Interview mit ABB-Chef Terwiesch 20.06.2013, 10:55 Uhr

Automation der Zukunft erfordert Standards

Der Einzug der Internettechnologie in Produktions- und Logistikprozesse wird als Chance für die Industrie betrachtet. Anlässlich der ZVEI-Jahreshauptversammlung sprachen die VDI nachrichten mit Peter Terwiesch über Wege zur Umsetzung. Er ist als Vorstandsvorsitzender von ABB in Deutschland für die Region Zentraleuropa verantwortlich.

<p>ABB-Chef Peter Terwiesch: "In der Prozessautomation haben die Jahre der ,Feldbuskriege' die Branche Zeit gekostet, die wir schneller am Markt hätten sein können." 

ABB-Chef Peter Terwiesch: "In der Prozessautomation haben die Jahre der ,Feldbuskriege' die Branche Zeit gekostet, die wir schneller am Markt hätten sein können." 

Foto: ABB

VDI nachrichten: Herr Terwiesch, Sie sagen, es gibt Parallelen zwischen den für die Energiewende notwendigen Smart Grids und dem Produktionsthema Industrie 4.0. Welche sind das?

Terwiesch: Technologisch gibt es große Parallelen, in denen der digitale und der physikalische Teil in beiden Bereichen verschmelzen. Basis dafür ist, dass uns Informationen viel günstiger und in viel größerer Menge zur Verfügung stehen, die wir einsammeln, analysieren und kommunizieren können.

Solche Daten fließen bisher ja in Leitsystemen zusammen. Was bedeutet das für die Entwicklung in Ihrem Unternehmen?

Die Bedeutung eingebetteter Systeme wird weiter zunehmen. Auch werden Informationsarchitekturen und Standards für die Schnittstellen zu völlig unterschiedlichen Teilsystemen immer wichtiger. Dabei gilt es über den Produktlebenszyklus hinweg eine Verbindung zu schaffen von der Entwurfsphase bis hin zur Entsorgung, aber auch von der Produktionsebene bis in die betriebswirtschaftlichen und wartungstechnischen Systeme. Wir brauchen zudem Menschen, die disziplinübergreifend interagieren können.

Für die Kommunikation sind bereits Standards vorhanden

Sie sagen, dass wir einerseits zügig Schnittstellen umsetzen müssen und andererseits Dinge nicht zu früh festlegen dürfen. Wann ist da mit ersten Standards für Industrie 4.0 zu rechnen?

Erste Standards haben wir bereits. Konkret haben wir in Hannover im April den ersten Niederspannungsleistungsschalter vorgestellt, der gleichzeitig ein Energiemanager ist. Während solche Schalter bisher elektromechanisch durch Überstrom, Überspannung und ähnliches ausgelöst wurden, kommuniziert dieses intelligente Gerät heute bereits, wenn es sich der Auslösegrenze nähert. Damit tauscht es sich auch mit den Subsystemen aus und hilft so etwa, eine ungeplante Abschaltung zu vermeiden.

Für die Kommunikation haben wir folglich schon Standards, da können wir schon auf ‚Industrie 3.x‘ zurückgreifen. Die übergreifenden Themen gestalten wir in Deutschland mit der Plattform Industrie 4.0. Es ist also nicht so, dass wir da vor einem leeren Blatt stehen.

Weitere Standards werden also schrittweise folgen?

Ja, und wie bei jeder Standardisierung müssen wir schauen, dass wir Dinge nicht zu früh in Stein meißeln und uns dadurch dann zu sehr bei der Zukunftsfähigkeit einschränken. Auf der anderen Seite werden andere die Standards setzen, wenn wir den richtigen Zeitpunkt zur Standardisierung verpassen. Das ist ein Balanceakt, den wir leisten müssen.

ABB bevorzugt offene Schnittstellen

Das setzt allerdings Kooperationen mit Mitbewerbern voraus. Hat da inzwischen ein Umdenken auf Topmanagement-Ebene stattgefunden?

Bei ABB bevorzugen wir offene Schnittstellen gegenüber proprietären Lösungen. Unsere Kunden sollen sich durch einen Mehrwert aufgrund einer positiven Differenzierung für uns entscheiden, aber die Wahl haben, auch andere Produkte einsetzen zu können. Das ist mit proprietären Architekturen nicht zu erreichen.

In der Prozessautomation haben die Jahre der „Feldbuskriege“ die Branche – damit meine ich Hersteller und Kunden – Zeit gekostet, die wir schneller am Markt hätten sein können. Das war uns eine Lehre. An der Stelle müssen wir es diesmal besser machen – und zwar nicht durch die Marktmacht einzelner Unternehmen, sondern durch ein überzeugendes Konzept.

Das Internet der Dinge und Dienste ist die wesentliche Zutat. Es ist offen, für alle zugänglich und gleichzeitig entwicklungsfähig. Nur so hat es sich bisher durchsetzen können. Der Erfolg des Internets, wie wir ihn in den letzten 20 Jahren erlebt haben, wäre nicht möglich gewesen, wenn ein Unternehmen gesagt hätte, das ist „mein“ Internet.

Es wird ein Wettbewerb der Konzepte werden. Deshalb ist es wichtig, dass die deutsche Industrie da an einem Strang zieht – also nicht nur die Elektro- und Elektronikindustrie, sondern auch die Informations- und Kommunikationstechnologie sowie der Maschinenbau. Nur in diesem Zusammenschluss werden wir etwas erreichen.

Denken in kompletten Wertschöpfungsketten

Wo ist denn der konkrete Nutzen der vernetzten Industrie für Sie heute schon erkennbar?

Mit dem Internet der Dinge denken wir in kompletten Wertschöpfungsketten. Es geht also nicht nur um den einzelnen Prozess und das einzelne Unternehmen, sondern es entstehen Netze, die häufig unternehmensübergreifend sind.

Ein konkretes Beispiel aus unserem aktuellen Geschäft: Wenn Sie heute an Schuhe denken, dann werden die meist in großen Stückzahlen in Asien hergestellt. Wir liefern heute Roboterlösungen an Maschinenhersteller, deren Kunden über Internetanbindung maßgefertigte Schuhe für Endkunden anbieten.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Kunden haben unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich Form und Farbe. Die Schuhhersteller machen das bisher so, dass sie irgendwo große Stückzahlen von unterschiedlichen Modellen bereithalten. Die werden meist in Niedriglohnländern produziert.

Wenn Käufer sich einen Schuh individuell auswählen können und dieser in einem akzeptablen Kostenbereich auch hergestellt werden kann sowie zeitnah geliefert wird, dann können einige Lager wegfallen. Das ist das Thema Kapitalbindung und Obsoleszenz. Zu viel produzierte Schuhe müssen sie am Ende der Saison abschreiben. Diese Verschwendung lässt sich durch Produktion nach Bedarf vermeiden.

Technisch funktioniert das nicht einfach im Sinne einer Parametrisierung für die jeweilige Schuhgröße, sondern es wird ein automatisch generiertes Roboterprogramm erzeugt. Das Programm wird wieder gelöscht, sobald der Schuh fertig ist. Für neue Bestellungen wird dann ein neues Programm produktindividuell generiert. An der Stelle hat sich also die komplette Wertschöpfungskette verändert. Das ist revolutionär.

Was bedeutet das für die Standortwahl einer solchen Produktion? Lässt sich die Schuhproduktion so vielleicht am Ende wieder nach Deutschland zurückverlagern?

Ich bin absolut von solchen Chancen überzeugt. Wir haben hier in Deutschland ja immer noch einen starken industriellen Kern, um den uns andere beneiden. Diese Technologien bieten uns die Möglichkeit, Wertschöpfung in Deutschland zu erhalten, obwohl Lohn- und Energiekosten steigen. Es gibt aber auch Möglichkeiten zur Reindustrialisierung, wo die Wertschöpfung längst in andere Länder abgewandert ist. Schuhe sind da nur ein Beispiel. Wenn Sie schnell, individuell und bezahlbar vor Ort produzieren können, macht es keinen Sinn, die Produkte per Container aus Asien zu verschiffen.

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