Automation 28.11.2008, 19:38 Uhr

„Mittelstand investiert zu wenig in weltweite Normung“  

VDI nachrichten, Nürnberg, 28. 11. 08, kip – Normung in der Automatisierungstechnik ist mühsam, kostet Zeit und Geld. Aber sie ist nicht nur wichtige „Hausaufgabe“ für die Automatisierungsbranche, sondern Überlebensstrategie für Unternehmen in Mitteleuropa, glaubt Dieter Schaudel (65), bis Mitte 2008 im Vorstand der Endress+Hauser-Gruppe für Technologie, Technik und Informatik verantwortlich.

Schaudel: Genau so, wie ich es sagte: Patentieren ist wichtig, wer nicht patentiert verliert. Aber in unserer globalen Wirtschaftswelt macht der den Markt, der die Norm, den Standard setzt. Dem haben alle anderen dann zu folgen. Ich sehe mit Sorge, dass seit Jahren besonders in der Automatisierungstechnik und dort wieder besonders aus den mittelständischen Unternehmen viel zu wenig in die internationale Normung investiert wird. Während in anderen Ländern, Beispiel USA oder China, strategisch die Märkte von morgen bereits heute besetzt werden, siehe „Wireless“.

Ja, Normung ist mühsam, Normung kostet Zeit und Geld, Normung hat ein schlechtes Image, alles nicht falsch. Aber Normung ist Unternehmeraufgabe, ist Überlebensstrategie für die Wirtschaft in Mitteleuropa, davon bin ich überzeugt. Aktive Mitarbeit schafft Kundennutzen und Eigennutzen, viele Unternehmer verkennen das.

VDI nachrichten: Standardisierung ist ja auch ein wichtiges Thema in der Automation, gerade wenn es um modulare und flexibel anzupassende Lösungen geht. Wie sieht der Weg vom Standard zur Norm aus?

Schaudel: Da hat uns der sogenannte „New Approach“ der Europäischen Kommission einen großen Schritt vorangebracht. Stark vereinfacht besagt er unter anderem: Wenn es einen internationalen Standard gibt, dann soll der europäische dem so weit als irgend möglich entsprechen. Und europäische Standards sollen unverändert in das jeweilige nationale Normenwerk übernommen werden.

Genau das fordert aber sehr viel mehr internationales Engagement im Vorfeld. Salopp gesagt: Wer nicht international normt, der wird genormt. Allerdings ist die Welt leider nicht ganz so einfach. Wir müssen auch in der Automatisierungstechnik mit mindestens zwei Normenwelten parallel leben: der ISO- und IEC-Welt und der amerikanischen. Die sind auf weite Strecken nicht kompatibel.

Nun droht auch noch, dass China ein drittes inkompatibles Normenwerk in die Welt setzt. Und damit es nicht zu einfach wird: Es sind ja nicht nur die unterschiedlichen inkompatiblen Normen, mindestens genau so hinderlich sind die protektionistischen Zertifizierungspraktiken, die Zulassungen für die jeweiligen nationalen Märkte.

VDI nachrichten: Wie bewerten Sie Quasi-Standards und herstellerspezifische Standards?

Schaudel: In der Vergangenheit sind gerade in der Automatisierungstechnik viele Kommunikationsstandards, Stichworte sind „Feldbus“ oder „Sensorbus“, aus Festlegungen, Quasi-Standards, hervorgegangen, die innerhalb einzelner Firmen oder in freiwilligen Firmenkonsortien entstanden sind. Die nationalen und erst recht die internationalen Gremien waren oder schienen viel zu langsam dafür.

Das hat Vorteile: Die konsortial beteiligten Firmen bekommen rasch Planungssicherheit. Das hat aber auch Nachteile, zum Beispiel, wenn sich Gegenkonsortien bilden und transatlantische Normenkriege inszeniert werden, der „Feldbuskrieg“ ist ja wohl noch manchem in Erinnerung.

VDI nachrichten: Zeichnen sich Lösungen ab?

Schaudel: Ja. Zum einen haben die internationalen Normenorganisationen begriffen, dass sie für solche schnell zu vereinbarenden Fälle andere Instrumente und Vorgehensweisen brauchen, und die meisten davon haben sie inzwischen. Die Wirtschaft andererseits scheint begriffen zu haben, dass Normenkriege keinen Kundennutzen schaffen, und dass der Weg über Technologieroadmaps für alle Beteiligten der effizientere ist.

VDI nachrichten: Als Antwort auf steigende Lohnkosten wird immer wieder die Automatisierungstechnik ins Spiel gebracht. Was entgegnen Sie Kritikern, die darin eine Frage der Ethik sehen?

Schaudel: Die Frage wird seit dem Altertum diskutiert, ohne dass eine letzte Antwort darauf gefunden wurde. Automatisierung hat zunächst auch die sehr humane Aufgabe, den Menschen von unwürdiger, gefährlicher oder gesundheitsschädlicher Arbeit zu befreien. Das scheint in den Industriestaaten heute weitestgehend gelungen. Für die Wettbewerbsfähigkeit sind primär Kundennutzen entscheidend, nicht die Lohnkosten. Automatisierung schafft Kundennutzen.

Doch Automatisierung schafft auch Arbeitslosigkeit. Zentrale Ethikfragen werden meines Erachtens seit Jahren von den mit Automatisierung befassten Verbänden und Vereinigungen ausgeblendet. Dabei hat der VDI hier hervorragend vorgearbeitet, beispielsweise mit den „Ethischen Grundsätzen des Ingenieurberufs“ aus dem Jahr 2002, oder der VDR-Richtlinie 3780 „Technikbewertung“.

VDI nachrichten: Kommen wir wieder zu einem technologischen Thema. Um die Mikrosystemtechnik ist es in der Öffentlichkeit eher still geworden. Welchen Stellenwert hat das Thema aktuell in der Automatisierungstechnik?

Schaudel: Um die Mikrosystemtechnik war es Anfang der 90er-Jahre viel zu laut, ich habe das damals bereits kritisiert, so wie es heute viel zu laut ist um die Nanotechnik. Öffentliche Förderung und Inszenierung korrelieren nicht zwingend mit Potenzial und Nutzen. Wenn gearbeitet wird und nicht geschwätzt, dann ist es meist leiser. Für die Automatisierungstechnik ist Mikrosystemtechnik weiterhin von großer Bedeutung. So steht sie sowohl in der Roadmap „Prozess-Sensoren“ der Namur und der GMA als auch in der Roadmap „Automation 2015+“ des ZVEI ganz oben auf der Prioritätenliste.

VDI nachrichten: Wie sieht das Potenzial der Mikrosystemtechnik in der Automatisierungstechnik für die nächsten fünf Jahre aus?

Schaudel: Das Potenzial ist riesig. Aber ich habe mich schon immer geweigert und weigere mich auch heute, dazu Zahlen zu nennen. Es gibt heute schon kaum ein Gebiet unseres Lebens, in dem nicht mikrosystemtechnische Komponenten und Module werkeln, meist unsichtbar aber zuverlässig. Das setzt sich exponentiell weiter fort. CIU

Von Martin Ciupek
Von Martin Ciupek

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