Bau 15.01.1999, 17:20 Uhr

Am Dom hat jetzt eine Frau das Sagen

Seit Beginn des Jahres ist zum ersten Mal in der Geschichte des Kölner Doms eine Frau Dombaumeister. Gegen den Zahn der Zeit, der beständig am Wahrzeichen der Rheinmetropole nagt, setzt sie modernste Lasertechnik ein.

Ihr Arbeitsplatz ist buchstäblich eine ewige Baustelle. Bei dem Bauwerk, an dem nun schon im 751. Jahr Steinmetze, Bildhauer, Schlosser, Schmiede, Dachdecker, Glaser, Architekten und Ingenieure Hand anlegen, handelt es sich um Deutschlands bekannteste gotische Kathedrale: den Kölner Dom. Der erlebt jetzt neue Zeiten, denn mit dem Beginn des Jahres hat Barbara Schock-Werner, Kölns erste Dombaumeisterin, die Verantwortung für die baulichen Arbeiten sowie für rund 100 Handwerker und Mitarbeiter der Dombauhütte übernommen.
Als die 50jährige Professorin für Architektur und Kunstgeschichte an diesem stürmisch-nassen Januarmorgen verspätet und ein wenig von Wind und Wetter zerzaust, in Regenjacke und Stiefel vom Baustellenrundgang in ihr Büro zurückkommt, entschuldigt sie sich: „In der Wand für die neue Schatzkammer ist eine Öffnung, die noch von den Maurern geschlossen werden muß.“ Der neuen Chefin der Dombauhütte entgeht so schnell nichts. Kein Wunder, denn die Expertin für gotische Architektur und Denkmalpflege hat auch auf dem Bau gearbeitet. Einem halbjährigen Praktikum auf einer Stuttgarter Baustelle verdankt sie viele nützliche Kenntnisse: „Die Maurerei beherrsche ich heute noch wie früher“. Ihrer Qualifikation und außergewöhnlichen Vielseitigkeit schreibt sie zu, daß die zuständige Kirchenkommission sich einstimmig für sie als Dombaumeisterin entschieden hat.
Die weiteren Anforderungen – katholisch und schwindelfrei – erfüllt sie allemal. Und vor der Konkurrenz der Frauen habe sich die katholische Kirche noch nie fürchten müssen, lacht sie augenzwinkernd. „Eine Stelle, wie für mich gemacht“, sagt Barbara Schock-Werner begeistert.
Voller Elan berichtet sie, welche Arbeiten am Dom auf sie warten. Etwa die Schließung des großen Schadens im nordwestlichen Strebepfeiler des Nordturms. Hier hatte ein schwerer Bombentreffer bei einem Luftangriff 1943 achtzig Kubikmeter Gestein herausgerissen. Das klaffende Loch wurde damals mit zwanzigtausend Ziegelsteinen notdürftig ausgebessert. Um die sogenannte Plombe war lange ein heftiger Streit entbrannt, weil manche sie als Mahnmal für die Kriegsschäden stehen lassen wollten. Blanker Unsinn sei das, bestimmt die resolute Dombaumeisterin: „Der Dom ist kein Kriegsdenkmal.“ Nun muß das Flickwerk durch Sandstein ersetzt werden. Ein schwieriges Unterfangen, da die Lücke ausgerechnet an einer Stelle mit aufwendigem Außenschmuck sitzt und die fehlenden Skulpturen möglichst authentisch nachgebildet werden müssen. Ein hartes Stück Arbeit, das auf Steinmetze und Bildhauer zukommt.
Sind keine Modellfiguren mehr in der Sammlung des Nordturms vorhanden, müssen Gipsabdrücke oder Blaupausen von ähnlichen, noch erhaltenen Steinfiguren genommen werden. Aus einem vorgesägten Sandsteinblock werden zunächst gröbere Strukturen herausgemeißelt. Dann geht es an die Feinarbeit. Gut und gerne ein halbes Jahr kann die Bearbeitung eines Baldachins, wie die rund eine Tonne schweren, steinernen Schirmdächer heißen, in Anspruch nehmen.
Doch nicht nur Bombentreffer, auch der saure Regen hat den Natursteinen des Doms übel zugesetzt. Große Mengen an Ruß, Schwefeldioxid und Stickoxide, die in den benachbarten Braunkohlegebieten freigesetzt wurden und durch Industrie, Hausbrand und den rasant wachsenden Autoverkehr in die Luft gelangten, wurden mit dem Regen ausgewaschen. Kommt Schwefeldioxid mit Wasser in Berührung, bildet sich ätzende Schwefelsäure.
Eine brisante Mischung, die sich vor allem in den sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts über dem Dom zusammenbraute und die nicht nur kalkhaltige Mineralsteine und Bindemittel angreift. Auch Sandstein zerfällt und bildet lockeren Sand. Große Schäden hat vor allem das Langhaus der Kathedrale davongetragen, das aus rauhem, porösem Schlaitdorfer Sandstein gebaut ist. Hier platzt der Naturstein in Schichten wie morscher Blätterteig von Fassade und Skulpturen ab. Für die Restauration braucht die Dombauhütte dringend Ersatzsteine aus dem ursprünglichen Steinbruch in Schlaitdorf bei Tübingen. Doch daraus wird nichts. Steinbruchbetreiber und Gemeinde liegen seit Jahren im Streit, der Abbruch ist zum Erliegen gekommen, eine Einigung nicht in Sicht. Die Restauration von Kölner Dom und Ulmer Münster, das ebenfalls auf den schwäbischen Sandstein angewiesen ist, muß eben warten. „Eine bizarre Situation“, schimpft die Dombaumeisterin. Sie hat sich inzwischen in Tschechien umgesehen, wo es einen ähnlichen Sandstein gibt.

Laser reinigt Stein schonend vom Umweltschmutz

Um die wertvollen Steinfiguren dauerhaft zu erhalten, müssen sie mit einer konservierenden Acryllösung getränkt werden. Dazu werden die Teile nach Bamberg geschafft. Hier hat die Firma Ibach ein besonderes Verfahren entwickelt. Unterdruck sorgt dafür, daß die Acryllösung bis in den Kern des Natursteins eindringt.
Zuvor werden die Steinfiguren gründlich von ihrer rußgeschwärzten Verwitterungsschicht befreit. Früher wurde ihnen mit harten Bürsten kräftig zu Leibe gerückt, und manche Beschädigung war die Folge. Ein modernes, materialschonendes Reinigungsverfahren mit einem mobilen Neodym-Yag-Laser verspricht heute Abhilfe. In einem Pilotprojekt, das die Bundesumweltstiftung in Osnabrück finanziell unterstützt, befreien ultrakurze Laserpulse die schwarz angelaufenen Figuren von hartnäckigen Schmutzkrusten. Die Energie der wenige Nanosekunden dauernden Lichtblitze ist genau abgestimmt, so daß die Wärme höchstens ein tausendstel Millimeter tief in den Naturstein vordringen kann. Auf diese Weise wird die Verwitterungsschicht Punkt für Punkt abgetragen. Der Einsatz der neuen Technik ist jedoch an eine Voraussetzung gebunden: Damit der Laser die Schutzschicht vom Untergrund sicher unterscheiden kann, müssen sich beide Materialien in ihren optischen und thermischen Eigenschaften deutlich voneinander abgrenzen lassen. Zwei Engelsfiguren am Dom sind so zu neuem Glanz gekommen. Barbara Schock-Werner, die selbst mit dem Laser Hand angelegt hat, ist von der Methode begeistert: „An den Skulpturen werden wieder feinste Meißelhiebe sichtbar.“
Die neue Lasertechnik könnte auch die wertvollen mittelalterlichen Glasfenster retten, die mit Skalpell und Pinsel nur schwer zu reinigen sind. Von insgesamt 10 000 m2 Glasfläche am Kölner Dom sind nur 1350 m2 bemaltes Fenster aus dem Mittelalter erhalten. Sie sind aus verschiedenen Scherben zusammengesetzt, denen auch noch unterschiedliche Bemalungen aufgebrannt wurden. Mit Hilfe eines Excimer-Lasers, der dieser Verwitterungskrusten schonend abträgt, sollen die historischen Gläser restauriert werden. Der Schmutz verdampft dabei spurlos. Auf keinen Fall darf die im Laufe der Jahrhunderte ausgeschwitzte Gelschicht der Gläser angegriffen werden. Würde sie verletzt, würde sich die Korrosion weiter in das Glas fressen.
Erste Versuche an Modellgläsern, die Spezialisten am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg in der chemischen Zusammensetzung den Originalen nachempfunden haben, laufen bereits. In einer Klimakammer werden Witterungseinflüsse im Zeitraffertempo simuliert. Mit einem Infrarotspektrometer wird anschließend der Korrosionsgrad genau festgestellt. Von der neuen Methode erhofft sich Barbara Schock-Werner keine Wunder, aber die Chance einer differenzierten, sorgfältigen und kontrollierten Restaurierung der wertvollen Fenster.
SILVIA VON DER WEIDEN

Von Silvia von der Weiden
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