Architektur 12.10.2007, 19:30 Uhr

So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden  

Das sind Vorgaben, mit denen Architekten und Planer der Gebäudetechnik bald in massierter Form zu tun bekommen. Ursache ist die demografische Entwicklung in den Industriestaaten. Anregungen zu alten- und behindertengerechtem Bauen bot jetzt in Düsseldorf die Messe Rehacare.

Menschen werden immer älter, die Geburtenrate aber bleibt gering. Vor allem in den westlichen Industriestaaten resultieren hieraus neue Herausforderungen. Neben Strategien für zukunftsweisende Rentenmodelle sind jetzt vor allem Leistungen von Architekten und Gebäudeplanern gefragt, die Alternativen zum teuren Seniorenheimbetrieb schaffen müssen. Am Beispiel des Themenparks „Wohn(t)raum“ zeigte in Düsseldorf die Messe Rehacare, die letztes Wochenende zu Ende ging, wie Lebensräume barrierefrei geplant und den Bedürfnissen des jeweiligen Lebensalters angepasst werden können.

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Mutter ist 85 Jahre alt. Sie lebt mehr oder weniger glücklich alleine in ihrer Wohnung, versorgt sich selbst und backt – wenn die erwachsenen Kinder mit oder ohne Enkel kommen – auch mal einen Kuchen. Dann plötzlich ein Sturz. Ein Handgelenk ist gebrochen. Die Selbstversorgung ist zunächst nicht mehr möglich. Ein Pflegedienst wird engagiert. Ein zweiter, ein dritter Sturz. Der Pflegedienst wird zur Dauerlösung. Dieser inspiziert die Wohnung und kommt zu dem Schluss: eigentlich zu viele Barrieren und Stolperfallen.

Um die Einweisung ins Altenheim zu vermeiden, gilt es nun mit improvisatorischem Geschick aus der Badewanne eine Sitzwaschgelegenheit zu machen, die Teppichenden zu verkleben und das Bett mit Holzklötzen zu erhöhen.

Alles das geschieht immer häufiger in unserer Gesellschaft, was besagt: An Haus und Wohnung werden künftig höhere Ansprüche gestellt als bisher. Um durch Heimeinweisung keine Vereinsamung zu schaffen und Pflegekosten nicht eskalieren zu lassen, wollen und sollen behinderte und ältere Menschen solange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben.

So hat die demografische Entwicklung die Diskussion um neue Wohnformen und Wohnstile eröffnet, betont Dipl. Pädagogin und Politologin Susanne Tyll, die bundesweit Qualifizierungsmaßnahmen in der Wohnberatung betreut. Wohngemeinschaften gleichaltriger Menschen mit individuellen Komponenten für die Bewohner oder generationenübergreifende Wohngemeinschaften würden künftig ebenso eine Rolle spielen wie die altbewährte und etwas in Vergessenheit geratene Großfamilie. Die Integration pflegebedürftiger oder behinderter Menschen in diese Wohnformen werde dabei selbstverständlich und notwendig sein.

„Jeder möchte so lange wie möglich selbstbestimmt leben können, am liebsten in Gemeinschaft mit Angehörigen oder Freunden,“ so Susanne Tyll auf der Rehacare. Doch bis heute würden viele Wohnungen nicht entsprechend geplant und gebaut.

Stolperfallen gebe es überall, warnt Tyll. Sie lauerten in Wohn- und Schlafzimmern, in Fluren und auf Balkonen. Im Bad fehlten Griffe, im Außenbereich Geländer, ganz zu schweigen davon, dass üblicherweise nach einem Notrufsystem vergeblich gesucht wird. Problematisch auch die vielen Hindernisse. Häufigste Barrieren: konventionell konzipierte Badewannen und Duschen, Balkonschwellen und Treppenhäuser ohne Aufzug.

Senioren sind im Wohnbereich überdies auf ausreichenden Lichteinfall angewiesen. Notfalls muss entsprechende künstliche Beleuchtung installiert werden. Ebenfalls im Forderungskatalog: Sicherheit auf mehreren Ebenen eines Hauses zu schaffen. Möglicherweise muss ein Treppenlift installiert werden. Auch gilt es, alten Menschen neue Techniken und ihre Funktionen verständlich zu machen.

Dass sich im Wohnungsbau entsprechende Komfort- und Sicherheitsansprüche verwirklichen lassen, belegten auf der Rehacare zwei Bungalows, die auf einer grundstücksähnlich angelegten Fläche viele Besucher anlockten. Hierbei handelte es sich um eine Senioren- und eine Familienwohnstätte. Bei dem Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Handwerker-Kooperation „Leben ohne Barrieren“, Kleve, und dem Architekturbüro Horn, Aachen, konzipiert worden war, ging es um die Präsentation von Wohnbereichen, in denen Architekten und Gebäudeplaner barrierefreie Badezimmereinrichtungen, Ganzglasabtrennungen für bodengleiche Duschen mit moderner Ablauftechnik, breite Türen und sichere Handläufe integriert hatten.

Neben Ausbauelementen wie raumsparende Schiebetüren und höhenverstellbare Esstische gehörten – so Dieter Soth, Projektleiter von „Leben ohne Barrieren“ – aber auch Hebeanlagen für Mülltonnen und Zentralstaubsauger zu den Ausstattungen für das barrierefreie und komfortable Wohnen. Automatische Türöffner und Rollläden stehen für zeitgemäße elektrische oder elektronisch gesteuerte Hilfen in Haus und Wohnung. Alles das gebe es zu kaufen, denn die Wirtschaft habe mittlerweile die Zielgruppe „50plus“ entdeckt. Soth: „Industrie und Dienstleistungsbereich bieten eine Fülle von Produkten und Lösungen an, die auf die Bedürfnisse älterer und hilfsbedürftiger Menschen zugeschnitten sind.“

Neben lange diskutierten und jetzt vorgeschriebenen bauphysikalischen Maßnahmen zur Energieeinsparung kommen auf Planer und Architekten neue Aufgaben zu. Was sich im Neubaubereich relativ einfach und schnell verwirklichen lässt, macht im Wohnhausbestand eher Schwierigkeiten. So wie sich massiv nur im riesigen Altbaubestand CO2-Emissionen bekämpfen lassen, besteht auch in Althäusern Bedarf für barrierefreies Wohnen.

Eine der größten Herausforderungen: Wie überwindet ein hochbetagter Mensch in einem Altbau das Treppenhaus? Eine Antwort gibt die Industrie. Sie lautet: Treppenlift. Hierbei handelt es sich um einen Sitzlift, der an einem Rohrgestänge entlang des Treppengeländers nach oben und unten fährt. Seine Installation ist aber einfacher gedacht als getan. Da beim einstigen Wohnungsbau niemand an heutige Probleme dachte, also auch nicht an die Möglichkeit der Installation einer solchen Anlage, fällt im Altbau jede Stiege anders aus. Für den Treppenlift bedeutet das: Jeder ist ein Unikat. So habe man Sitzlifte für gerade, geschwungene und extrem steile Treppen konzipiert, erläuterte Wolfram Huttenburg, Kundenberater von Hawle-Treppenlifte, Ruppichteroth. Steigungen bis 75 Grad ließen sich mit den Sitzliften überwinden, so Christian Lucaci, technischer Berater des Unternehmens. Auch für den Außenbereich ließen sich Treppenlifte anpassen.

ThyssenKrupp, Neuss, offerierte auf der Rehacare Treppenlifte ab 60 cm Treppenbreite und macht in diesem Zusammenhang auf das platzsparende, patentierte Einrohrsystem aufmerksam. Auch dieser Anbieter empfiehlt bei Bedarf den persönlichen Termin vor Ort, wozu – so Huttenburg auf dem Hawle-Stand – bei traurigem Anlass auch die Demontage des Treppenlifts gehöre. (Siehe letzte Seite)

Neue Wohnformen integrieren Hilfsbedürftige

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