Automatisierungstechnik 13.06.2013, 11:00 Uhr

„Fachpersonal von morgen wird mit Informationstechnik anders umgehen“

Mit dem Wandel in der Informationstechnik verändern sich auch die Strukturen in der Automatisierungstechnik. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), erläutert, was das für die erfolgreiche deutsche Branche bedeutet.

VDI nachrichten: Herr Bettenhausen, Automatisierungstechnik scheint inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Nun steht mit „Cloud-Computing“ ein Wandel bevor. Was ist von diesem „wolkigen“ Thema zu erwarten?

Bettenhausen: Cloud-Computing, zunehmende Vernetzung und die Ideen der Cyber Physical Production Systems werden die Landschaft der Automation verändern. Wie grundlegend und wie schnell diese Veränderungen sein werden, werden wir alle erst im Nachhinein wirklich beantworten können. Wir werden in Zukunft mit Sicherheit anders als heute an automatisierungstechnische Fragestellungen herangehen, auch aufgrund der Tatsache, dass das Fachpersonal von morgen mit einem vollständig anderen Verständnis und anderen Erfahrungen mit Informationstechnik umgehen wird.

Mit der Voraussetzung oder dem Idealziel, zukünftig „über die Wolke“ jedwede Information an beliebigen Stellen zu beliebigen Zeiten abrufen zu können, werden neuartige Geschäftsprozesse möglich, die wir heute noch nicht absehen und abschließend beurteilen können. Es geht um zunehmende Flexibilität, um einen steigenden Automatisierungsgrad und damit verbunden zwangsläufig auch um höhere Komplexität unserer Anlagen, die wir sicher beherrschen müssen.

Erste Lösungen bereits im Einsatz

Es ist zu erkennen, dass sich einige Anbieter von Automatisierungslösungen damit bereits beschäftigen. In welchen Bereichen der Automatisierungstechnik bringt das dezentrale Ablegen von Informationen in einer Cloud bereits heute Vorteile?

Kurt D. Bettenhausen.

Kurt D. Bettenhausen.

Foto: VDI

Das stimmt – und das ist auch gut so. Dort, wo sich ein Nutzen für den Anwender ergibt, z. B. durch Optimierungen über größere räumliche Entfernungen, d. h. über mehrere Standorte, eignet sich die Cloud. Gleiches gilt für die Analyse von Daten z. B. im Sinne des Asset Managements oder auch der Diagnose. Erste Lösungen sind bereits in der Medizin, in der Chemie, in der Automobilfertigung und in der Windenergie im Einsatz.

Es gibt auch erste Systeme, die während der Planung Daten von Geräten oder Konfigurationstools in der jeweils aktuellen Form elektronisch für elektronische Planungsprozesse bereitstellen oder Systeme, die nicht mehr auf den Rechnern oder Servern vor Ort, sondern remote auf installierte Feldgeräte zugreifen und deren Zustandsinformationen auswerten.

Hier zeigen sich auch bereits die Herausforderungen bezogen auf die Informationssicherheit: Wie viel Know-how wird der Anwender bereit sein, an einen externen Bereitsteller von Diensten zu übergeben? Wie nachhaltig und akzeptiert die Investitionen der Anbieter insgesamt sein werden, darüber werden am Ende die Anwender durch ihre Investitionen abstimmen.

Risikoanalyse muss sein

Bei Anwendern herrscht Skepsis, schließlich steckt immer mehr Know-how in den Prozessen. Wo liegt die Grenze zwischen dem Nutzen und dem Risiko von Cloud-Lösungen?

Die Informationssicherheit der Daten und Prozesse in Abhängigkeit von ihrer Sensibilität wird das alles entscheidende Kriterium sein – ohne Risikoanalyse vorzugehen, wäre hier mehr als naiv. Je sensibler die Daten, umso weniger die heutigen Chancen für eine Anwendung in der Cloud.

Kein Unternehmen wird heute sensible Informationen, wenn nicht eine absolute Notwendigkeit besteht, in einer Public Cloud speichern – aber die Public Cloud ist nicht alles: Private Cloud und Hybrid Cloud nutzen die selben Technologien unter anderen Randbedingungen. Dennoch setzt hier ein langsames Umdenken ein. Es wird heute alles unternommen, die Cloud mit geeigneten Verfahren zu sichern und die geforderten Schutzziele zu erreichen.

Letztlich muss jedes Unternehmen die Kriterien Kosten, Ressourcenaufwand und Sensibilität für sich abwägen. Eine generelle Aussage ist heute nicht möglich und wird das auch in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht sein – dafür sind die Anwendungsszenarien einfach zu unterschiedlich.

Auf der Hannover Messe 2013 war „Integrated Industrie“ bzw. Industrie 4.0 das prägende Thema. Wie passt das mit Cloud-Computing zusammen?

Die zentrale Idee der Industrie 4.0 ist die Vernetzung aller Komponenten in einer Fertigungsanlage unter Einbeziehung der Halbzeuge und Produkte selbst. Dies ist nur möglich über den Ausbau der industriellen Kommunikation, über drahtlose Verfahren und vor allem über die Anbindung an das Internet. Und schon sind wir bei der Cloud.

In der Automation ist die industrielle Kommunikation schon lange ein Thema. Seit Mitte der 90er-Jahre sind internetbasierte Dienste im Einsatz. 20 Jahre später sind nun auf Basis der heutigen Möglichkeiten der Mikroelektronik und der realisierbaren Bandbreiten der Internetverbindungen neue Möglichkeiten erschließbar – das müssen wir zum Vorteil der Anwender nutzen.

Deutsche Automation ist starke Branche

Ein Stichwort in dem Zusammenhang ist das „Cyber Physical System“ – kurz CPS. Was ist daran Neu?

Es ist das „C“ für „Cyber“. Mikrocomputer oder auch Embedded Systems, die heute in praktisch allen technischen Geräten vorhanden sind, werden als Cyber Physical System zusätzlich mit dem Internet verbunden. Ein quasi beliebiger Informationsaustausch wird somit möglich – damit ergeben sich dann neue Geschäftsmodelle und am Ende auch ein Effizienzgewinn und somit ein Standortvorteil.

Mit ihrer aktuellen Kompetenz sehen viele Protagonisten die deutsche Automatisierungstechnik weltweit in einer Führungsposition. Haben wir wirklich so einen Vorsprung vor anderen Nationen?

Da sind wir sehr selbstbewusst: Die deutsche Automation ist eine starke Branche – Automation macht andere Branchen stark – Automation wird deshalb weiter wachsen! Natürlich stehen wir in einem weltweiten Wettbewerb und müssen unsere Position weiterhin behaupten.

Die Automationsbranche hat eine Exportquote von etwa 80 % – das zeigt, dass unsere Technik weltweit gefragt ist. Die Kunst wird darin liegen, einerseits „schnell“ genug zu sein, um mit aggressiven weltweiten Wettbewerbern konkurrieren zu können und disruptive oder radikal-disruptive Veränderungen des Automatisierungsmarktes mitzugehen, und andererseits „langsam“ genug, um der hohen installierten Basis deutscher Automatisierungsprodukte im Weltmarkt und damit den Anwendern die Möglichkeit der Migration und damit einen Schutz ihrer bisherigen Investitionen zu geben.

Amerikaner investieren massiv in Forschung und Entwicklung 

Und wie schätzen Sie die aktuelle Position der US-Amerikaner ein?

In Amerika befinden sich die Produktion und alles, was damit verbunden ist, in einer Phase der „Manufacturing Renaissance“ – Amerika hat den wirtschaftlichen und politischen Nutzen industrieller Wertschöpfung wieder für sich entdeckt und investiert massiv in Forschung und Innovation. Verbunden mit der Erschließung günstiger Energiequellen ergeben sich damit hervorragende wirtschaftliche Bedingungen für produzierende Unternehmen und damit auch für Automatisierungstechnik.

Die drei großen Industrieverbände Bitkom, VDMA und ZVEI arbeiten beim Thema Industrie 4.0, inzwischen zusammen. Wo sehen Sie neben der interdisziplinären Zusammenarbeit die größten Herausforderungen?

Zusammenarbeit ist gut – jetzt muss diese schnell und mit einem gemeinsamen Ziel vorangehen. Das Thema Industrie 4.0 ist unter anderen Namen auch bei anderen Nationen angekommen. Wir dürfen hier nicht überholt werden. Daher müssen wir schnell Referenzarchitekturen entwickeln und Fakten schaffen, die dann Basis für neue Produkte und Dienstleistungen aus Deutschland sind.

Die klassischen hierarchischen Strukturen in der Automation gehören beim neuen Konzept der Vergangenheit an. Wie lassen sich Fragen der IT-Sicherheit dabei beherrschen?

Das ist in der Tat der kritische Punkt. Die Anzahl der Cyberattacken auf industrielle Einrichtungen steigt kontinuierlich. Wir haben es hier täglich mit neuen Herausforderungen zu tun. Mit der Cloud und mit CPS in der Industrie 4.0 werden die Strukturen zunächst einmal noch komplexer und damit wird es auch schwieriger, die Sicherheitsanforderungen zu beherrschen.

Dabei müssen wir zwei Aspekte berücksichtigen: Zum einen müssen technische Lösungen gefunden werden, welche IT-Sicherheit im Kontext von Industrie 4.0 gewährleisten. Zum anderen jedoch muss die Sensibilität und das Wissen der Mitarbeiter in den Unternehmen noch weiter geschärft werden, um riskante Handlungen zu vermeiden. Noch immer sind es gerade organisatorische Maßnahmen und wiederkehrende, systematische Risikobeurteilungen, an denen es mangelt. Verweisen möchte ich auf die Richtlinie VDI/VDE 2182, die Maßnahmen zur IT-Sicherheit in der industriellen Automation in einem pragmatischen Vorgehen beschreibt.

An einem Strang ziehen

Wo sehen Sie im Kontext der strukturellen Veränderungen in der Automation die Rolle der VDI/VDE-GMA?

Industrie 4.0 wird nur dann ein Erfolg, wenn alle beteiligten Parteien möglichst schnell und effizient in eine gemeinsame Richtung ziehen und zusammenarbeiten. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb und andere Nationen und Unternehmen haben den Wert industrieller Wertschöpfung ebenfalls erkannt. Partikularinteressen mögen einen kurzfristigen und kurzsichtigen Vorteil ermöglichen, in Summe schaden sie dem gemeinsamen Interesse, Anwender und Hersteller von Automation auf dem hohen Niveau zu halten und dieses noch weiter auszubauen.

In der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik haben wir den Vorteil, jenseits von partikulären Einzelinteressen – also weitestgehend neutral – zu denken und zu arbeiten. An unserem Tisch treffen sich Vertreter der herstellenden Industrie, der anwendenden Industrie, der Forschung und der Lehre. 

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