Architektur 21.05.1999, 17:21 Uhr

„Kinderfeindliche Siedlungen entwickeln sich schnell zu kinderfreien Zonen „

Was hat politisch Verantwortliche nur dazu bewegt, den Wahnvorstellungen mancher Städteplaner zuzustimmen? In einer seiner letzten Reden als Bundespräsident tadelte Roman Herzog urbane Fehlplanungen, wies Perspektiven. Nachfolgend ein Auszug aus der Rede.

Städte faszinieren. Nur noch jeder fünfte Deutsche lebt auf dem Lande. Das ist allerdings eine relativ junge Entwicklung.
Als die Menschen im Mittelalter die Losung „Stadtluft macht frei“ ersannen und viele sich in die neu entstehenden Zentren orientierten, lebten dort allenfalls 15 % der Bevölkerung.
Städte bieten Arbeit und Abwechslung, sie bieten Kultur und Vielfalt. Aber sie entwickeln auch besondere Probleme.
Das verdichtete Wohnen entspricht bei vielen Menschen kaum mehr den Wunschvorstellungen an das private Lebensumfeld. Und was für junge Erwachsene städtisches Leben attraktiv macht – die lebhafte Vielfalt, die pulsierende Kraft, der Unterhaltungswert, auch die Größe – das wird für Familien mit Kindern oder für ältere Menschen oft zur Belastung, zuweilen gar zum Alptraum.
Eigentlich ist die Unterscheidung Stadt/Land gar kein korrekter Maßstab. Vereinsamen kann man im Grünen wie im städtischen Zentrum.
Es gibt gottlob in unseren Städten viele organisch gewachsene Wohngebiete mit einer lebens- und liebenswerten Mischung aus Jung und Alt, aus verschiedenen Berufen und unterschiedlichen sozialen Schichten. Oft sind die zentrumsnahen Wohnlagen sogar besonders attraktiv – freilich nur dann, wenn die Planer das rechte Maß im Auge behalten haben. Wo dieses Maß verlassen wurde, wo gigantische planerische Phantasien Realität wurden, entstanden Retortenstädte, die mehr Probleme geschaffen als gelöst haben. Ihre Anonymität und ihr unpersönlicher Zuschnitt werden von vielen Bewohnern dann als kalt und bedrohlich empfunden.
Ich bin mir bewußt, daß die Situation in Ost- und Westdeutschland durchaus unterschiedlich ist. In der DDR waren die Großsiedlungen begehrte Wohnlagen mit relativ moderner Ausstattung verglichen mit dem verrottenden Altbaubestand waren sie jedenfalls die bessere Alternative. Deshalb ist die Sozialstruktur in ostdeutschen Großsiedlungen noch heute viel ausgewogener als im Westen. Auch lebt dort ein erheblich größerer Bevölkerungsanteil in dieser Wohnform, was wiederum zu einer besseren Identifikation mit dem Wohnumfeld führt. Dennoch: Auch die Verhältnisse in Ost und West werden einander ähnlicher, und das Gefühl von Überforderung der Menschen wächst.
Dabei liegt doch die Vermutung nahe, daß ein Hochhaus mit zweihundert Parteien kein idealer Spielplatz für Kleinkinder ist und daß eine Ansammlung solcher Wohnsilos dieses Problem noch multipliziert. Kinderfeindliche Siedlungen entwickeln sich aber schnell zu kinderfreien Zonen oder aber zu Vierteln, in denen sich Kinder nicht entfalten können und ihre Eltern sich unwohl fühlen.
Gewiß gab es mancherorts – etwa im lange Zeit eingemauerten Westen Berlins – Zwänge, die wenig Alternativen zuließen. Aber häufig spiegelten sich in solchen Projekten eben nicht nur Sachzwänge, sondern dort tobte sich auch die Wahnvorstellung aus, man könne die Vielfalt einer Stadt in einen Wohnblock integrieren – das Glück der Bewohner inklusive.
Was mag in der vergangenen Zeit Planer dazu bewogen haben, uns ihre Gigantomanie auch noch als wünschenswerte Perspektive einzureden? Und was hat die Stadträte und die sonstigen politisch Verantwortlichen dazu gebracht, dem auch noch freudig zuzustimmen ?
Ich möchte hier keine Mißverständnisse aufkommen lassen: Ich habe nicht die Illusion, daß 80 Mio. Menschen in einem Land unserer Größe in freistehenden Einfamilienhäusern leben können oder auch nur wollen. Aber städtisches Wohnen verlangt doch Konzepte, die das Zusammenleben auf engstem Raum mit dem Wohlbefinden der Bewohner verbinden.
Heute kommt es darauf an, daß sich zu den Planungsfehlern der Vergangenheit nicht auch noch aktuelle Fehlentwicklungen addieren. Sonst werden über kurz oder lang alle Großsiedlungen zu sozialen Brennpunkten, weil dort nur bleibt oder hinzieht, wer sich anderes nicht leisten kann. Es entstehen dann Ghettos sozialer Problemgruppen, in denen sich Perspektivlosigkeit und Armut bündeln, und wo dann schnell äußere Verwahrlosung und Sicherheitsprobleme die Abwärtsspirale zusätzlich verstärken.
Die warnenden Beispiele aus anderen Ländern zeigen uns, daß Ghettos nicht nur der Abladeplatz von Gewalt und Kriminalität, von Armut und Elend sind, sondern daß sie all diese Folgen auch selbst produzieren. Für eine Stadt ist jedes soziale Ghetto eine Zeitbombe, die ihr Gleichgewicht insgesamt bedroht. Deshalb ist es nötig, allen Anfängen zu wehren.
Mir scheint urbanes Wohnen vor allem dort zu glücken, wo Monostrukturen vermieden werden. Wo der in Städten zwangsläufige Mangel an Ruhe und Grün durch andere Angebote ausgeglichen wird, die von den Bürgern angenommen werden und sie veranlassen, sich auch außerhalb ihrer eigenen vier Wände noch wohl zu fühlen.
Wichtiger als alles andere ist aus meiner Sicht dabei die Möglichkeit gefahrlosen Spielens und Lebens für Kinder und ein ansprechendes Angebot für Jugendliche.
Die Erfahrung zeigt: Auch ältere Menschen fühlen sich wohler, wenn Kinder in ihrem Alltag gegenwärtig sind. Attraktive Freizeitangebote, Einkaufsmöglichkeiten, eine wohnungsnahe Vielfalt aktiver Vereine – das alles ist auch in städtischen Zentren möglich.
Je unwirtlicher also ein Wohnumfeld ist, desto reizvoller wird es sein, von vornherein zu Hause zu bleiben – ein Teufelskreis, der zu Kommunikationslosigkeit führt.
Umgekehrt gilt aber auch: Man muß schon ausgeprägte Stubenhocker-Fähigkeiten entwickelt haben, um an einem warmen Sommerabend ein attraktives Open-Air-Angebot – von Straßenfesten bis zum Parkspaziergang, vom Biergartenbesuch bis zum Flanieren – zugunsten der Mattscheibe oder des Laptops zu ignorieren.
Der öffentliche Raum muß also auch Erlebniswelt sein. Hier sind nicht nur die Kommunen gefragt, interessante Konzepte zu entwickeln, sondern auch die Geschäftsleute und Gastronomen, die Medien und die Anbieter von Kultur.
Vollständige Rede im Internet unter http.//www.bundespraesident.de
Roman Herzog: „Es ist falsch und unverantwortlich, das Einfordern gesamtpolitischer Lösungen zum Alibi für Abwarten oder Nichtstun im belasteten Lebensumfeld zu nehmen.

 

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