Architektur 20.07.2001, 17:30 Uhr

„Solararchitektur ist eine Überlebensstrategie“

Seit langem als „Solar“-Architekt bekannt, plädiert der Freiburger Rolf Disch für ein konsequentes Ausrichten der Architektur an der Umwelt. Was er darunter versteht, und warum er diese Bauweise für die einzig Zukunftsfähige hält, erläuterte er den VDI nachrichten.

Disch: Aus meiner Sicht ist die Solararchitektur eine Überlebensstrategie. Sie ist die Voraussetzung für den Klima- und den Ressourcenschutz. Und sie ist eine Möglichkeit, sich langfristig mit Energie, also Licht, Wärme, Kühle und elektrischem Strom zu versorgen. Wichtig dabei ist, dass diese Versorgung von Lieferengpässen und künftigen Preissteigerungen unabhängig ist.

Die Solararchitektur verringert die Umweltverschmutzung und die Gefahr von Unfällen, Katastrophen oder sogar Kriegen, wobei ich konkret an den Kampf um das Erdöl denke. Daraus ergibt sich für mich, dass es sich bei der Solararchitektur um eine gesellschaftliche Notwendigkeit handelt.

Die Solararchitektur orientiert sich mehr als alles bisherige am Ort, an den Klima- und den Wind und Wetterverhältnissen. Obwohl es heutzutage weitgehend abgestritten wird, haben wir einen sogenannten internationalen Baustil, bei dem alles, was nicht mit den gewünschten Klimabedingungen übereinstimmt, durch technische Hilfsmittel und massiven Energieeinsatz solange ausgeglichen wird, bis man sich in einem Haus wohlfühlt. Im Gegensatz dazu orientiert sich die Solararchitektur stärker am Klima.

VDI nachrichten: Welche Unterschiede bestehen zwischen der Solararchitektur und der „normalen“ Architektur?

Disch: Der wichtigste Unterschied liegt im Ergebnis. Es hat sich gezeigt, dass Solarhäusern eine bessere und gesündere Aufenthaltsqualität bieten. Das wird einem immer wieder von den Bewohnern solcher Häuser bestätigt. Diese verbesserte Qualität hängt von verschiedenen Faktoren ab. Da sich diese Form der Architektur zum Beispiel sehr stark mit dem Tageslicht befasst, bieten die Häuser ein deutliches Mehr an Helligkeit, was wiederum zum Wohlbefinden beiträgt. Gleichzeitig findet man in Solarhäusern eine gesündere und angenehmere Raumluft, geringere Temperaturdifferenzen zur Außenhülle und keine Zugerscheinungen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Solararchitektur zu weniger Abhängigkeit führt. Diese Selbständigkeit, die man als Selbstversorger in Sachen Energie erreicht, gibt dem Hausbesitzer ein besonders gutes Gefühl nicht zuletzt auch deshalb, weil in einem Solarhaus durch deutlich verringerte Bewirtschaftungskosten eine Wertschöpfung stattfindet.

VDI nachrichten: Welche Qualifikationen werden von einem „Solar“Architekten erwartet?

Disch: Eine eingeführte Berufsbezeichnung „Solararchitekt“ gibt es nicht, es ist daher nur ein Begriff. Bei diesem Begriff gilt es allerdings zu beachten, dass das Wort „Solar“ für vieles steht und nicht bedeutet, dass man sich einzig und alleine auf die Sonne konzentriert. Sicherlich steht die Sonne bei allen Betrachtungen im Vordergrund. Wir haben den Begriff „Solar“ hier im Raum Freiburg für die „Solarregion“ gewählt, wobei darunter „Zukunftsregion“ zu verstehen ist. Für uns bedeutet das, dass wir uns irgendwann selbst versorgen und die Energie- und Versorgungskreisläufe selber schaffen die wir zum Leben brauchen. Bedenkt man, wie knapp die Ressourcen z.B. beim Erdöl werden, so wird die Zeit zum Umstellen immer knapper. Auch angesichts der Bedrohung durch Klimaveränderungen bleibt praktisch nichts anderes, als die Sonne und die Möglichkeiten, sich von der Sonne, von Wind- und Wasserkraftanlagen oder aus Biomasse mit Energie versorgen zu lassen.

VDI nachrichten: Gibt es bereits eine spezielle Ausbildung oder Weiterbildungsmöglichkeiten zum Solararchitekten?

Disch: Im Prinzip gibt es solche Möglichkeiten, eigentümlicherweise jedoch nicht speziell aufbereitet für Architekten. Es gibt zum Beispiel einige Lehrstühle, die das klimagerechte Bauen anbieten. Dieser Fachbereich ist für die Architekten der Zukunft von besonderer Bedeutung, aber es ist auch wichtig, dass man mehr Ahnung hat von der Geometrie der Gebäude zur solaren Einstrahlung, und nicht zuletzt auch von der Thermodynamik. Gerade im letzten Punkt ist die Ausbildung für Architekten äußerst schlecht. Eine gezielte Ausbildung in Thermodynamik gibt es meist nur für Physiker oder für Haustechniker. Auch muss der Architekt eine Ahnung von Haustechnik haben, in der Regel verlässt er sich aber auf seine Fachleute. Der Architekt der Zukunft muss erheblich mehr von Bauphysik und von energetischen Zusammenhängen verstehen, als es ihm heute beigebracht wird. Er muss sich um neue Werkstoffe kümmern, wie auch um neue Konstruktionen. Last but not least muss er die Zusammenhänge beim Bauen verstehen bis hin zum wirtschaftlichen Bauen und zur Baufinanzierung, damit seine Vorschläge auch realisiert werden können.

VDI nachrichten: Um diese besonderen Kenntnisse zu vermitteln, gibt es noch keinen Lehrstuhl oder besondere Institutionen?

Disch: Die gibt es meines Wissens noch nicht. Man muss sich die verschiedenen Angebote wirklich zusammensuchen. Denn die Arbeit des Architekten wird immer mehr zu einem integrierenden Gestalten, bei dem eine Vielzahl von Anforderungen zusammengefasst werden müssen, denn letztlich muss bei der Arbeit des Architekten ein soziales, ressourcenschonendes, umweltgerechtes und ästhetisch gelungenes Gesamtwerk herauskommen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich seine Hochschule sehr sorgfältig herauszusuchen. Es gibt einzelne Institute, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Andererseits kann man auch in einschlägigen Architekturbüros mitarbeiten, um einen tieferen Einblick zu gewinnen oder man kann sich die fachlichen Grundlagen über Kongresse und andere Veranstaltungen zusammentragen.

VDI nachrichten: Wo gibt es solche Informationsveranstaltungen?

Disch: Konkret gibt es in Freiburg Sommerakademien, die vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) und vom Weltdachverband ISES angeboten werden. Veranstaltungen dieser Art gibt es auch in Hamburg an der Hochschule für Gestaltung. Weitere Lehrstühle, die sich dieses Themas annehmen gibt es beispielsweise an der Hochschule in Darmstadt, Braunschweig, München und Hamburg.

VDI nachrichten: Nach Umweltgesichtspunkten gebaute Häuser sind im Vergleich zu konventionellen derzeit noch relativ kostspielig. Wird sich das bei größeren Stückzahlen ändern?

Disch: Wenn ich nur auf das billige Bauen schaue, so wird das Billige schon sehr bald teuer. Ich muss ja auch sehen, was mich ein Haus im Monat kostet. Dabei spielten zwar Zins und Tilgung der Finanzierung eine große Rolle, in die Bilanz gehen aber auch die Bewirtschaftungskosten eines Gebäudes mit ein. Über einen Zeitraum von 15 – 20 Jahren gesehen sind die Bewirtschaftungskosten in aller Regel deutlich höher als die Anschaffungskosten. Auf lange Sicht lohnt es sich also, bei den Investitionskosten ein wenig höher zu gehen, um die Bewirtschaftungskosten niedrig zu halten.

VDI nachrichten: Ist dies die Bauweise der Zukunft oder eher eine Mode?

Disch: Ich glaube, dass an der Solar-architektur nichts vorbeiführt. Es handelt sich sicher nicht um eine Mode, sondern um eine Epoche. Das Solarzeitalter steht vor der Türe – ich halte es für wichtig, sich rechtzeitig darauf einzustellen. han/wip

Rolf Disch1944 in Freiburg geboren, näherte sich dem Bauen von der praktischen Seite. Er absolvierte erst zwei handwerkliche Ausbildungen – zum Maurer und zum Möbelschreiner – bevor er Hochbau an der FH in Konstanz studierte. Seit 1969 betreibt er ein Architekturbüro. Seine Arbeiten wurden mit Preisen überhäuft: 2000 erhielt er den Holzkreativpreis des BUND für die Siedlung am Schlierberg (siehe S. 12), davor wurde sein Konzept „Övolution“ für den Fertighaus-Hersteller Weber gleich mehrfach ausgezeichnet. wip

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