Architektur 25.03.2005, 18:37 Uhr

Zukünftige Wohnwelten versorgen sich selbst  

Ein Haus zu bauen, das sich mit allem selbst versorgt, außer mit Wasser – diese Idee hatte ein schwedischer Baukonzern schon 2001. Viele Hürden mussten überwunden werden, bis die Planung Gestalt annahm, doch jetzt könnte sie in die Tat umgesetzt werden, wäre da nicht ein letzter Stolperstein – die Kosten von 8,4 Mio. €.

Kristina Gabrielli beschreibt die Anfang 2001 geborene Idee so: „Die ursprüngliche Absicht war vor allem, uns selbst, unserer Branche und den Entscheidungsträgern zu beweisen, dass es heute möglich ist ein Haus zu bauen, das sowohl bei Strom, Heizung und Kühlung selbstversorgend ist“. Heute ist diese Idee – fast – verwirklicht. „Das Haus ohne Stromrechnung“ ist realisierbar, stellt die Projektleiterin des vom schwedischen Baukonzerns NCC entwickelten „Concept House“ fest.

Von dem gemeinsam von NCC, ABB Corporate Research und dem Architektenbüro AIX entwickelten Gebäude gibt es eine Reißbrett- und eine virtuelle Version. Es gäbe auch einen Bauplatz, in Steninge, unweit der Autobahn E 4 auf dem Weg von Stockholm zum Flughafen Arlanda. Der musste bestimmten Ansprüchen gerecht werden: Höher gelegen, nahe am Wasser, leicht für die Erzeugung von Solar- und Windenergie zugänglich.

Dass das Gebäude dort noch nicht Realität geworden ist, hat einen – entscheidenden – Grund: die Kosten. „Ein Bau wäre heute wirtschaftlich nicht vertretbar“, stellt Projektleiterin Gabrielli fest. Nach NCC-Kalkulationen würden sich die Baukosten letztlich auf rund 8,4 Mio. € belaufen. In konventioneller Bauweise käme man mit etwa einem Drittel aus.

Das nach Unternehmensangaben „einmalige Projekt“ ist als eine 900 m2 große Konferenzanlage mit Räumlichkeiten für bis zu 50 Personen sowie 15 Übernachtungsplätze ausgelegt. Ins Auge sticht vor allem der über das Gebäudedach und über einen Giebel noch den Abhang heruntergezogene insgesamt 585 m2 große „Energiespoiler“. Er besteht aus polykristallinen Solarzellen. NCC verweist hier auch auf die in der Entwicklung befindlichen Grätzelzellen, die aus Nanokristallen von Titandioxyd bestehen und mit einer moleküldünnen Schicht aus lichtempfindlicher Farbe überzogen sind. Ihre Herstellungskosten werden nur ein Fünftel von denen der heutigen Solarzellen ausmachen, heißt es.

Dieser Solarzellen-Teppich erzeugt nicht nur Elektrizität, sondern schützt gleichzeitig vor kalten Winden und störender Sonneneinstrahlung. Zudem können unter ihm windstille Innenhöfe und Terrassen angelegt werden. Er verhindert zudem Störungen der Luftströme für die beiden je 30 m hohen Windkraftwerke.

Neben dem Parkplatz sind vier Stahlbehälter mit einem Wasservolumen von 12 m3 vorgesehen. Unter einem Druck von 200 bar nehmen sie Wasserstoffgas auf, das mit Hilfe der Elektrolyse aus Überschussstrom und Wasser hergestellt wird. Die bei dieser Produktion anfallende Wärme wird zur Beheizung des Hauses genutzt. Das Wasserstoffgas wird zu wind- und sonnenarmen Zeiten wieder in Elektrizität zurück verwandelt, wozu wiederum Brennstoffzellen benötigt werden.

Diese können aus einer Standby-Position heraus in wenigen Minuten zum Einsatz kommen. In der Zwischenzeit übernehmen Batterien die Stromversorgung. Schließlich ist am Parkplatz noch eine weitere 375 m2 große Solarzellen-Anlage vorhanden. NCC behauptet, zu jeder Zeit über so große Wasserstoffgas-Vorräte zu verfügen, dass die Selbstversorgung des Hauses mit Energie kaum gefährdet sein würde.

Zur Beheizung und Kühlung des Hauses dienen mindestens drei bis zu 200 m tief in den Felsen getriebene Brunnen, so genannte Energiebrunnen. Fürs Warmwasser steht ein 4 m3 bis 5 m3 großer Akkumulatortank bereit, der mit der Abfallwärme des Energiesystems beheizt wird. Sowohl Heiz- als auch Kühlsystem benutzen dasselbe Kunststoff-Verteilernetz, das in das Betongerüst eingegossen ist.

Das Concept House zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass es nicht ans öffentliche Stromnetz angeschlossen ist, auch bei Architektur und Bautechnik wurden ungewöhnliche Wege eingeschlagen, die laut NCC-Chef Alf Göransson, der offiziell als Bauherr auftritt, dem Gebäude einen beachtlichen Mehrwert geben. „Während der Projektarbeit wurden etliche althergebrachte Wahrheiten unter die Lupe genommen, was zu einer Reihe neuer, innovativer Lösungen führte“, beschreibt Kristina Gabrielli den Werdegang des Hauses. Es ist ein Passivhaus, also ein Gebäude, das ohne konventionelle Heizung auskommt und nicht nur extrem gut isoliert ist, sondern auch mit Geräten und Armaturen ausgerüstet werden soll, die nur ein Zehntel so viel Energie verbrauchen wie derzeit handelsübliche.

Auch beim Licht ist man einen ungewöhnlichen Weg gegangen, vor allem, wenn es um die Beleuchtung fensterloser Räume geht. Das Licht wird auf dem Dach und an den Fassaden mit Hilfe von Linsenpaneelen gesammelt, von denen es in optische Lichtwellenleiter heruntergebrochen und über Glasfaserkabel zu einer Zentrale im Haus geleitet wird. Von dort wird es auf die Räume verteilt und verändert sich im Tagesverlauf. Verdeckt eine Wolke die Sonne, ist dies im Haus zu spüren. Dies ergibt den Eindruck, dem Tageslicht ausgesetzt zu sein. Zu den weiteren Raffinessen gehört die Verwandlung der Sitzungszimmer in Schlafzimmer. Dies geschieht mit Hilfe von Modulen.

NCC-Chef Alf Göransson würde es als „spannend“ empfinden, dieses Haus bauen zu können. Aber er gibt sich auch mit dem Erreichten zufrieden, seine ursprüngliche Absicht sei erreicht. Kristina Gabrielli fügt hinzu: „Dieses Haus ist kein Hokuspokus oder entfernter Traum und schon gar keine Sciencefiction. Die Technik ist da und funktioniert. Mit ihr hätten wir genauso gut ein Wohnhaus bauen können. Wir haben uns der Spitzentechnologie – auch anderer Branchen – bedient. Auch wenn der Bau heute kommerziell nicht vertretbar ist, würde ein erhöhter umwelttechnischer Einsatz die wirtschaftlichen Voraussetzungen erheblich verbessern und für Wirtschaftswachstum sorgen.“

Übrigens, wer – in der realen Welt – Gast dieses Concept House wäre, könnte sich zu der „Technikwand“ begeben und dort in Realzeit der Erzeugung und der Verwendung der Energie folgen.

R. GATERMANN/wip

Von Gatermann/Wip

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