Bau 01.10.1999, 17:23 Uhr

Bei nur einer Röhre: Aus eins mach zwei

Die großen Tunnelbrände der letzten Zeit veranlaßte ein deutsches Unternehmen, eine Schnellösung für einröhrige Straßentunnel zu entwickeln. Eine Trennwand macht aus einer Röhre zwei.

Die Brandkatastrophen unter dem Mountblanc und Tauernmassiv brachten es an den Tag: Einröhrige Straßentunnel ohne Fluchtstollen sind nicht sicher. Entsprechend gilt es bereits als beschlossene Sache, daß zum Beispiel die Unterfahrungen des Tauernmassivs eine zweite Röhre erhalten. Doch wie sieht es vor Inbetriebnahme der zweiten Röhren mit der Sicherheit im Tunnel aus? So die Fragen viele Verkehrsteilnehmer. Eine Antwort hierauf gibt jetzt ein Unternehmen aus Mülheim an der Ruhr, das eine Wand entwickelt hat, die eine Röhre in zwei Teile trennt. Die Konstruktion der Trennwand besteht im wesentlichen aus am Markt vorhandenen Brandschutzwänden in Verbindung mit Stahlstützen.
Für die Angehörigen der zahlreichen Todesopfer der Brandkatastrophe im Montblanc- und Tauerntunnel mag es nur ein schwacher Trost sein, doch die vielen sinnlosen Opfer haben endlich eine öffentliche Diskussion um die Sicherheit solcher Gebirgsunterfahrungen in Gang gesetzt. Doch nicht nur das Interesse an der zum Teil beängstigend schlechten Sicherheitskonzeption von Tunnelanlagen wurde geweckt, es wurden auch Lösungswege vorgeschlagen, mit deren Hilfe der Weg durch den Berg sicherer werden soll.
Sicherlich sind nicht alle vorgeschlagenen Konzepte und Lösungen durchführbar oder auch nur finanzierbar. Doch unter den ernstzunehmenden Ansätzen befinden sich durchaus Vorschläge, die auf mittlere Sicht für ein deutliches Mehr an Sicherheit im Tunnel sorgen könnten. Eines dieser Konzepte wurde von der Firma AMS GmbH, Mülheim an der Ruhr, entwickelt und hat – so Geschäftsführer Hans Tönnissen – bereits das Interesse der Industrie gefunden. So wurde bereits das Bergbauspezialunternehmen, die Gruppe Deilmann/Haniel-Heitcamp, als Lizenznehmer gewonnen. Die Gruppe gilt als ausführende Fachfirma. Bei dem zum Patent angemeldeten Sicherheitssystem des Erfinders Tönnissen handelt es sich um eine Vorrichtung, die alleine aufgrund ihrer Einfachheit verblüfft: Eine Zwischenwand trennt eine Röhre in zwei Teile.
„Das Hauptmanko bei einröhrigen Tunnelanlagen ist“ – so Tönnissen – „das häufige Fehlen von geschützten Zonen, die im Brandfall aufgesucht werden können.“ Man sei bei seinem System davon ausgegangen, daß – wenn durch eine Trennwand aus einer Tunnelröhre zwei gemacht würden – die von einem Brand nicht betroffene Röhre als ein „sicherer Zufluchtsort“ genutzt werden könne.
Eine solche Trennwand – im ersten Konzept bestehend aus zwei äußeren Stahlwänden, zwischen denen sich eine Füllung aus nicht brennbarer Mineralwolle befindet – entspricht immerhin einer Feuerschutzklasse von F 90 bis F 120 bei 1 100 oC. Durch die dichte Füllung wird zudem der Effekt erzielt, daß die Schutzwand sich auf der dem Brand abgewandten Seite auf maximal 150 oC bis 200 oC erhitzt und der angrenzende Bereich zumindest kurzfristig begeh- und benutzbar bleibt. Fluchttüren, die in einem Abstand von 50 m in die Wand eingebaut sind, ermöglichen zudem eine schnelle Flucht aus dem Gefahrenbereich.
Neben dem Sicherheitsaspekt seiner Erfindung besteht für Tönnissen der wesentliche Vorteil der Trennwand darin, daß sich die Konstruktion auch in schon bestehende Tunnelbauwerke einbauen läßt. Auf diese Weise lasse sich auch die nach den jüngsten Katastrophen lautgewordene Forderung nach einem – kostspieligen – Neubau einer zweiten Röhre bei bislang nur einröhrig betriebenen Tunneln umgehen.
„Der Einbau unserer Brandschutzwand, auch in einen schon bestehenden Tunnel, ist relativ einfach und unproblematisch“, erläutert Tönnissen die erforderlichen Arbeiten. „Im Bereich des Mittelstreifens zwischen den beiden Richtungsfahrbahnen werden zunächst zwei Winkel oder ein Netonfuß auf die Fahrbahn montiert.“ Dazwischen setze man dann die Brandschutzwände, die über eine Baubreite von 1 m verfügten. „Die Befestigung im Deckenbereich ist dagegen ähnlich, wie die Abspannung einer Lkw-Plane, die zunächst über mehrere Befestigungsösen gestülpt und anschließend mit Hilfe einer Schnur gesichert wird,“ erläutert Tönnissen. Konkret bedeute das: Auf einem feststehenden Rahmen sind Ösen befestigt. In diesen Rahmen werde die Brandschutzwand eingeschoben. Ein Flacheisen gehe zur einen Seite über die lose, zur anderen Seite auf die feste Wand. Dieses Flacheisen hat einen Schlitz, damit man es über die angeschweißte Öse legen kann. Somit drückt das Flacheisen zum einen auf den festen Teil, zum anderen gegen die lose Wand, die nun nicht mehr herausgenommen werden kann, weil sie durch das Eisen gesichert ist.
Zur zusätzlichen Sicherung wird durch die Öse ein Bolzen geschlagen. Im Rettungsfall könnten – so Tönnissen – die einzelnen Wand-Elemente über angebaute Anschlagösen mit Hilfe eines Kranwagens gehalten und nach Herausschlagen der Bolzen entfernt werden.
Es mag für viele Verkehrsteilnehmer, die unter Klaustrophobie leiden, eine Horrorvorstellung sein, in einen Tunnel einfahren zu müssen, dessen an sich schon Angst einflößender Anblick sich jetzt noch zusätzlich durch die – zumindest optisch – verengten Fahrbahnen noch weiter verkleinert. Doch könnte nach Ansicht von Tönnissen auch für solche Personen eine psychologisch einleuchtende Hilfe angeboten werden: „Bereits ein gutes Stück vor der eigentlichen Tunneleinfahrt setzen wir auf den Mittelstreifen eine Grundmauer mit einer Höhe von rund 70 cm. Diese Mauer wächst langsam aber stetig, bis sie an der Tunneleinfahrt die Höhe der Trennwände erreicht hat und in diese übergehen kann.“ Durch eine helle Farbgebung werde der Wand zusätzlich die „Bedrohlichkeit genommen.“
Unterstützt wird diese „Gewöhnungsphase“ durch verkehrsbeeinflussende Maßnahmen, wie z.B. eine Verringerung der Geschwindigkeit auf 50 km/h, oder in die Fahrbahn hineinragende Markierungsnägel. Das Geräusch, das beim Überfahren dieser von Baustellenabgrenzungen bekannten Markierungen entsteht, sei – so Tönnissen – für die Fahrzeuglenker einerseits Anlaß, die Geschwindigkeit ihres Wagens noch weiter zu verringern, auf der anderen Seite bedeute dieses Geräusch, das stets nur auf einer Fahrzeugseite auftritt, auch für unsichere Fahrer eine klare und eindeutige Orientierungshilfe.
Bereits kurze Zeit, nachdem die Neuentwicklung zum Patent angemeldet wurde, hat sich – so der Erfinder – bereits die Industrie für die neuen Brandschutzwände interessiert. Den Grund hierfür sieht Tönnissen vor allem in der Tatsache, daß seine Erfindung mit nur einem geringen Bruchteil der ansonsten erforderlichen Baukosten aus einem einröhrigen einen „zweiröhrigen“ Tunnel mit erheblich verbessertem Sicherheitsangebot machen könne.
Doch nicht nur bei den durch die Vorfälle in jüngster Zeit in die Diskussion geratenen „Einröhrigen“ sieht Tönnissen einen künftigen Markt für seine Sicherheitswände. Auch bei zweiröhrigen Tunnelbauwerken lasse sich durch eine Abtrennung der einzelnen Fahrbahnen voneinander ein bedeutsamer Sicherheitsvorsprung erreichen. Denn, wenn es auf einer der Fahrstreifen in einer Tunnelröhre zu einem Unfall komme, sei im Normalfall die gesamte Tunnelröhre – auch für Rettungsfahrzeuge – nicht mehr befahrbar. Anders in der geteilten Röhre: Hier könnte die nicht betroffene, durch die Trennwamd geschützte Fahrbahnhälfte für Hilfs- und Rettungsfahrzeuge genutzt werden.
HAN/ew
Hans Tönnissen: „Das Trennwandkonzept eignet sich besonders für den Neubau.“ Trennwand teilt Tunnelröhre: Die Fotomontage zeigt, wie ein modifizierter Straßentunnel aussehen könnte.
Getrennte Fahrbahnen in einröhrigem Tunnel: Die Brandschutzwand ruht in einem Betonfuß und entspricht einer Feuerschutzklasse F 90 bis F 120.

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