Bau 14.07.2006, 19:22 Uhr

Bauindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht  

VDI nachrichten, Wien, 14. 7. 06, rok – Nach einer etwa zehnjährigen konjunkturellen Talfahrt mit erheblichen Verlusten an Arbeitsplätzen geht es für die deutsche Bauindustrie wieder aufwärts. Zusätzliche Arbeitsplätze werde die anziehende Baukonjunktur aber nicht im großen Stil schaffen. Dazu seien die Rahmenbedingungen nach wie vor völlig unzureichend, analysiert Strabag-Chef Manfred Nußbaumer in seinem folgenden Beitrag die Situation.

Bei der deutschen Bauindustrie geht es wieder aufwärts. Erstmals seit acht Jahren prognostizieren die Wirtschaftsinstitute steigende Auftragseingänge in der Bauwirtschaft. Die positive Entwicklung wirkt sich seit Beginn des Jahres 2006 auch auf die Umsätze der Bauunternehmen aus.

Zurückzuführen ist der Aufschwung vornehmlich auf den Wirtschaftsbau im Westen Deutschlands. Aber auch der öffentliche Hochbau sowie der Straßenbau zeigen erste Tendenzen, den längst fälligen Investitionsstau aufzulösen. Dies ist ein erster vorsichtiger positiver Trend, wenn auch noch immer ein erheblicher Investitionsbedarf der öffentlichen Hand mehr als überfällig ist.

Der Trend kommt zur richtigen Zeit. In der deutschen Bauindustrie hat sich ein Generationenwechsel vollzogen. Moderne Managementstrukturen haben die patriarchalischen Gründermodelle ersetzt. Die damit einhergehenden Anpassungen an international wettbewerbsfähige Effizienzkriterien haben eine Konsolidierungswelle ausgelöst, die der Branche gut tut. Die wirtschaftliche Substanz der Unternehmen kann sich wieder sehen lassen.

Mit dazu beigetragen hat, dass sich inzwischen viele große Baukonzerne zunehmend als Dienstleister rund um das Bauwerk verstehen – entwickeln, planen, bauen, betreiben, instand halten, entsorgen. Auf diesem Geschäftsfeld bieten sich sowohl national als auch international interessante Pers-pektiven.

Um die träge Investitionspolitik der öffentlichen Hand anzukurbeln, haben insbesondere die Großen der Branche in Deutschland, Hochtief, Bilfinger Berger, Strabag/Züblin und auch mittelständische Betriebe zahlreiche PPP-Projekte (Public-Private-Partnership) angeregt. Hier geht es insbesondere um Krankenhäuser, Schulen, Verwaltungsgebäude, Kulturbauten, Justizvollzugsanstalten sowie Sportstätten. Gerade wurde in Essen mit dem Protonentherapiezentrum das erste PPP-Projekt im Gesundheitswesen und zugleich der größte in Deutschland vergebene PPP-Einzelauftrag unterzeichnet.

Fast wichtiger sind aber große Infrastrukturmaßnahmen, wie der völlig desolate Zustand der Straßen in den alten Bundesländern, der dringende Ausbau des inzwischen völlig überlasteten deutschen Autobahnnetzes und nicht zuletzt die Sanierung der inzwischen über 100 Jahre alten Kanalisation in den deutschen Städten.

Ein weiteres Betätigungsfeld für die Bauindustrie ergibt sich auf dem Energiesektor. Die großen Strom- und Erdgaslieferanten wollen bis 2012 rund 30 Mrd. € in den Ausbau von Kraftwerken und Leitungsnetzen investieren.

Immer noch besteht ein erheblicher Handlungsbedarf seitens der politischen Entscheidungsträger, die nötigen planerischen und juristischen Weichen zu stellen, um diese dringend erforderlichen Projekte zu realisieren. Zudem ist es notwendig, die Effizienz von Verwaltung und Verfahren bei der Umsetzung der für Deutschland, als dem Transitland Nr.1 in der europäischen Mitte, so wichtigen Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen deutlich zu verbessern. Dies gilt gleichermaßen für Straße, Schiene, Wasserwege und Luftverkehr.

Sinnvoll wäre es, bei Planung, Ausschreibung und Bewirtschaftung von Verkehrswegen eine effizientere Arbeitsteilung zwischen Bund und Ländern zu schaffen, mit klaren Verantwortlichkeiten und Entscheidungskompetenzen. Gleichzeitig müssen die teuren Planungs- und Genehmigungsprozesse deutlich vereinfacht und zeitlich gestrafft werden. Die Baukonjunktur kann in Deutschland nur dauerhaft an Fahrt gewinnen, wenn es der Regierung gelingt, die angekündigten Reformmaßnahmen zügig und konsequent umzusetzen.

Arbeitsplätze entstehen nur nach einer Reform der sozialen Sicherungssysteme. Zusätzliche Arbeitsplätze wird die anziehende Baukonjunktur aber nicht im großen Stil schaffen. Dazu sind die Rahmenbedingungen nach wie vor völlig unzureichend.

Einerseits besteht weiterhin ein niedriges Preisniveau für Bauleistungen. Die Ursache dafür liegt in der hohen Zahl von Anbietern, aber auch in der zu geringen Selbstdisziplin der Anbieter und einer etwa zehnjährigen konjunkturellen Talfahrt. Zudem halten die viel zu hohen Sozialabgaben die Kosten für die personalintensive Bauwirtschaft hoch und lassen kaum Spielraum für Neueinstellungen.

Daher bedürfen die sozialen Sicherungssysteme und die Unternehmenssteuergesetzgebung dringend einer Reform. Nur eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland sichert und schafft langfristig neue Arbeitsplätze. Und wenn die Wirtschaft in unserem Lande wächst, profitiert davon auch die Bauindustrie.

Ganz anders stellt sich der Baumarkt im Osten Europas dar. Die Baukonjunktur in den Ländern Mittel-Ost-Europas sowie Süd-Ost-Europas hat weiterhin hohe Zuwachsraten. Die Bauquote gegenüber anderen europäischen Ländern ist hoch. Das Wachstum bestimmen vor allem der Wirtschaftsbau und Infrastrukturmaßnahmen. EU-Förderprogramme tragen mit zu den hohen einstelligen Wachstumsraten bei, die auch in Zukunft erwartet werden. Primär ursächlich ist aber die industrielle Entwicklung in diesen Ländern.

Für diesen Markt ist die deutsche Bauindustrie sehr gut gerüstet, allen voran die großen Bauaktiengesellschaften. Sie sind bereits seit Jahren Vorreiter bei der Internationalisierung ihrer Geschäftsfelder. Besonders die hohe technische Kompetenz deutscher Bauunternehmen bei der Realisierung komplexer und großer anspruchsvoller Bauvorhaben ist weiterhin gefragt. Ausbildungs- und Wissensstand der Mitarbeiter in den deutschen Bauunternehmen sind auch im internationalen Vergleich noch immer auf höchstem Niveau. Zusammen mit dem vorhandenen Technologievorsprung und dem modernen Maschinen- und Gerätepark ergibt sich auf den Märkten Ost-Europas für die deutsche Bauindustrie eine starke Wettbewerbsposition mit einer hohen Attraktivität für potenzielle Auftraggeber.

MANFRED NUSSBAUMER

Von Manfred Nussbaumer

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