Bau 18.12.1998, 17:20 Uhr

Abriß mit Samthandschuhen

Durch Verkauf antiker Bauteile soll die Sanierung finanziert werden.

Auf den ersten Blick ist das Gelände im Neugersdorfer Stadtzentrum eine ganz normale Industriebrache. Fabrikbauten aus der Gründerzeit mit großen Fenstern, deren Scheiben längst eingeworfen sind, die Türen hängen schief in den Angeln, der Putz bröckelt von den Wänden. Über vieles hat der frühe Winter gnädig eine dichte Schneedecke geworfen. Aus dem ungeheizten Hauptgebäude dringen Arbeitsgeräusche. Zwei Männer sind dabei, dunkle Dielenbretter mit Sandpapier-umwickelten Holzklötzen abzuschmirgeln – eine mühsame Arbeit, die mit geeigneter Technik leichter von der Hand ginge. Aber die nötigen Maschinen können erst angeschafft werden, wenn sich die aufgearbeiteten Bretter verkaufen lassen.
Die beiden Handwerker schmirgeln für ein ungewöhnliches Modellprojekt. Hier in Neugersdorf unweit von Görlitz, direkt an der tschechischen Grenze wird der behutsame Rückbau von überflüssig gewordenen Fabrikgebäuden geprobt. Die dabei geborgenen Materialien werden aufgearbeitet und wieder als Baustoffe genutzt, gut erhaltene Bauteile wie Treppen, Dielen, Fenster werden verkauft. „Wir wollen herausfinden, ob so viel Geld hereinkommt, daß damit ein Teil der Sanierungskosten abgedeckt werden kann“, erklärt Wirtschaftsberater Thomas Bernhard, der das Konzept entwickelt hatte. Das interessiert auch die EU, die das Pilotprojekt mit 2,5 Mio. DM fördert. Schließlich gibt es allein in Sachsen rund 1000 Industriebrachen, für deren Sanierung das Geld fehlt. Die übrigen 1,3 Mio. DM trägt das Arbeitsamt, das auch 30 ABM-Leute finanziert.
Die 14 Gebäude der einstigen Textilfabrik stehen mitten im Stadtzentrum der alten Oberlausitzer Industriestadt Neugersdorf. Bis 1990 wurden in der „Gummierung“ Lkw-Planen und Hüllen für Traglufthallen produziert. Mit der Währungsunion kam das Aus wie für die meisten anderen Betriebe der Stadt: Von 8000 Industrie-Arbeitsplätzen blieben damals nur 500 übrig, inzwischen sind es wieder 1000. Die „Gummierung“ unweit vom Rathaus ist eine schmerzhafte Wunde im Stadtbild. Drogen-Abhängige schlugen dort gern ihr Lager auf, Hunde, Katzen und Marder quartierten sich ein. „Für die Bewohner der umliegenden Häuser war das ein untragbarer Zustand“, erklärt Bürgermeister Michael Krannich. Vor vier Jahren konnte die Stadt das Gelände von der Treuhandanstalt für eine Mark kaufen. Und im vergangenen Winter stieß die Stadtverwaltung dann auf das „RECHAR-II“-Programm der EU, das die beispielhafte Nutzung historischer Bausubstanz fördert. Im Juni begannen die Aufräumarbeiten, seit September werden die Gebäude Stein für Stein zurückgebaut.
Mancher frühere Textilarbeiter ist auf diese Weise in seinen alten Betrieb zurückgekehrt. Hans-Günter Breuer, der jetzt alte Dielen schmirgelt, war hier mal Beschichter und hat trotz Umschulung seit acht Jahren keinen festen Job mehr gefunden. Sonderlich begeistert ist er nicht: „Die Arbeit ist hart.“ Es wird viel von Hand gemacht. Wie seine Kollegen war er zuvor von Experten der Forschungs- und Entwicklungsgemeinschaft Historische Baustoffe e.V. mehrere Wochen darin geschult worden, die Materialien sachgerecht zu bergen und aufzuarbeiten. „Am Anfang ist noch viel zu Bruch gegangen“, bekennt Vorarbeiter Michael Thoms. „Inzwischen wissen wir, wie wir Granitplatten bergen müssen. Und wer Dielen mit dem Nageleisen heraushebelt, legt jetzt einen Holzklotz unter.“
Mit den mehr als 100 Jahre alten Kiefern- und Fichtenhölzern ist die Industriebrache reich gesegnet: In den Fußböden sind sie in drei Lagen eingebaut. Abgeschmirgelt, besäumt und mit Leinöl behandelt, geben die 3 cm dicken Bretter eine reizvolle Maserung frei. „Für jemanden, der ein altes Haus sanieren will, ist das doch ideal“, glaubt Thoms. Auch die geborgenen Balken haben ihre Vorteile: Das Holz ist vollkommen trocken und schmeckt keinem Holzwurm mehr.
Im Hauptgebäude, das vorerst als Lager dient, stapeln sich bereits Baustoffe, die das Herz jedes Denkmalschützers höher schlagen lassen: Klosterformat- und Reichsnorm-Ziegel, Granitplatten und Bodenfliesen, Treppen und Balken, Fenster und gußeiserne Säulen. „Wir haben erst bei den Arbeiten viele Baustoffe entdeckt, die wir vorher nicht vermutet hätten“, erzählt Thoms. Das freilich macht den Zeitaufwand und die Material-Ausbeute auch so schwer kalkulierbar. Dennoch hofft der Bauingenieur Werner Nette darauf, eine auch bei anderen Industriebauten anwendbare schonende Abbruchtechnik ausarbeiten zu können.
Wissenschaftler der Hochschule Zittau/Görlitz untersuchen derzeit, welche Kosten die Arbeiten verursachen und für welchen Zweck die geborgenen Materialien wieder verwendet werden können. „Es lohnt sich auf jeden Fall, die Ziegel wieder zu verwenden“, erklärt Joachim Zielbauer, Dekan der Wirtschaftswissenschaften. Schließlich ist ihre Herstellung sehr energieintensiv: Allein beim Brennvorgang werden 490 kWh bis 1700 kWh pro t Ziegel verbraucht. Alle Beteiligten hoffen darauf, daß sich am Ende des Projekts auch Unternehmer finden, die das gewonnene Know-how in einer eigenen Firma nutzen und so neue Arbeitsplätze in der Region schaffen.
STEFAN SCHROETER

Ein Beitrag von:

  • Stefan Schroeter

    Stefan Schroeter verfasst fachjournalistische Berichte über die Energiewirtschaft.

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