Entscheidung fällt 2015 26.11.2013, 06:56 Uhr

London prüft Bau eines Großflughafens auf künstlicher Themse-Insel

Er wäre nicht nur der größte Flughafen Europas: Gelegen auf einer künstlichen Insel in der Mündung der Themse in die Nordsee hätte der Flughafen Britannia des Stararchitekten Norman Forster auch die ungewöhnlichste Lage. Londons Bürgermeister Boris Johnson ist ein Fan des neuen Flughafens, der 56 Milliarden Euro kosten soll. Doch Kritiker bezweifeln, dass der Airport je gebaut wird.

Wegen der Überlastung der fünf Londoner Flughäfen schlägt Architekt Sir Norman Forster den Bau eines Großflughafens auf einer künstlichen Insel in der Mündung der Themse vor.

Wegen der Überlastung der fünf Londoner Flughäfen schlägt Architekt Sir Norman Forster den Bau eines Großflughafens auf einer künstlichen Insel in der Mündung der Themse vor.

Foto: Gensler Testrad

London hat derzeit fünf Flughäfen, die alle an der Kapazitätsgrenze arbeiten: der Großflughafen Heathrow und die kleineren Flughäfen Gatwick, Stansted, Luton und City. Sie alle müssten ausgebaut werden. Allerdings wehren sich die Anwohner gegen weitere Start- und Landebahnen, die Widerstände sind zum Teil massiv.

Mehr als 125 Millionen Passagiere im Jahr

Die fünf Londoner Flughäfen bewältigen derzeit jährlich mehr als 125 Millionen Passagiere. Selbst bei niedrigen Wachstumsraten werden es jedes Jahr Millionen mehr. Der Flughafen Heathrow, der rund 50 Prozent des gesamten Verkehrs bewältigt, ist im Jahresdurchschnitt zu 99 Prozent ausgelastet. Jeder kleine Zwischenfall führt zu erheblichen Verspätungen. Die britische Wirtschaft beklagt schon, dass die ausgeschöpften Kapazitäten das Wachstum bremsen.

Detailansicht des Großflughafens Britannia, den Architekt Sir Norman Forster entworfen hat.

Detailansicht des Großflughafens Britannia, den Architekt Sir Norman Forster entworfen hat.

Foto: Gensler Testrad

Allein Heathrow bräuchte zwei weitere Startbahnen. Bei Gatwick, dessen einzige Startbahn ebenfalls zu nahezu 100 Prozent ausgelastet ist, geht es um eine zweite Bahn. Auch Stansted bräuchte eine zweite Bahn. Ähnlich sieht es bei Luton aus. Der kleinste Londoner Flughafen City liegt direkt im Finanzdistrikt und kann nicht mehr ausgebaut werden. Allenfalls durch weitere Abstellflächen für zusätzliche Flugzeuge kann die Kapazität noch erhöht werden.

Sir Norman Foster träumt von Großflughafen in der Themsemündung

Der britische Stararchitekt Sir Norman Foster, der in Deutschland die Kuppel des Reichstages neu geplant hat, möchte in der Themsemündung einen Mammutflughafen mit sechs Start- und Landebahnen und 24-Stunden-Dauerbetrieb bauen. Dazu müsste eine künstliche Insel in der Mündung der Themse aufgeschüttet werden, rund 80 Kilometer von der Londoner Innenstadt entfernt. Technisch ist das offenbar kein Problem: Hongkong hat mit einem Flughafen, der auf einer künstlichen Insel liegt, schon vorgemacht, dass sich solch eine Vision auch technisch verwirklichen lässt.

Allerdings würde Britannia den Verkehr völlig umkrempeln. Es müssten gleich mehrere neue Schnellbahnverbindungen quer durch London gebaut werden, um die Insel zu erschließen. Zu erreichen wäre der Flughafen aber auch per Schiff und natürlich per Luft über Zubringerdienste.

Der Planung für Britannia liegt die Planung zugrunde, dass die Zahl der Passagiere, die über London fliegen, von jetzt 125 Millionen auf rund 300 Millionen im Jahr 2031 steigen wird. Eine unglaubliche Zahl.

Der neue Großflughafen Britannia läge 80 Kilometer vom Londoner Zentrum entfernt. Er würde den Flughafen Heathrow ersetzen. Die Bauentscheidung soll 2015 fallen. Die Kosten wären mit geschätzten 56 Milliarden Euro gigantisch.

Der neue Großflughafen Britannia läge 80 Kilometer vom Londoner Zentrum entfernt. Er würde den Flughafen Heathrow ersetzen. Die Bauentscheidung soll 2015 fallen. Die Kosten wären mit geschätzten 56 Milliarden Euro gigantisch.

Foto: Gensler Testrad

Doch viele glauben, dass Britannia nur eine Vision bleibt. Zum einem soll der Flughafen – bei aller Unsicherheit, die solche Großprojekte haben – rund 56 Milliarden Euro kosten. Zum Teil soll das dadurch finanziert werden, dass Heathrow geschlossen wird und auf den Flächen des Flughafens ein neuer Londoner Stadtteil für 300.000 Einwohner entstehen soll.

Aber auch technisch zeichnen sich erhebliche Probleme ab. So litte der Flughafen darunter, dass bei Abflug oder Ankunft – je nach Windrichtung – der Verkehr ganz niedrig über Frankreich geführt werden müsste. Das könnte bei Streiks der dortigen Flugsicherung zu  einem Chaos führen. Außerdem wird eine Beeinträchtigung des Funkverkehrs befürchtet, da der Flugverkehr ganz dicht über den Ärmelkanal führte, der die meistbefahrenste europäische Wasserstraße ist. Dort fahren auch Schiffe mit unzureichenden Funkeinrichtungen, die stark stören könnten.

Kritiker bezweifeln außerdem, dass sich der Flughafen innerhalb von sieben Jahren bauen lässt. Allein Planung und Bau des Terminals 5 auf dem Flughafen Heathrow hat acht Jahre gedauert. Auch die Chefs der Londoner Flughäfen  halten das Projekt für unrealistisch. British Airways hat sogar schon angekündigt, keinesfalls in einen neuen Flughafen in der Themse umziehen zu wollen.

Der neue Großflughafen Britannia läge 80 Kilometer vom Zentrum entfernt. Drei neue Schnellbahnlinien und eine Schiffsverbindung könnten ihn mit der Stadt verbinden.

Der neue Großflughafen Britannia läge 80 Kilometer vom Zentrum entfernt. Drei neue Schnellbahnlinien und eine Schiffsverbindung könnten ihn mit der Stadt verbinden.

Foto: Gensler Testrad

Die Politik will 2015 über Britannia entscheiden

Ob Britannia eine Chance bekommt, wird sich 2015 entscheiden. Bis Mitte 2014 wird eine Kommission alle Vorschläge für den Ausbau der Flugkapazitäten in London sammeln. Die Bauentscheidung soll 2015 fallen – kurz nach den nächsten Parlamentswahlen.

Gute Chancen geben Fachleute einem von Heathrow erarbeiteten Konzept, bei dem hinter die beiden bisherigen Startbahnen zwei neue Bahnen mehrere Kilometer stadtauswärts angelegt werden. Bei diesem Plan landen die Flugzeuge auf zwei Bahnen, während gleichzeitig die dahinterliegenden Bahnen für Starts genutzt werden. Der Reiz dieser Lösung liegt darin, dass die Lärmbelästigung der bisherigen Anwohner nicht weiter steigt.

Erheblicher Konkurrenzdruck vom europäischen Festland

Die britische Wirtschaft fordert einhellig den schnellen Ausbau von Heathrow. Sie verweist auf die Abwanderungsgefahr. Statt in London könnten Langstreckenmaschinen auch in Amsterdam, Paris oder Frankfurt landen, den drei Hauptkonkurrenten von Heathrow.

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