Architektur 30.11.2001, 17:32 Uhr

Nachhaltige Stadtentwicklung: Gewünscht ist der „Geht-doch!“-Effekt

Ja, aber erfolgreich ist die Umsetzung nur, wenn alle Beteiligten sich diesen Standards verpflichtet fühlen.

Die Innenstädte sind die Quellen des ökonomischen Wohlstands. Ralf Nagel, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen, der vergangene Woche den Kongress „Stadtplanung auf neuen Wegen“ in Hannover eröffnete, ist da ganz sicher. Das Problem, diese ökonomischen Quellen lebenswert und nachhaltig zu gestalten, wird von den Kommunen allerdings ganz unterschiedlich gelöst.

Der Ort hätte allerdings nicht besser gewählt sein können, denn in direkter Nachbarschaft zum Veranstaltungsort liegt der neue Stadtteil Kronsberg. Er ist deshalb von beispielgebender Bedeutung, weil hier – in der Nähe des EXPO-Geländes – binnen weniger Jahre mit 3000 Wohneinheiten eines der größten Siedlungsbauvorhaben Deutschlands einschließlich Kindergärten, Grundschule, und Stadtteilzentrum realisiert worden ist. Und ökologisch vorbildlich sollte es sein, so der Willen der Initiatoren. „Nun finden Modellprojekte meist unter besonderen Bedingungen statt, die nicht verallgemeinerbar sind,“ erklärte Dr.-Ing. Manfred Fuhrich, Leiter des Referats „Stadtentwicklung und Städtebau“ im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), „doch sie können Ideenschmieden für Innovationen sein und neue Planungsmentalitäten einüben helfen.“

In der Tat wurden dann auch für das Projekt Kronsberg in vielen Dingen neue Wege beschritten, wie Hans Mönninghoff, Umweltdezernent der Stadt Hannover, erläutert. „Wir haben übliche Verfahrensweisen in Frage gestellt und sie auch umgangen.“

Unter der Federführung des Stadtplanungsamtes ist im Südosten der niedersächsischen Landeshauptstadt ein Stadtteil geschaffen worden, der aufzeigen soll, was in städtebaulicher, ökologischer und sozialplanerischer Hinsicht möglich ist, wenn alle Beteiligten miteinander arbeiten.

Insgesamt waren rund 30 Wohnungsbauinvestoren und Bauträger an Planung und Bau der Gebäude beteiligt. Die Projekte wurden durch ein „Kooperatives Planungsverfahren“ detailliert mit der Stadt abgestimmt. Jeder Investor wurde über den Grundstückskaufvertrag oder den städtebaulichen Vertrag dazu verpflichtet, die vorgegebenen ökologischen Standards einzuhalten.

Im Rahmen des ökologischen Bodenmanagements wurden rund 700 000 m3 Bodenaushub im und um den Stadtteil verbaut. Das Bodenmanagement ist in Hannover mittlerweile zum Standard geworden und wird von der Wirtschaft gut angenommen. Sämtliche Häuser sind in Niedrigenergie-Bauweise errichtet worden und haben einen Energieverbrauch von weniger als 55 kWh/m2/a. Im Rahmen eines Abfallkonzeptes wurden Systeme für getrennte Abfallsammlung und Möglichkeiten für die Eigenkompostierung geschaffen und Standards für abfallarme Waren- und Dienstleistungsangebote geschaffen.

Das Regenwasser wird durch Minimierung der Flächenversiegelung, Begrünung von Flachdächern, dezentrale Versickerung und ein Mulden-Rigolen-System entlang der Erschließungsstraßen an Ort und Stelle so geleitet, dass der bestehende Grundwasserhaushalt nicht beeinflusst wird.

Die Ergebnisse des Kongresses wurden zusammengetragen und als „Hannover-Thesen“ verabschiedet (siehe Kasten). Sie beleuchten die inhaltlichen Aspekte, die die Planung der Städte beeinflussen, zwar aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Doch sie machen auch eines deutlich: Die Quellen des ökonomischen Wohlstands können nur dann sprudeln, wenn alle Beteiligten bereit sind, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren.

J. HORSCHIG/wip

Kongress „Stadtplanung auf neuen Wegen“, Hannover

Nachhaltige Stadtentwicklung: 10 Thesen

1. Modellprojekte schaffen Akzeptanz

Modellprojekte veranschaulichen die Machbarkeit innovativer Wege. Dieser „Geht-Doch-Effekt“ schafft Akzeptanz bei Öffentlichkeit und Fachpublikum und motiviert zum Betreten neuer Pfade. Damit Erfahrungen aus Modellprojekten des Neubaus in den Bestand einfließen, ist es wichtig, erfolgreiche Instrumente zu identifizieren und zur Übertragung auf die jeweilige Situation anzupassen.

2. Netzwerke ausbauen, Erfahrungen nutzen

Das Zusammenspiel von Verwaltung und privaten Akteuren – auch unterschiedlicher Städte – erschließt zeitliche und personelle Ressourcen. Dies vermeidet Konflikte, führt zu verbindlichen Vereinbarungen und unterstützt eine kontinuierliche Qualitätssicherung und die Festschreibung von Standards.

3. Akzeptanz der Bewohner schafft erst ein nachhaltiges Wohnumfeld

Die Bewohnerinnen und Bewohner sind als Nutzer von Wohnung und Wohnumfeld frühzeitig in die Projektplanungen einzubeziehen. Als Experten ihrer Alltagserfahrungen und -bedürfnisse tragen sie zum Gelingen einer langfristig funktionierenden Stadtentwicklung bei.

4. Standards sind Wegmarken

Innovative Standards können in Modellprojekten erprobt, messbar gemacht und verbessert werden, bevor sie flächendeckend angewendet werden. Sie müssen jedoch dynamisch bleiben, der Situation und dem Standort angemessen und offen für neue Erkenntnisse und Bedürfnisse sein.

5. Kommunalen Spielraum nutzen

Viele Projekte zeigen, dass Kommunen ausreichend Werkzeuge an der Hand haben, um Neubau und Bestand nachhaltig zu gestalten. Dies gilt es auszuschöpfen, um frühzeitig klare und für alle verbindliche Ziele und Regelungen zu formulieren.

6. Kooperation statt Kompetenzgerangel

Die Beachtung planerischer, ökologischer, sozialer und ökonomischer Belange in der nachhaltigen Stadtentwicklung erfordert eine neue Qualität des Zusammenspiels von öffentlichen und privaten Akteuren. Jenseits von Ämterkonkurrenz und Einzelinteressen gilt es, neue Formen von Projektmanagement und Dialog umzusetzen.

7. Kommunikation ist der Schlüssel in der Stadtentwicklung

Für eine kooperativ ausgerichtete Stadtentwicklung ist der Abbau von Hemmschwellen und Sprachbarrieren zugunsten von fachübergreifenden Kommunikationsprozessen unverzichtbar. Diese müssen bereits in der Ausbildung gelernt, trainiert und finanziert werden. Kommunikationsmethoden, die Arbeit in Netzwerken und professionelles Marketing sind daher ebenso wichtig wie Expertenwissen oder neue Baustoffe und moderne Technik.

8. Bei innovativen Projekten Kosten differenziert betrachten

Bei geplanten Projekten müssen immer auch die Folgekosten oder der finanzielle Nutzen durch die besondere Qualität innovativer Ansätze betrachtet werden. Ein hohes Niveau an technischen, ökologischen und sozialen Standards erhält die Bausubstanz und dient der Wohnqualität – Prävention statt Schadensbeseitigung. Dieser Mehrwert muss in die ökonomischen Berechnungen eingehen.

9. Umsetzung nachhaltiger Standards braucht einen politischen Rahmen

Um positive Erkenntnisse aus Modellprojekten flächendeckend anzuwenden, gilt es, flankierende politische Vorgaben und regional angepasste Förderprogramme zu entwickeln.

10. Erst Menschen machen Vorhaben erfolgreich

Projekte werden von überzeugenden Persönlichkeiten getragen, die trotz Stolpersteinen das Ziel nicht aus dem Blick verlieren. J.HORSCHIG

 

Von J.Horschig

Stellenangebote im Bereich Bauwesen

BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Bauingenieur / Architekt / Projektsteuerer (m/w/d) als Baumanager Berlin
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Baucontroller (m/w/d) Berlin
TÜV NORD Service GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD Service GmbH & Co. KG TGA-Ingenieur*TGA-Ingenieurin oder TGA-Techniker*TGA-Technikerin als TG-Verantwortlicher* TGA-Verantwortliche im Bereich Immobilienmanagement Essen
Stadt Bocholt-Firmenlogo
Stadt Bocholt Bauingenieur / Architekt (m/w/d) Stadtplanung / Bauordnung Bocholt
Stadt Bocholt-Firmenlogo
Stadt Bocholt Diplom-Ingenieur / Bachelor / Master (m/w/d) Geodäsie, Hochbau, Architektur, Immobilienwirtschaft Bocholt
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Projektingenieur Landschaftsarchitektur (w/m/d) München
Landeshauptstadt Kiel-Firmenlogo
Landeshauptstadt Kiel Sachbearbeiter/in Mobilitätsmanagement Kiel
Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes-Firmenlogo
Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes Bauingenieurin/Bauingenieur (FH-Diplom/Bachelor) (m/w/d) Brunsbüttel
SWU Energie GmbH-Firmenlogo
SWU Energie GmbH Anlagenmanager (m/w/d) Stromproduktion Schwerpunkt Bauwerke Ulm, Neu-Ulm
InfraServ Wiesbaden Technik GmbH & Co. KG-Firmenlogo
InfraServ Wiesbaden Technik GmbH & Co. KG Projektingenieur Hochbau (m/w/d*) Wiesbaden

Alle Bauwesen Jobs

Top 5 Architektur