Architektur 06.07.2001, 17:30 Uhr

Lehrter Bahnhof ist ein Leckerbissen für die Statiker

rund 2,5 Mrd. DM.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt: der Lehrter Bahnhof liegt im Schnittpunkt nahezu aller europäischen Schienenstränge. Er bietet zugleich Umsteigemöglichkeiten zu über 1000 U-Bahnzügen und mehr als 800 S-Bahnzügen pro Tag. Hinzu kommen Anschlüsse an das Straßenbahn- und Omnibusnetz von Berlin und dem Land Brandenburg sowie an den neuen Flughafen-Express zum geplanten Großflughafen Berlin-Brandenburg.

Nicht allein seine zentrale Lage macht den künftigen Lehrter Bahnhof so attraktiv, sondern auch die filigrane Glas-Stahl-Konstruktion des gesamten Gebäudekomplexes. Die großzügige, lichtdurchflutete 180 m lange und 27 m hohe glasüberdachte Bahnhofshalle wird von zwei weiteren Gebäuden eingerahmt. „Die 46 m hohen, insgesamt 12-geschossigen Bürobauten umfassen rund 49 000 m2 Bruttogeschossfläche“, erklärt Ullsperger. „Mit ihren je 46 m hohen Gebäudescheiben überspannen die Bürogebäude die Ost-West-Trasse brückenartig auf einer Breite von ca. 87 m“, sagt Uwe Wegner, Leiter Investment Berlin beim Immobilien-Developer Jones Lang LaSalle. Das Unternehmen ist für die Investorenausschreibung des Projektes verantwortlich, die noch bis zum 31. Juli läuft.

„Gerade internationale Investoren schauen nicht zuletzt auf die Verkehrsinfrastruktur eines solchen Großprojektes“, meint Wegner. Vor allem in dieser Hinsicht biete der Lehrter Bahnhof geradezu sensationelle Perspektiven. „Diese Bauwerke werden zweifelsohne das verkehrsinfrastrukturell am besten angebundene Bürogebäude in Berlin“, ist er überzeugt. „Durch ihre Lage direkt über dem neuen Lehrter Bahnhof fährt man schon mit dem Aufzug fast bis in den ICE.“ Er hebt aber auch die Anbindung an den neuen Berliner Großflughafen (BBI) hervor. Zudem bedeute die direkte Straßenanbindung an die B96 durch den Tiergarten-Tunnel, dass innerstädtische Staus den „Bügelbauten“ wenig anhaben könnten.

Eines ist sicher: Die 12-geschossigen Bürobauten – konzipiert von dem Architektenbüro Gerkan, Marq und Partner, Hamburg – dürften ein weithin sichtbares Wahrzeichen nördlich des Regierungsviertels werden. Das Gebäuderaster ist auf das Konstruktionsraster des Nord-Süd-Fernbahnhofs abgestimmt. Die Ausdehnung der Bauten beträgt jeweils 183 m x 22 m. Der Hauptzugang zu den Bürogebäuden befindet sich – wie die Eingänge der Bahnhofshalle – auf Ebene 0 und damit auf Straßenniveau. Die Erschließung erfolgt horizontal an den Stirnseiten der Gebäude über den nördlichen und südlichen Bahnhofsvorplatz. Der Übergang zum Bahnhof erfolgt durch die Halle im Erdgeschoss sowie teilweise auch in den Untergeschossen.

Ein ebenso architektonisch wie statisches Highlight ist die Dachkonstruktion des Bahnhofs. Erst kürzlich begannen die Vorbereitungen für den Bau der Konstruktionen, die den Stadtbahn-Viadukt mit seinen drei Bahnsteigen auf einer Länge von 416 m überspannen werden. An den Enden ist das Dach 46,2 m und in der Mitte bis zu 67,6 m breit – ohne jede Stütze dazwischen. Dies ist ein neuer Rekord in Berlin. Auch die Höhe variiert: Von den Enden her steigt sie von 12 m auf fast 17 m an.

Weil die Ost-West-Strecke in einer Kurve verläuft, ist das Dach ebenfalls gebogen – so entstand der Projekt-Spitzname „Bügelbauten“. Folge der Krümmung: „Kein Bauteil ist wie das andere“, erklärt Horst Meyer, Vertriebsleiter bei der Firma Mero, die den 72-Mio.-DM-Auftrag von der Bahn erhielt. Im Sommer 2002 soll das Stahl-Glas-Dach stehen. „Fast alle Statik-Professoren Deutschlands schauen uns über die Schulter“, meint Michael Baufeld, Sprecher der DB Projekt Verkehrsbau. „Ich habe den Eindruck, für Ingenieure ist es reizvoll, dass der Bau dieses Dachs so kompliziert ist. Für die Bundesingenieurkammer sei der Bahnhof das „technisch anspruchsvollste Einzelprojekt“ Berlins.

In Deutschland fand sich kein Lieferant für die 34 bogenförmigen Stahlträger, die „Bügel“, die all diese Lasten tragen. Erst in Polen wurde Mero bei der Firma Rawent in Skierniewice fündig. Aus 30 mm bis 55 mm dicken Stahltafeln, die in Salzgitter hergestellt werden, entstehen dort durch Biegen, Schneiden und Schweißen die Binder. 100 Lastwagen-Fahrten sind erforderlich, bis die 2 100 t schweren Stahlteile alle in Berlin sind. T. SCHULZE/wip

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