Architektur 08.10.1999, 17:23 Uhr

Leben unter der „Käseglocke“

Ein EU-Forschungsprojekt bewies vor knapp 10 Jahren, daß es Vorteile haben kann – das von Science-Fiction-Romanen inspirierte Abschirmen von Gebäuden und ihrem Umfeld gegen Regen und Wind mittels einer Glashülle. Nun erprobt man das Konzept in der Praxis. Wenn es sich bewährt, hat die „Käseglocke“ Zukunft.

Mont-Cenis wurde zum Synonym für „technische Wunderwerke“ sagen Technikhistoriker. Denn zuerst wurde ein Tunnel in den französischen Alpen so getauft, dann gab man einer Zeche im Ruhrgebiet diesen Namen. Und jetzt ist er das Etikett für den ersten Praxisversuch mit einer Mikroklimahülle – einer Schutzhaube aus Glas, unter der Haus, Mensch und Pflanze angeblich besser gedeihen sollen als ohne sie.
Auf dem ehemaligen Zechengelände „Mont-Cenis“ in Herne entstand unter einem solchen Glasdach – 176 m lang, 72 m breit und 15 m hoch – eine schöne neue Welt: Die gigantische gläserne Hülle umschließt die einfachen, mehrgeschossigen Gebäude der Akademie Mont-Cenis, einer Fortbildungseinrichtung des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen, und des Stadtteilzentrums Herne-Sodingen. Sie sperrt Wind und Regen aus, so daß ein gartenähnlicher Innen-Außen-Raum mit einem milden Mikroklima entstanden ist. Außerdem produzieren Solarzellen, die in die Glasflächen integriert wurden, Strom.
Die Glashülle bewirkt eine klimatische Verschiebung. Die Klimadaten im Inneren der Hülle ähneln den Temperaturen von Nizza, im Sommer wie im Winter. Einem gigantischen Wintergarten vergleichbar, gibt es im Freiraum unter der Hülle eine kleine Landschaft mit Pflanzen, Kieswegen und Wasserbecken. Der Energiebedarf der Gebäude ist unter der Hülle geringer. Da Wind und Regen ausgesperrt sind, müssen die holzverkleideten Häuser nicht absolut wetterfest und wasserdicht sein.
Die Lüftung der Glashülle wird zentral automatisch gesteuert. Eine Wetterstation und ein Meßfühler liefern aktuelle Klimadaten. Dach- und Fassadenelemente können variabel geöffnet werden, um Überhitzungen im Sommer zu vermeiden. An heißen Tagen können zusätzlich Tore im unteren Fassadenbereich geöffnet werden. Der Schatten der Bäume und die Kühleffekte von Wasserspielen werden ebenfalls genutzt. Über sieben Erdkanäle mit jeweils 1 m Durchmesser wird zusätzlich Frischluft aus kühlen Außenbereichen direkt in die Innenhäuser geleitet.
Zur Beheizung wird eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung eingesetzt. Der Jahresheizwärmebedarf liegt unter 50 kWh/m2, damit benötigen die Gebäude rund 23 % weniger Energie als Gebäude mit gleicher Wärmedämmung und produzieren etwa 18 % weniger CO2.
Futuristisch mutet die Konstruktion der Mikroklimahülle aus Holz, Stahl und Glas an. Alle Bestandteile der Hülle stammen aus Nordrhein-Westfalen. „Made in NRW“ lieferten sie industriepolitische Impulse für Bau- und Energiewirtschaft in der Region. Mit 56 Fichtenstämmen und unzähligen Holzrechteckprofilen konstruierten die Bauleute das Gerüst der Glashülle. Ein einheitliches Grundraster erlaubte eine kostengünstige Vorfertigung. Die Holzbauteile wurden durch Stahlseile und stählerne Knotenelemente untereinander verbunden. Insgesamt wurden 3475 m3 Holz verwendet.
Während im Außenbereich gewachste Lärche und Lärche-Brettschichtholz eingesetzt wurde, erübrigte sich im geschützten Innenbereich eine gesonderte Behandlung des Holzes. Die Hallenfläche besteht aus über 20 000 m2 Glas in Aluminiumrahmen. Rund die Hälfte der Glasscheiben sind so mit Solarzellen belegt, daß alle Bereiche im Innenfreiraum sowie innerhalb der Gebäude optimal beleuchtet und verschattet werden. Das Solarfeld liefert auch die notwendige Verschattung für die Halle. Lichtreflektoren vor den Fenstern der Innenhäuser verstärken die Tageslichtversorgung in den hinteren Raumbereichen.
Der Hotel-/Wohnbereich ist als eigenständige Baugruppe mit eigenem Außeneingang in die Halle eingegliedert. Ein Teil der Zimmer wird direkt aus der Halle über Außenbalkone erschlossen. Der Eingangsbereich der Fortbildungsakademie mit Empfang, Treppe, Aufzug, Warte- und Besprechungszonen befindet sich in einem dreigeschossigen Kegelstumpf, der von oben natürlich belichtet wird.

Behindertengerechte Bauweisen

Bibliothek, Bürgersaal und Casino wurden in Holzbauweise errichtet. Der Bürgersaal – als Raum für Feste, Vorträge, Versammlungen, Theater und Bankette, ist über eine gläserne Fassade, Oberlichter und zusätzliche Fensterflächen zum Stadtteil hin geöffnet. Es besteht eine direkte Verbindung zum benachbarten, ebenerdigen Casino mit Restaurant und Cafeteria. Dank der geometrischen Grundform des Kegels ist die Bibliothek auch durch die Glasfassade hindurch als Erkennungszeichen der Gesamtanlage wahrzunehmen.
Auch für die Belange geh-, seh- und hörgeschädigter Menschen wurde auf Mont-Cenis Sorge getragen. So ist die gesamte Anlage barrierefrei konzipiert. Türen und Aufzüge öffnen sich automatisch. Fünf Hotelzimmer sind rollstuhlgerecht eingerichtet. Sehgeschädigte Besucher werden über ein Bodenleitsystem mit etwa 50 cm breiten Wegen von der Bushaltestelle und den Parkplätzen bis in alle Funktionsbereiche der Akademie geführt. Tastmodelle der Anlage stehen in beiden Eingangsbereichen bereit und werden auch im Taschenformat an der Rezeption der Akademie ausgegeben. Hinweise in Blindenschrift an Geländern, im Aufzug, Türen etc. erleichtern die Orientierung zusätzlich.
Hörgeschädigte Akademiebesucher werden über mobile optische Alarmsysteme und Anzeigen auf dem laufenden gehalten und können sich – statt Telefon – zum Beispiel ein Faxgerät mit aufs Zimmer nehmen. Für das innovative Konzept zur Integration von behinderten Menschen wurden 1,5 Mio. DM investiert.
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Aus der Entfernung wird die Dimension der strom- und wärmeproduzierenden Mikroklimahülle deutlich, die den gesamten Komplex Mont-Cenis mit Akademie-, Hotel- und Gastronomiebereich sowie das Stadtteilzentrum überdeckt. 56 Fichtenstämme und zahlreiche Holzrechteckprofile tragen die Glashaube, die Wind und Wetter aussperrt. So konnte für die Konstruktion von Hülle und Gebäuden auch unbehandeltes Holz eingesetzt werden.

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