Architektur 11.08.2000, 17:26 Uhr

Leben und arbeiten auf der Brücke

Viele der Brücken sind als Modell zu sehen und wirken so ungleich plastischer.

Was ist eigentlich eine bewohnte Brücke? Das sind Brücken, die nicht nur den Verkehr über natürliche oder künstliche Hindernisse führen, sondern auch Gebäude tragen, in denen Menschen wohnen und arbeiten. Manche tragen nur ein einziges Gebäude wie etwa eine Kapelle, eine Mühle oder ein Hospital, andere sind dicht mit Wohnhäusern und öffentlich und gewerblich genutzten Gebäuden bebaut.
Vom 13. bis zum 18. Jahrhundert waren bewohnte Brücken in europäischen Städten weit verbreitet. Sie waren unentbehrliche und integrale Bestandteile einer Stadt, die oft das Stadtbild entscheidend prägten. Als Bindeglied zwischen zwei Teilen einer Stadt wurden sie für die Stadtbewohner zu einem neuen Mittelpunkt ihrer Stadt. Heute sind leider nur noch wenige dieser bewohnten Brücken erhalten geblieben. Obwohl die Blütezeit der bewohnten Brücken im 18. Jahrhundert zu Ende ging, fasziniert die Idee der bewohnten Brücken bis heute Künstler, Schriftsteller, Ingenieure und Architekten. Obschon viele der europäischen Brücken Nachfolger römischer Brücken sind, gibt es keinerlei Aufzeichnungen darüber, ob auch die Römer bereits bewohnte Brücken kannten. Erste Aufzeichnungen über bewohnte Brücken stammen aus der Zeit des 12./13. Jahrhunderts.
Manche dieser Brücken, so etwa der Pont de Notre-Dame in Paris, wurden von vornherein als bebaute Brücken geplant, andere, bereits vorhandene Brücken, wie zum Beispiel die Old London Bridge, wurden erst nach und nach mit Gebäuden bestückt. Die Bebauung der Brücken hatte damals oft hygienische Gründe. Aus den auf Brücken gebauten Wohn- und Krankenhäusern wurden Abfälle und Exkremente einfach ins Wasser gekippt. Erst später wurde die dadurch ausgelöste Seuchengefahr erkannt.
Durch ihre Lage mitten an den wichtigsten Handelswegen waren die Brücken gesuchte Standorte für Läden und Geschäfte. Seit dem Mittelalter wurden Märkte auf Brücken abgehalten. Und ab dem 12. Jahrhundert wurden schließlich sogar Kirchen und Kapellen auf Brücken erbaut. Die Bauherren hofften, mit Gottes Hilfe die zerstörerischen Kräfte der eisigen und Hochwasser führenden Flüsse in Schach zu halten.
Auf vielen Brücken waren zudem bis in das 20. Jahrhundert hinein Mühlen zu finden, die sich die Strömungsenergie der Flüsse für ihre großen Mahlwerke zunutze machten. Einige bewohnte Brücken wurden zum Schutz der Stadt und der Brücke mit Wehrtürmen verstärkt eine solche Brücke ist heute noch im französischen Cahors zu sehen. Auch zusätzlich angelegte Brückendämme dienten der Verteidigung. Mit ihrer Hilfe konnten Gebiete außerhalb der Stadt überflutet werden, um Angreifer fern zu halten. Diese Methode wurde auch zivil zur Bewässerung landwirtschaftlicher Nutzflächen eingesetzt ein solcher Brückendamm wurde im 17. Jahrhundert in Isfahan/Persien, dem heutigen Iran, errichtet.
Als Zentrum der Stadt waren bewohnte Brücken, geschmückt und herausgeputzt, oft Schauplatz öffentlicher Festlichkeiten. Aus dieser Tradition gehen viele Entwürfe für sogenannte „Triumphbrücken“ hervor.
Es sind nur wenige bewohnte Brücken erhalten geblieben, so etwa in England die Pulteney Bridge in Bath und in Italien der Ponte Vecchio in Florenz und die Rialto-Brücke in Venedig. Die meisten bewohnten Brücken wurden im 18. Jahrhundert abgerissen. Sie waren jetzt unmodern, man hielt es für gesünder, die Brücken nur dem Verkehr zu widmen. 1778 wurde mit der Pulteney Bridge in Bath/England die letzte bewohnte Brücke gebaut. wip
Living Bridges. NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf. Bis 3. 10. 00. Di bis So 1o.oo bis 2o.oo Uhr.

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