Interview: Neuer Fraunhofer IPA- und IFF-Leiter 10.02.2012, 12:01 Uhr

Prof. Bauernhansl: Technologie statt Verzicht

Am 2. Februar übernahm Prof. Thomas Bauernhansl nun offiziell die Leitung der renommierten Institute Fraunhofer IPA und IFF der Universität Stuttgart von Prof. Engelbert Westkämper. Gegenüber den VDI nachrichten sprach er über sein Leitmotto und seine Pläne für die Organisation der Institute.

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: Herr Professor Bauernhansl, wenn sie Ihre Arbeit zusammenfassen müssten – auf welchen Kern ließe sie sich dann reduzieren?

Bauernhansl: In einem Satz: „Technologie statt Verzicht.“ Denn genau darum geht es: Genuss ohne Reue.

Für die deutsche Industrie klingt das sicher attraktiv. Doch sie steht vor großen Umbrüchen und Herausforderungen. Welche sind für Sie wesentlich?

Bauernhansl: Seit es die Großindustrie gibt, unterliegt sie einem Wandel und muss sich immer wieder neuen Gegebenheiten stellen. Zwar gilt: Die Anzahl und die Frequenz von Veränderungen und Krisen auf den Märkten werden im Vergleich zur Vergangenheit nicht stark zunehmen. Aber ihre globalen Auswirkungen werden immer stärker und sie werden sich in immer kürzeren Zeiträumen verbreiten. Zudem werden wir nicht alle Veränderungen vorhersagen können.

Was bedeutet das für produzierende Unternehmen?

Bauernhansl: Wir müssen ganz grundsätzlich sensibel für Veränderungen sein. Auch im 21. Jahrhundert brauchen Unternehmen Gewinne, um ihren Fortbestand zu sichern. Ob jedoch ein Unternehmen Gewinne macht, entscheidet der Markt, und dessen Kriterien werden sich massiv verändern. Nicht nur aus politischer Sicht sind wir daher aktuell Zeuge der Geburtswehen einer neuen Weltordnung auch die industrielle Produktion steht vor einem Paradigmenwechsel. Wir spüren, dass sich die Art und Weise, wie wir konsumieren und investieren, ändern muss. Die Gestaltung unserer Versorgungsketten und damit die Produktion werden sich daher fundamental verändern müssen, wenn wir den nachfolgenden Generationen nicht die Lebensgrundlage entziehen wollen.

Welche Lösungsansätze sehen sie dafür?

Bauernhansl: Nach meiner festen Überzeugung werden wir die „Ganzheitliche Fabrik“ mit einer nachhaltigen Produktionsweise bekommen. Während wir uns die letzten 100 Jahre im Schwerpunkt mit Produktivitätsverbesserung auf Basis der Personalkostenoptimierung und Auslastung unserer Maschinen auseinandergesetzt haben, werden wir uns in Zukunft mit der Material- und Energiekostenoptimierung beschäftigen. Alte Optimierungsphilosophien werden dabei an ihre Grenzen stoßen und wir werden neue Ansätze brauchen, um weltweit Wohlstand zu produzieren.

Was bedeutet das konkret vor dem Hintergrund Ihres Leitsatzes?

Bauernhansl: Bislang streben wir vor allem nach Effizienz. Das ist sicherlich auch künftig wichtig. Die Strategie „Je weniger Verbrauch, desto besser“ ist bei steigenden Kosten für Energie und Material auch wirtschaftlich sinnvoll, es stellt sich aber die Frage, ob wir damit unser Ressourcenproblem lösen oder nur um einige Jahre nach hinten verschieben werden.

Zudem glaube ich nicht, dass wir freiwillig unser Konsumverhalten ändern werden und Verzicht über ein gewisses Maß hinaus ein tragfähiges gesellschaftliches oder auch volkswirtschaftliches Erfolgskonzept ist. Wir brauchen Produkte, die im Laufe ihres Lebenszyklus einen positiven „Footprint“ hinterlassen. „Je mehr, desto besser“ ist dann die Devise, weil der Konsum oder die Anwendung einer Technologie der Umwelt nutzt und ihr nicht schadet.

Dazu müssen wir unsere Wertschöpfung in Kreisläufen organisieren, nur nachwachsende bzw. unerschöpfliche Rohstoffe verwenden und lernen, die im Überfluss vorhandene Energie nutzbar zu machen. Wir brauchen also Technologie statt Verzicht!

Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Bauernhansl: Schauen sie sich die Automobilindustrie an. Die Art, wie wir Autos entwickelt und produziert, aber auch gefahren und entsorgt haben, wird sich stark verändern. Mobilität muss nachhaltig werden. Für die Automobilindustrie wird sich die komplette Wertschöpfungskette wandeln – getrieben durch neue Fahrzeugkonzepte, neue alternative Antriebssysteme sowie zahlreiche neue Materialien. Das bedeutet, dass Erfahrungen und Vorsprünge in allen Bereichen entwertet und neue Wettbewerber in den Markt eintreten werden. Die Automobilindustrie beschäftigt sich intensiv mit diesem Spannungsfeld und wir werden in den nächsten Jahren viele neue hoch innovative Lösungen sehen.

Was muss konkret geschehen, damit sich eine neue Denkweise durchsetzt?

Bauernhansl: Zunächst: Die ganze Welt vertraut unserer technologischen Kompetenz, was sich in unseren hohen Exportquoten niederschlägt. Aber ausgerechnet in unserem Land fehlt dieses Vertrauen häufig. Wir sehen zunächst die Risiken und verlieren gerne die Chancen aus den Augen. Wir brauchen aber mutige und disziplinierte Politiker, die das Wohl aller im Auge haben und die richtigen Anreize setzen. Mit 100 Mrd. € Photovoltaikanlagen zu fördern, ist z. B. eine fragwürdige Strategie – insbesondere in einem Land mit so geringen Sonnenstunden wie Deutschland. Nichtsdestotrotz ist die Energiewende der richtige Schritt. Der Weg hin zu regenerativen Energien wird langfristig in Verbindung mit Energy-Harvesting und neuen Speichertechnologien zu einem bezahlbaren Überangebot an Energie führen.

Aber: Die Materialkosten werden weiter steigen. Hier können nur nachwachsende Rohstoffe sowie die intensive Nutzung von sogenannten Überflussmaterialien wie etwa Kohlenstoff eine Lösung bringen. Energieautonome Fabriken werden bald Realität sein. Aber vom Produzieren ohne Rohstoffe sind wir trotzdem noch viele Jahre entfernt. Wir brauchen deshalb eine „Materialwende“.

Das klingt sehr utopisch. Wie wollen Sie die Menschen da mitnehmen?

Bauernhansl: Die Personalkosten sind in Zukunft ja nicht mehr das Problem, stattdessen ist die Verfügbarkeit des richtigen Personals die Herausforderung. Zukünftig werden wir auf sogenannte Fertigkeitseliten angewiesen sein. Dabei können z. B. Unternehmensakademien ebenso wie neue Kooperationsformen zwischen Unternehmen und Weiterbildungsinstitutionen unterstützen. Am IPA werden wir Weiterbildungsstrukturen so erweitern, dass eine solche Akademie entstehen kann. Die Fähigkeit der Mitarbeiter, mit unterschiedlichen Kommunikationssystemen, Kulturen und deren Spielregeln umzugehen, wird wichtiger. Das geht hin bis zur Verschmelzung von Beruf und Privatleben. Nur so können wir die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft in einem multikulturellen Umfeld annehmen und gleichzeitig die beschriebenen notwendigen Veränderungen umsetzen.

Welche Rolle kann Deutschland hier im internationalen Maßstab spielen?

Bauernhansl: Eine sehr große. Deutschland spielt auch künftig die entscheidende Rolle, weil wir die Fabriken dieser Welt mit unserem Know-how und unserer Technologie mehr als jedes andere Land prägen. Wir sind die Vorreiter. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten oder Forschungsinstitutionen wie der Fraunhofer-Gesellschaft und der Industrie so enorm wichtig. Der effektive und effiziente Umgang mit Material und Energie wird nicht nur in Deutschland über die Wettbewerbsposition entscheiden. Die Verbindung von Ökologie und Ökonomie ist längst kein Widerspruch mehr, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell. Deutschlands Exportwirtschaft, und hier der Maschinenbau, wird mit diesem Ansatz seinen Wettbewerbsvorsprung über viele Jahre sichern und sogar ausbauen können.

Welche Schwerpunkte setzen Sie an Ihren Instituten?

Bauernhansl: Das IPA hat sich den Paradigmenwechsel in der Produktion als Kernthema für die nächsten Jahre gesetzt. Wir entwickeln neue verschwendungsfreie Fertigungsverfahren im Bereich der generativen Verfahren, der Drucktechnik, aber auch im automobilen Leichtbau. Dazu setzen wir auf interdisziplinäre Zusammenarbeit, insbesondere zwischen den Material- und Verfahrensexperten.

Im Bereich der Lackiertechnik führen wir gerade Chemiker aus der Lackentwicklung mit Maschinenbauern aus der Lackieranlagenentwicklung zusammen, mit dem Ziel, durch die Zusammenarbeit neue Lackierverfahren ohne Overspray – also verschwendungsfrei – zu realisieren. Des Weiteren entwickeln wir neue Verfahren zum Recycling von Elektroschrott sowie Displaytechnologien, die ohne Indium-Zinkoxid auskommen und statt dessen nanoskaligen Kohlenstoff verwenden. Ein Highlight ist aber unsere „Tissue Fabrik“, mit der es uns gelungen ist, menschliche Haut im industriellen Maßstab zu produzieren.

Sie sprachen bereits die alternde Gesellschaft an. Wie sieht es hier mit technischer Unterstützung aus?

Bauernhansl: Der demographische Wandel ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie wir versuchen, Ressourcen gezielt zu nutzen. Viele ältere Menschen würden gerne länger in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben, haben aber Angst davor, alleine nicht allen Situationen gewachsen zu sein. Deshalb gehen sie häufig früher als eigentlich notwendig in ein Altersheim und verzichten auf Lebensqualität. Auch hier kann Technologie helfen.

Am Fraunhofer IPA haben wir z. B. einen Roboter entwickelt, der als Hilfe im Haushalt viele Aufgaben übernehmen kann. Oder unsere Sense@home-Plattform, die eine Wohnung überwachen und mittels hoch entwickelter Sensorik und Kommunikationstechnik Hilfe holen kann, falls das, beispielsweise aufgrund eines Sturzes, nötig ist. Diese Form der Mensch-Maschine-Kooperation kann natürlich auch in die Produktion übertragen werden. Auch hier gibt es Ansätze, ältere Mitarbeiter optimal mithilfe von kooperativen Robotiksystemen bis hin zu Exoskeletten in die Wertschöpfung hoch produktiv einzubinden.

Insofern gibt es viele neue Wege.

Wird sich etwas an der Organisation der Institute ändern?

Bauernhansl: Wir wollen eine neue „Matrixstruktur“ aufbauen. Mit ihr gibt es hier nicht mehr nur wissenschaftliche Lack-, Roboter- oder Reinraumprofis, sondern auch Marktexperten für die IPA-relevanten Anwendungsbereiche, also z. B. Automobil, Investitionsgüter, Gesundheit oder Energie. Hier sind wir noch mitten im Prozess. Das grundlagenorientierte Universitätsinstitut IFF und das anwendungsorientierte Fraunhofer IPA waren bisher wissenschaftlich unterschiedlich aufgestellt.

Ich möchte die Struktur in einem Strategieprozess mit den Mitarbeitern so umstrukturieren, dass es keine Rolle mehr spielt, wer wo angestellt ist. Die Kompetenzen sind dann nicht mehr mit einem bestimmten Institut verheiratet, sondern wir betreiben dann anwendungsorientierte Grundlagenforschung und lassen diese kontinuierlich in die Lehre an der Universität Stuttgart einfließen. Ich glaube, da können wir gute Synergien erreichen und uns optimal auf unsere Kunden, aber auch unsere Studenten einstellen.

Von Oliver Klempert

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