Bau 01.02.2008, 19:33 Uhr

Arbeiten im Bauch der Stadt  

VDI nachrichten, Berlin, 1. 2. 08, cha – Ingenieure gehen den Dingen im Allgemeinen gern auf den Grund. Da ist es doch naheliegend, wenn so mancher im Untergrund verschwindet.

Ein prominenterer Arbeitsort ist in Deutschland kaum denkbar. Hier am Pariser Platz in Berlin, nur wenige Meter vom Brandenburger Tor entfernt. Ein paar Schritte sind es lediglich bis zum berühmten Hotel Adlon. „Es ist eine große Herausforderung, in dieser Nachbarschaft einen U-Bahnhof zu bauen“, sagt Philipp Raible. Keinesfalls dürfen die Baudenkmäler beschädigt werden.

Der 31-jährige Bauingenieur der Firma Hochtief ist Schichtbauleiter für den Tunnelbau beim Projekt U-Bahnhof Brandenburger Tor. In nicht allzu ferner Zukunft sollen hier die U-Bahnen der so genannten „Kanzlerlinie“ U55 vom Hauptbahnhof ins Regierungsviertel ein und aus fahren können.

Noch weist wenig darauf hin. Planen verdecken die Sicht auf die Baustelle. Von außen wirkt sie unscheinbar. Die wenigen Container der Bauleitung, einige Rohre und Silos für den flüssigen Beton lassen nicht erahnen, was für eine gewaltige Höhle unter der Stadt geschaffen wurde. Mit sicherem Tritt steigt Philipp Raible die dünnen Sprossen der Leiter in den Untergrund. Der Tunnelbagger, neben dem er schließlich auf der Sole der Grube stehen bleibt, überragt ihn um ein Vielfaches. Mit ihm wird der Tunnel vorgetrieben, abhängig von dem Gestein mit einer speziellen Fräse oder mit dem Baggerlöffel. „Der Tunnelbau ist technisch sehr anspruchsvoll. Nie kann man zu 100 % sagen, was einen im Untergrund erwartet“, sagt Raible.

Stößt sein Team auf einen der vielen Findlinge, die sich unter der Stadt befinden, muss der Bauingenieur in wenigen Augenblicken entscheiden, welche Maschinen und welche Materialien er nutzt, um das Hindernis zu beseitigen.

Wenn oberirdisch nichts mehr geht, wählen immer mehr Städte den Weg in die Unterwelt. Ob U-Bahn-Bau oder Fußgängertunnel – Spezialisten im Tunnelbau sind weltweit gefragt. Für Ingenieure bieten sich vielfältige Betätigungsfelder: Vom Chemieingenieur, der dafür sorgt, dass der Boden vereist wird und damit leichter abgetragen werden kann, bis zum Bauingenieur der für den reibungslosen Ablauf des Verfahrens sorgt.

In Deutschland bietet die Stuttgarter Hochschule für Technik seit dem Sommersemester 2005 einen Masterstudiengang Grundbau/Tunnelbau an. Jedes Jahr werden bis zu 20 Studenten aufgenommen. „Wir nehmen bei den Unternehmen einen steigenden Bedarf nach Ingenieuren wahr, die über besondere Kenntnisse in der Geotechnik verfügen“, sagt Studiengangsleiter Roland Buchmaier. Insbesondere das Projekt Stuttgart 21 sei für den Tunnelbau in Deutschland eine Jahrhundertaufgabe.

Bei diesem Projekt wird der Stuttgarter Kopfbahnhof zu einem Durchgangsbahnhof umgebaut und durch ein Ringsystem an das regionale und überregionale Schienennetz angeschlossen. Ein 10 km langer Tunnel soll die Innenstadt mit einem neuen ICE-Bahnhof an Flughafen und Messe verbinden.

Um für derartige Aufgaben gerüstet zu sein, werden die Studenten in Stuttgart vor allem im mechanischen Verhalten von Boden und Fels geschult. Besonderes Augenmerk wird auch auf Bauverfahren, Maschineneinsatz und Messmethoden im Tunnelbau gelegt.

In Berlin ist der Tunnel für die Hauptröhre des U-Bahnhofs inzwischen vollständig vorgetrieben worden. Hier soll einmal der Bahnsteig entstehen. Der 90 m lange Tunnel ist durch eine Mauer aus Beton in zwei Abschnitte unterteilt. Sie wird erst durchbrochen, wenn beide Bauabschnitte vollständig gesichert sind. So wäre im Fall eines Wassereinbruchs nur ein Teil des Tunnels betroffen.

Doch zu einem solchen Ereignis darf es wegen der umliegenden Bebauung gar nicht erst kommen. „Sobald Wasser fließt, wird Sand aus dem Berliner Untergrund mitgespült. Es entstehen Trichter, die den Bauten Schaden zufügen“, sagt Benno Müller.

Der Ingenieur für Anlagenbau ist Leiter der Abteilung Bodengefriertechnik bei Max Bögl. Die Spezialisten des Unternehmens haben den Berliner Tunnel mit einem etwa 3 m dicken Frostkörper umschlossen. 120 Rohre von jeweils 90 m Länge leiten die hierfür nötige Kühlflüssigkeit durch das Erdreich, das auf etwa -5° C abgekühlt wird. Maschinen- und Anlagenbau, Messtechnik und Bauingenieurwesen greifen beim Tunnelbau ineinander. „Man muss interdisziplinär arbeiten können“, sagt Benno Müller.

Gerade diese Vielfalt gefällt Philipp Raible. Seine ersten Erfahrungen im Tunnelbau machte er während eines Praktikums in Lesotho. Im afrikanischen Staat arbeitete er an einem 35 km langen Stollen, der zwei Staudämme miteinander verbinden sollte. „An der Maschine“, wie Raible die riesigen Bohrer nennt, mit denen die Tunnel vorgetrieben werden. Obwohl ihn die Erfahrung faszinierte, würde er in einem nächsten Projekt gerne wieder eine U-Bahn-Baustelle betreuen. „Man muss sich mit vielen verschiedenen Bauverfahren befassen“, sagt Raible. Im Bauch der Stadt ist dies eine besondere Herausforderung.

HENNING ZANDER

Von Henning Zander

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