Bau 27.01.2006, 18:42 Uhr

Balance von baulichen Aspekten und Management ist entscheidend  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 27. 1. 06, rok – Die Veröffentlichung der Stiftung Warentest zur Sicherheit der WM-Fußballstadien hat für viel Aufregung gesorgt. Eva Hinkers, Projektdirektorin des international tätigen Ingenieurbüros Arup, weist in ihrem folgenden Beitrag darauf hin, dass es nicht bauliche Aspekte alleine sind, die für Sicherheit bei Massenveranstaltungen sorgen.

Bei all den Medienveröffentlichungen in Presse, Funk und Fernsehen wurden die Bedenken der Stiftung Warentest im Hinblick auf die Sicherheit der Stadien für die anstehende Weltmeisterschaft ausführlich beschrieben. Man erfuhr jedoch sehr wenig über die Erfahrung und die fachliche Qualifizierung derer, die die Stadien in Augenschein genommen hatten oder darüber, welchen Zugang sie zu den Sicherheitsplänen wie Brandschutz- und Entfluchtungskonzepten hatten, oder ob sie sich mit den Sicherheitskonzepten der Betreiber für die Stadien unter laufendem Betrieb auseinander gesetzt haben. Liest man die Beurteilung der Stiftung Warentest, drängen sich folgende Fragen auf:

Welche Daten und Unterlagen wurden im Zusammenhang mit der Beurteilung gesichtet?

Wer wurde zu den Sicherheitskonzepten befragt? Wurden die offiziellen Sicherheitsbeauftragten befragt?

Wie lange und intensiv wurden die Begehungen vorgenommen?

Wurden Beobachtungen auch während laufender Spiele vorgenommen?

Wurden Sicherheits- und Zugangskontrollen der Zuschauer während ihres Eintreffens, des Spiels und des Verlassens des Stadions beobachtet?

Wurde mit den zuständigen Behörden gesprochen?

In Stellungnahmen der Stiftung Warentest wurde deutlich, dass Grundlage ihrer Beurteilungen lediglich eine jeweils mehrstündige Begehung war. Dies ist sicher für eine umfassende und fundierte Beurteilung der Stadionsicherheit nicht ausreichend, da es sich hierbei um komplexe Gebäude handelt.

Als allgemein anerkannter Standard zur Planung und Beurteilung von Stadionsicherheit in Sportstätten gilt der „Guide to Safety at Sports Grounds“ (Green Guide) 4. Ausgabe, herausgeben durch das Department of Media and Science der Britischen Regierung. Der Green Guide wurde als Antwort auf die verschiedenen Unglücke in britischen Stadien ins Leben gerufen, auf die sich zum Teil auch der Artikel der Stiftung Warentest bezieht. Er wurde als Grundlage für viele weitere nationale europäische Richtlinien herangezogen.

In der Einleitung zum Green Guide, in der es um Zielsetzungen und vernünftige Zielvorgaben geht, ist zu lesen: “ Bei der Anwendung dieser Richtlinien und Empfehlungen sollte nicht vergessen werden, dass die prinzipielle Zielsetzung darin besteht, einen vernünftigen Sicherheitsstandard für die Sportstätte im Betrieb, für die jeweils spezifische Aktivität zu erzielen. Eine absolute Sicherheit, so sehr sie auch aus der theoretischen Betrachtung heraus gewünscht ist, wird in der Realität nie erzielt werden können.

Die Sicherheit in Sportstadien ist nicht lediglich eine Frage der Planung und des Gebäudekonzeptes, vielmehr wird jedes Stadion nach einem strikten Protokoll gemanagt. Dies gilt insbesondere für die Phasen vor einem Event, wenn die Zuschauer eintreffen, während der Veranstaltung selbst und wenn die Massen sich auflösen. Auch hier weist der Green Guide auf eine notwendige Ausgewogenheit hin. „Sicherheit in Sportstätten wird nur durch eine ausgewogene Balance zwischen einer guten Planung und einem guten Management erreicht“. In dieser Hinsicht kann die Sicherheit in Stadien dadurch erreicht werden, dass Einzelkomponenten – wie Treppen, Laufgänge und Sitzbereiche – zufriedenstellend ausgebildet sind. Die Zusammenwirkung dieser Komponenten ist entscheidend und sie dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Sie müssen sich sinnvoll ergänzen und zu einem ausgewogenen Ganzen werden.

Um nun auf einige Punkte in dem Artikel der Stiftung Warentest (Ausgabe Februar 2006, Seite 78ff.) einzugehen:

Wir würden dem Standpunkt, dass innerhalb eines Stadions in einer Paniksituation die Zuschauer immer versuchen werden nach unten und auf das Spielfeld zu drängen, nicht zustimmen. Insbesondere dann nicht, wenn von dort die Gefahr ausgeht. Studien haben gezeigt, dass tatsächlich die Mehrzahl der Zuschauer versuchen würde, genau den Weg zum Verlassen der Tribüne zu nehmen, den sie auch gekommen sind, auch wenn dieser länger wäre. Dies hat wahrscheinlich mit Vertrautheit zu tun.

Es ist richtig, dass Gräben und Brüstungen nicht mehr dem Stand der Technik zur Steuerung von Zuschauerströmen entsprechen. An dieser Stelle wäre die Lösung für den Graben im alten Wembley Stadion zu erwähnen, wo mit Seilen in der unteren Ebene eventuell randalierende Fans kontrolliert werden können, die aber kontrolliert so eingesetzt werden können, dass sie im Fall einer Panik kein Hindernis für die Massen darstellen.

Es scheint kein Benchmarking mit anderen Stadien vorgenommen worden zu sein. Wäre dies der Fall gewesen, wäre deutlich geworden, dass die Anmerkungen zu Treppensteigungen und Auftrittsbreiten eine in modernen Stadien übliche Planungsherausforderung darstellt, die am Besten durch zusätzliche Handläufe gelöst wird. Eine Steigung von 34o _ 35o, wie sie in vielen neuen Stadien in Nordeuropa zu finden ist, weicht nicht sehr von der in Wohnhäusern ab.

Es ist richtig, dass der Evakuierungszeitraum 8 Minuten betragen sollte, oder genauer bis zum Erreichen eines Bereiches, der vergleichsweise sicher ist. Jedoch gibt es hier einen gewissen Spielraum bei Rängen mit mehr als 600 Sitzplätzen und Fluchtwegen, die breiter als 1,20 m sind. Wir würden jedoch die Aufmerksamkeit auf die Anzahl der Abgänge lenken wollen und dass im Green Guide vorgeschlagen wird, nicht mehr als 28 Sitzplätze in einer Reihe zwischen den Gängen vorzusehen (also 14 in jede Richtung), was deutlich über den deutschen Anforderungen von 40 Sitzplätzen liegt. Dies ist in unseren Augen sehr viel – auch unter normalen Umständen – wenn man bedenkt wie oft man „Entschuldigung bitte“ sagen muss, bevor man an seinem Platz angelangt ist.

Ein weiter Punkt ist die Diskussion über Stolperfallen durch unterschiedliche Treppenstufengradienten. Stadien haben leicht variierende Stufenhöhen. Dies hängt mit den Sichtlinien zusammen. Dies sollte normalerweise keine Gefahr für die Abgänge darstellen, wenn die Treppenhöhen in einer konstant linearen Weise zunehmen, die sich an die konvexe Schüsselgeometrie anpasst. Hierbei handelt es sich um Millimeterdifferenzen zwischen den einzelnen Treppen. Bei einem konstanten Gradienten würde es Probleme mit den Sichtlinien in größeren Stadien geben, so dass einige Plätze nur eine eingeschränkte Sicht auf das Spielfeld hätten. Diese Stadien würden durch die UEFA wahrscheinlich nicht lizenziert.

Nicht erwähnt wurde auch der positive Effekt von Stufen in den Zugängen zu den Rängen. Diese führen zu einem verlangsamten Zustrom der Zuschauer und reduzieren damit den Druck auf die Ränge. Die Stufen helfen ebenfalls flüchtenden Zuschauern dadurch, dass sie beim Verlassen des Stadions einen Blick über die anderen Flüchtenden gewähren.

Der Artikel war sicher sinnvoll, indem er eine Diskussion über die Sicherheit von Menschenmassen ausgelöst hat und wird dazu führen, dass die Sicherheitsaspekte in den kritisierten Stadien überprüft werden. Allerdings hat er weder eine ausreichende Kenntnis in der Planung und dem Betrieb und Management von Stadien reflektiert noch diesen entscheidenden Zusammenhang berücksichtigt oder auf ihn hingewiesen.

Ohne gutes Management würden auch alle die Sportstätten in Extremfällen versagen, bei denen es keine Beanstandungen gegeben hätte.

EVA HINKERS

www.arup.com

Von Eva Hinkers

Stellenangebote im Bereich Bauwesen

Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Ingenieure (m/w/d) der Fachrichtung Versorgungstechnik Darmstadt, Langen
Sweco GmbH-Firmenlogo
Sweco GmbH Bauingenieur (m/w/d) als Projektleiter Bonn
IBG Immobilienbetreuung GmbH Marburg-Firmenlogo
IBG Immobilienbetreuung GmbH Marburg Projektingenieur Bau (m/w/d) Frankfurt am Main
DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.-Firmenlogo
DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. Projektingenieur/in – Schwerpunkt Facilitymanagement / Versorgungstechnik Köln
Brunel GmbH-Firmenlogo
Brunel GmbH Junior Bauingenieur (w/m/d) Dortmund
Brunel GmbH-Firmenlogo
Brunel GmbH Bauingenieur / Projektleiter Schwerpunkt Stahlbau (w/m/d) Dortmund
Bayerische Grundstücksverwertung Dres. Ulrich u. Spannruft GmbH-Firmenlogo
Bayerische Grundstücksverwertung Dres. Ulrich u. Spannruft GmbH Bauleiter Wohnungsbau / Bauingenieur / Techniker (m/w/d) Raum München
DYWIDAG-Systems International GmbH-Firmenlogo
DYWIDAG-Systems International GmbH Ingenieur (m/w/d) für den Vertrieb von geotechnischen Systemen Königsbrunn
Hessische Landesbahn GmbH-Firmenlogo
Hessische Landesbahn GmbH Projektingenieur Wartungseinrichtungen Schienenfahrzeuge (w/m/d) Frankfurt am Main
Axpo Gruppe-Firmenlogo
Axpo Gruppe Fachingenieur Rückbau (w/m) Beznau (Schweiz)

Alle Bauwesen Jobs

Top 5 Bau

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.