Architektur 29.03.2002, 18:33 Uhr

Sakrale Bescheidenheit

Überall werden Kirchen geschlossen oder umgenutzt – in Holland sogar als Wohnraum. Da verursacht es schon Aufregung, wenn in Köln eine Kirche neu gebaut werden soll, und so konkurrierten denn auch 162 Architekturbüros um die seltene Aufgabe. Niemand war allerdings überrascht, als der Gewinner Paul Böhm hieß.

Sein Großvater Dominikus galt als einer besten Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts. Ein Mann, von dem der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings sagte, er habe den Kirchenbau vom Historismus befreit. Sein Vater Gottfried ist nach wie vor der einzige deutsche Prizker-Preisträger und ebenfalls für seine Kirchenbauwerke bekannt – obwohl das Label „Kirchbaumeister“ ihm nicht gerecht wird – und so erstaunt es eigentlich niemanden, dass Paul Böhms Entwurf für den Kirchen-Neubau der katholischen Gemeinde St. Theodor in Köln-Vingst sich gegen 161 andere Architektenentwürfe durchsetzte.

Die Kirche muss man allerdings erst suchen, denn kein Turm erhebt sich über den Dächern, wie man es von katholischen Sakralbauten eigentlich erwartet. Paul Böhm, Jahrgang “59 und seit “96 Mitinhaber des Architekturbüros Böhm in Köln, hat ihn enthauptet, „den Turmhelm entfernt und durch ein Flachdach ersetzt“, schildert er. Unauffällig ist der 3,7 Mio. ç teure Gebäudekomplex in der Burgstraße, er beherrscht nicht, sondern fügt sich ein.

Die Kirche selbst ist ein Rundbau, zurückgesetzt vom Gehsteig in der Mitte des 72 m langen Riegels, der Bibliothek, Sakristei und Gemeindewerkstatt beherbergt. Das gesamte Gebäude ist fugenlos mit Rissbewehrung hergestellt. Die Fassade besteht aus sandfarben pigmentiertem Leichtbeton mit sandgestrahlter Oberfläche. Kaum merklich und stufenlos ist die Erhebung des Empfangsplatzes zum Hauptportal und Windfang – weit entfernt von klassischer Herrschaftsarchitektur.

Über den Windfang betritt man einen zylinderförmigen Raum, gebildet von zwei Ringstücken mit unterschiedlichen Radien. Gleich einer offenen Umarmung integrieren sie den alten quadratischen Glockenturm in den Kirchenraum. Der Turm ist ein Überbleibsel der Vorgängerkirche, die durch das Erdbeben 1992 so beschädigt war, dass sie abgerissen wurde. „Der Turm ist Teil des Inneren und des Äusseren. Das überlieferte Alte ist somit Bestandteil des Neuen“, kommentiert der Architekt Paul Böhm seine Enwurfsidee.

Der Rundbau hat einen Durchmesser von 23 m und eine Höhe von 13 m und bietet rund 400 Personen Platz. Wandscheiben gliedern den Bereich zwischen den Ringen. Die dazwischen liegenden Nischen gruppieren sich in der Höhe ansteigend um den Innenraum und führen zum Altar. Der befindet sich neben dem Turm vor der größten und höchsten der Nischen. Zusammen mit dem eingestellten Turm fokussiert das gesamte Bauwerk auf diesen Punkt. Auch Chor und Orchester finden sich hier. Für beide gibt es ein ausfahrbares Bühnensystem, die Orgel ist in den Turm integriert.

Gegenüber, im nördlichen Teil, verschmilzt der Kirchenraum mit dem Riegel. Durch Glaswände abgetrennt, dient dieser Bereich der Kommunikation und/oder Ausstellungen. Die Deckenuntersichten sind im Kontrast zu den Wänden in Weissbeton ausgeführt. „Alle konstruktiven Bauteile wurden voneinander gelöst“, erklärt Böhm, „so wollten wir ein reges Licht- und Schattenspiel erzielen. Kunst- und Tageslicht kommen von oben.“

Die Kirchendecke ist mit einem Glasband abgesetzt. Zwei große Westfenster bringen Tageslicht in die Kirche. Das Deckentragwerk besteht aus einem Stahlbeton-Balkenrost mit oberer und unterer Platte, das sich mit 16 Auflagerzapfen in die umschließende Zylinderwand stützt.

Da sich das Grundstück auf einem alten Rheinarm befindet, mussten die Fundamente entsprechend tief gegründet werden die gesamte Kirche ist unterkellert. Das Untergeschoss hat einen Bereich mit einer Höhe von 3, 70 m, der ein Möbellager, eine Schreinerei sowie Werkstätten für Arbeitslose beherbergt. In einem niedrigeren Bereich von 2, 50 m Höhe sind Kleiderkammer, Lebensmittelausgabe und Beratungsstellen der Gemeinde untergebracht.

„Die Ebenen sind so miteinander verschränkt, das beide Untergeschosse mit Tageslicht versorgt sind“, sagt Böhm. „Dies haben wir durch Anheben des Erdgeschosses – die leichte Erhöhung zum Portal – und das abschüssige Gelände auf der Rückseite erreicht.“

Die raumbildenden Ringstücke im Gebäudeinneren korrespondieren aussen mit einer flachen, rampenähnlichen Treppe, die rund um den Bau auf das Kirchendach führt. Auf dieser Treppe sind die Stationen des Kreuzweges angelegt. Das Dach ist begehbar, doch einen weiten Blick über die Dächer hinweg erhofft man vergeblich. „Die Kirche sollte von innen und aussen benutzbar sein“, erläutert Böhm, „dadurch ist die Idee entstanden, das Dach begehbar zu machen. Wir wollten einen städtischen Platz schaffen.“ Seiner Idee eigentlich zuwider läuft die Einrichtung einer abschließbaren Toranlage am Empfangsplatz. Für Bedürftige sind die Kellergeschosse, nicht das Dach vorgesehen – zu geregelten Öffnungszeiten. C. RADWAN/W. PREISS

Von C. Radwan/W. Preiss

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