Architektur 16.06.2006, 19:22 Uhr

Kleine Architekturbüros im Verbund ganz groß  

VDI nachrichten, Stuttgart, 16. 6. 06, rok – Globalisierung und Europäisierung lassen kleinere Architektur- und Ingenieurbüros bei der Auftragsvergabe oft außen vor. Schließen sie sich allerdings zusammen, können sie auch international wettbewerbsfähig auftreten und Großprojekte annehmen. Bei einem Gespräch mit Experten zu diesem Thema im Hause Züblin, Stuttgart, wurden die Chancen kleiner Ing.-Büros erörtert.

Das ist eine langwierige Geschichte, man darf nicht die Geduld verlieren, sondern muss sich freuen über jeden Kontakt, der mit potentiellen Auftraggebern entsteht.“ Hans-Günther Friedrich, Dipl.-Ing. und Architekt des Büros BFK + Partner in Stuttgart, erwartet denn auch nicht die spontane Auftragsflut nach den erfolgreichen Auftritten in Moskau und St. Petersburg zu Anfang des Jahres. BFK und acht weitere Architektur- und Ingenieurbüros haben sich 2004 zum „european network architecture (ena)“ zusammenge-schlossen und treten seitdem gemeinsam auf, um sich auf internationaler Ebene um Aufträge und Projekt-Partnerschaften zu bemühen.

Peter Steinhagen, Leiter des Bereiches Südosteuropa bei Züblin, Stuttgart, hatte in sein Büro gebeten, um über die Chancen kleiner Ingenieurbüros im internationaler werdenden Geschäft zu sprechen: Karl Schick, stv. Geschäftsführer der IHK Ulm, Fritz Bläsner, Geschäftsführer des rumänischen Verbindungsbüros der L-Bank, Stuttgart und Hans-Günther Friedrichs, Architekturbüro BFK + Partner, Stuttgart.

Kleine Architektur- und Ingenieur-büros hatten es noch nie leicht, an lukrative Aufträge zu kommen. Der Zwang jedoch, in immer größeren Märkten zu agieren, überfordert ein 25-Personen-Büro sehr schnell. Dazu kommt, dass die Aufträge innerhalb Deutschlands rückläufig sind.

Nach einem Seminar zu einem ganz anderen Thema tauschten sich Friedrich und andere Architekten über ihre Probleme aus und beschlossen, die Zusammenarbeit zu versuchen. Ihre Zielrichtung sollten von Anfang an solche Regionen sein, in denen nennenswertes Wachstum erwirtschaftet wird und dementsprechend gebaut wird. China schloss die ENA – das „european network architecture“, wie sich der Bund der acht nennt – aus, „weil sich dort schon die Großen der Branche aus der ganzen Welt tummeln und auch ihre Probleme haben“, so Friedrich. „Wir haben uns dann entschlossen, nach Moskau zu gehen.“

Dort ist es dann zu Anfang des Jahres zu einer Gemeinschaftspräsentation in den Geschäftsräumen von Mercedes- Benz gekommen, Der deutsche Botschafter hat die Ausstellung eröffnet und eine Woche lang wurden Gespräche geführt und Kontakte geknüpft: Zu Behörden, potentiellen Bauherren, russischen Architekten und Bauunternehmen vor Ort. Wie gesagt, Aufträge wurden nicht sofort unterschrieben, aber einige Interessenten haben schon Gegenbesuche in Stuttgart gemacht.

Eine zweite Veranstaltung in St Petersburg verlief ebenso erfolgreich und hat gezeigt, wie überzeugend der gemeinsame Auftritt sein kann und wie wichtig aber auch die Verbindungen vor Ort sind. Oft kommt in den GUS-Staaten die Planung und die Architekturleistung aus dem Ausland, die Detailplanung und die Ausführung aber wird vor Ort erbracht, wo auch die Kenntnis der lokalen Besonderheiten des Baurechtes liegen.

Einen anderen Weg hat die IHK Ulm, als Schwerpunkt-IHK für Südosteuropa, ihren Kunden eröffnet. Karl Schick, stv. Geschäftsführer: „Wir haben in unserem Hause gezielt Ingenieurbüros zusammengebracht, damit sie sich kennen lernen und miteinander ins Gespräch kommen. Und“, so Schick weiter, „wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass man sich auf eine Region konzentrieren muss, dass es nichts bringt, Europa wie mit der Streubüchse zu bearbeiten. Sie müssen sich auf ein Land und möglichst auch auf eine bestimmte Art von Projekten konzentrieren. In unserem Fall“, so Schick, „sind es schlicht Kläranlagen und Abwasserprojekte, die bei uns den Schwerpunkt bilden.“ Dazu sei auch mit Unterstützung der L-Bank die regionale Ausrichtung auf Rumänien gekommen, wo sich jetzt deutsche Ingenieurbüros, beispielsweise in Temeschwar in einem interessanten Markt tummeln. Denn in Rumänien, aber auch in Bulgarien sei der Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen enorm und werde mit erheblichen Mitteln der EU gefördert. Deutschland zahle in diesen Topf mehr als jedes andere EU-Mitglied ein, und da sollten doch auch einige der Aufträge an Unternehmen aus Deutschland gelangen. So gehört es zu den erklärten Zielen der IHK Ulm, „kleinen und mittleren Betrieben der Umwelttechnik den Zugang zu diesen neuen Märkten zu ermöglichen“, und in diesem Zusammenhang für diese Unternehmen als Koordinierungsstelle zu dienen. „Die IHK“, so Schick, “ wird von den Unternehmen als externe Organisation ohne eigene finanzielle Interessen als neutral wahrgenommen.“

Einige dieser Unternehmen, die zuletzt hier in Deutschland keinen ausreichenden Markt mehr sahen, können jetzt ihre Kompetenz in den EU-Kandidaten einbringen. Und die meisten offiziellen Stellen in diesen Ländern schätzen deutsche Umwelttechnik, verlassen sich bei ihren Infrastruktur-Planungen teilweise vollständig auf die Erfahrung dieser Ingenieurbüros und lassen sich sogar weitgehend beim Abfassen der entsprechenden Anträge an die EU unterstützen.

Dass die internationalen Ausschreibungen lokaler und regionaler Umwelt- und Infrastrukturmaßnahmen, wenn sie durch deutsche Ingenieurbüros abgefasst werden, weitgehend auf deutschen Standards basieren, macht den Einstieg deutscher Unternehmen nur leichter. rok

  • Rolf-Otto Karis

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