich in der Hauptstadt erklärt, sieht das Berliner Baugewerbe die Probleme woanders. Burkhard Wenkel, Hauptgeschäftsführer der regionalen Fachgemeinschaft Bau, meint, dass vor allem die Schwarzarbeit Schuld an der Verteuerung sei. Mit Dumping-Löhnen und illegaler Beschäftigung habe auch der Pfusch auf den Baustellen Einzug gehalten. Das Ausufern der Kosten mit Bodenproblemen zu erklären nennt er schlicht „vorgeschoben und in die Irre führend“. Wäre dies tatsächlich so, müssten sich die verantwortlichen Planer den Vorwurf gefallen lassen, „handwerkliche Fehler“ gemacht zu haben. Schließlich wisse jeder Bauplaner und Architekt, dass es in Berlin jederzeit Probleme mit dem Baugrund geben kann.
Abgesehen davon, dass die Kosten in immer neue Dimensionen wachsen, verzögert sich auch die Fertigstellung der Gebäude. So wird das Jakob-Kaiser-Haus erst im Februar 2001, das Paul-Löbe-Haus nördlich des Reichstagsgebäudes Ende 2000 und die Bibliothek sogar erst Ende 2001 fertig sein.
Das Bundesbauministerium hat seine Position zu den erwarteten Kostensteigerungen inzwischen unmissverständlich klar gemacht. So müsse der bisherige Kostenrahmen von gut 1,9 Mrd. DM eingehalten werden. Es müssten rund 43,4 Mio. DM eingespart werden. Die erste Kostenkalkulation, die vor drei Jahren vom Bundestag abgesegnet wurde, ging noch von einer Kostenhöhe von knapp 1,8 Mrd. DM aus.
Übrigens: Die Parlamentsgebäude sind nicht die einzigen Objekte, die aller Voraussicht nach erheblich mehr kosten werden als ursprünglich geplant. Auch das im Bau befindliche Bundeskanzleramt westlich des Reichstages macht durch nicht gerade geringe Kostensteigerungen derzeit von sich Reden. Von 400 auf 465 Mio. DM sollen die Kosten anwachsen. Burkhard Wenkel von der Fachgemeinschaft Bau äußerst sich kritisch. „Wenn die öffentliche Hand baut, wird es häufig teurer“, meint er. Als Bauunternehmer sehe man das zwar gerne, beim Bundeskanzleramt sei allerdings zu vermuten, dass am Anfang zu billig geplant wurde und dann die schlechte Arbeit zweifelhafter Firmen teuer und ohne Regressmöglichkeiten korrigiert werden musste.
Für Erhard Ellenberger, Geschäftsführer der DG-Immobilien-Projekt ist eine disziplinierte Vorplanung das A und O im Geschäft. Man wisse dann ziemlich präzise, wie viel es kosten werde. Allerdings hätten nur wenige Bauherren diese Disziplin. Am Baukostenindex könne es beim Bundeskanzleramt jedenfalls nicht gelegen haben, dieser sei schließlich rückläufig. Klaus Groth, Vorsitzender des Berliner Landesverbandes Freier Wohnungsunternehmen, bestätigt das. So habe man beim Haus der Deutschen Wirtschaft im Bezirk Mitte mit den Kostenplanungen ursprünglich bei 308 Mio. DM gelegen. Dies habe man letztendlich sogar um 10 % unterbieten können. Dabei seien beim Bau noch ein kompletter U-Bahnhof und Spree-Brückenpfeiler als „Stolpersteine“ im Untergrund gefunden worden.
Nicht ungeschoren kommt das Architekturbüro Axel Schultes davon. So spricht Franziska Eichstädt-Bohlig von zu optimistischen Annahmen der BBB und „selbstherrlichen“ Veränderungen durch den Architekten. 1200 Änderungswünsche des Architekten seien gebilligt worden, erklärt sie unter Bezug auf einen vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofes. Bereits im Jahr 1996 sei die Kostensteigerung klar gewesen, aber erst im Oktober 1999 habe die Bundesbaugesellschaft das Parlament in Kenntnis gesetzt. BBB-Sprecher Lundt räumt tatsächlich „Kompromisse“ gegenüber dem Architekten ein. Allerdings habe dies auch daran gelegen, dass „wir nicht immer ganz unabhängig waren“.
Äußerst skeptisch sieht der Bund des Steuerzahler die Kostenschraube um das Kanzleramt. Der Bund geht davon aus, dass der endgültige Preis für das Amt letztlich sogar bei 500 Mio. DM liegen könnte. Steuerzahlerbund-Präsident Karl Heinz Däke spricht in diesem Zusammenhang von einer „Gigantomanie“ bei der Planung.
Architekt Schultes hält die Kostensteigerung nicht für exorbitant. Die ursprünglichen 400 Mio. DM seien nur aus politischen Gründen zu knapp geschätzt worden, um das Projekt durch den Haushaltsausschuss zu bringen. In den jetzt kalkulierten 465 Mio. DM sei noch „Luft.“
THOMAS SCHULZE/wip
Von den Regierungsbauten in Berlin werden u. a. das Jakob-Kaiser-Haus, das Paul-Löbe-Haus und die Parlamentsbibliothek nicht nur später fertig als geplant, sondern auch wesentlich teurer. Die Kosten des Parlamentsviertels summieren sich dann auf rund 2,1 Mrd. DM. Während Bundesbedienstete das auf den schlechten Baugrund schieben, reden Fachleute schlicht von teurem Pfusch.
Rund um den Reichstag herum herrscht reger Baustellenbetrieb – aus dieser Perspektive ist abzusehen, wie weit manches Projekt dem Zeitplan hinterherhinkt.

 

Ein Beitrag von:

  • Thomas Schulze

  • Wilma Preiss

    Redakteurin VDI nachrichten. Fachthemen: Hoch- und Tiefbau, Bautechnik.

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