Architektur 19.10.2007, 19:30 Uhr

Jury zum Darmstädter Solarhaus: „A Class of it“s own“

VDI nachrichten, Washington, 19. 10. 07, rok – Die TU Darmstadt hat letzten Montag in Washington, USA, im ersten und wichtigsten Teilwettbewerb des Solar Decathlon, bei dem es um die ästhetischen und funktionalen Aspekte der Architektur der Gebäude geht, den ersten Platz erreicht. In der Begründung für die Verleihung des Preises wurde das Haus von den Juroren als „A class of its own“ bezeichnet.

Der Solar Decathlon ist ein vom US-Energieministerium ausgeschriebener Wettbewerb, der die Potenziale des solaren Bauens im Rahmen einer Bauausstellung einer breiten Öffentlichkeit vorstellen soll. 20 internationale Wettbewerbsbeiträge werden zurzeit in Washington D.C. in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses als fertige Häuser vorgestellt. Die TU Darmstadt hatte als eine von nur zwei europäischen und einzige deutsche Universität den Sprung in den Bauwettbewerb geschafft.

Am Ende sah es aus wie ein Ferienhaus in schlichtem, japanischen Stil: Das von der Technischen Universität Darmstadt (TUD) entwickelte Solarhaus vereint Energieeffizienz und schicke Architektur.

Der 74 m2 große Flachbau hat im Frühjahr noch zu Hause in Darmstadt Richtfest gefeiert, wurde wieder vollständig zerlegt und im August nach Washington D.C. verschifft. Dort wurde das Solarhaus für den internationalen Bauwettbewerb Solar Declathon auf der National Mall mit 19 anderen Häusern aus der ganzen Welt vor dem Weißen Haus im Maßstab eins zu eins wieder aufgebaut.

„Unsere einzige Energiequelle ist die Sonne“, betont Projektleiterin Andrea Georgi-Tomas. Das 30-köpfige Team aus dem Fachbereich Entwerfen und Energieeffizientes Bauen der TUD setzt mit seinem Prototypen auf unterschiedlich temperierte Schichten, die nach dem Zwiebelprinzip den Hauskern umgeben, auf modulare Bauweise und auf eine Haustechnik, die für ein flexibles Wohnambiente sorgt.

„Wir wollen den Amerikanern zeigen, dass man in einem Solarhaus sehr komfortabel leben kann“, erklärt Georgi-Tomas.

45 m2 Wohnfläche bietet das Haus in seiner Wintervariante, im Sommer, wenn die Veranda auf der Südseite hinzukommt, erreicht es seine Maximalgröße von 74 m2. Der Gebäudekern mit Küche, Bad und Warmwasserspeicher ist auf ein Mindestmaß reduziert. Er kann jedoch je nach Bedarf und Anzahl der Gäste erweitert werden. Aus der Single-Küche wird so ein Raum zum gemeinsamen Kochen, aus dem reinen WC ein Duschbad.

Die Möbel im Wohn- und Essbereich können zusammengeklappt und im doppelten Boden der Gebäudeplattform wie in einer Schublade verstaut, so genannte Schlafkuhlen mit Platten abgedeckt werden. Auf diese Weise entsteht genügend Platz auch für größere Feste oder einfach nur, um einen „puristischen Raum“ zu erleben. Außergewöhnlich am Darmstädter Solarhaus ist nicht nur das Raum-, sondern auch das Energiekonzept, das mit seinem Schwerpunkt auf passiven Systemen nicht darauf zielt, möglichst viel Energie zu produzieren, sondern den Energiebedarf möglichst weit zu reduzieren.

Ohne Betriebsenergie zu verschwenden sorgen hochdämmende, transparente und lichtdurchlässige Fassadenschichten und der Latentwärmespeicher PCM (Phase Changing Material), dessen Wachskügelchen ihren Aggregatzustand ändern und Wärme über einen längeren Zeitraum speichern können, für ein angenehmes Raumklima. Das gesamte Haus ist von verschiebbaren Holzlamellen umgeben, die für Schatten und Lüftung sorgen und das Licht lenken sollen. Die Lamellen im Süden, Osten und Westen wie auch das Flachdach sind mit Photovoltaik-Zellen belegt. Als weiteres aktives System sorgt eine Solarthermieanlage für warmes Wasser.

12,5 kW Strom können die Solarzellen unter optimalen Bedingungen liefern. Während des Wettbewerbs in Washington soll der Solarstrom, der unter anderem auch ein Elektroauto versorgen soll, in Batterien und nach der Rückkehr des Hauses auf das TUD-Gelände ins normale Netz eingespeist werden.

Auf 400 000 € schätzt Projektleiterin Georgi-Tomas die Baukosten für den in Darmstadt entstandenen Prototyp, für den überwiegend nachwachsende, naturnahe und recyclebare Materialien verwendet werden sollen. Da die Materialkosten im Photovoltaik- und Niedrigenergiesektor nach ihrer Einschätzung jedoch in Zukunft sinken werden, hält die Architektin es für möglich, dass bis 2015 bereits ein serienreifes Solarhaus für 200 000 € auf den Markt kommen könnte.

Doch zuvor bleibe der Prototyp erst einmal Forschungsprojekt. Im vergangenen Jahr hat das Solarhaus bereits den „Deutschen Solarpreis“ gewonnen. Derzeit gehört es zu den „ausgewählten Orten“ der bundesweiten Initiative „Land der Ideen“.

Im August wurde das Niedrigenergiehaus in drei Module zerlegt, auf einem Tieflader verstaut und mit dem Schiff von Bremerhaven nach Baltimore in die USA geschickt. Für den Aufbau im Solardorf vor dem Weißen Haus hatten die TUD-Studenten nur fünf Tage Zeit. Zwanzig Hochschulteams – 16 allein aus den USA – nehmen am Solar Decathlon teil, zu dem rund 150 000 Zuschauer erwartet werden. Und ein Großteil davon hat sich vor dem Darmstädter Haus angestellt, das beim Publikum auf besonders großes Interesse gestoßen ist.

Neben Madrid ist Darmstadt die einzige europäische Hochschule, die beim Zehnkampf antritt. Zu den Disziplinen gehören unter anderem die Bereiche Architektur, Kommunikation, Beleuchtung, Energiebilanz und, wie Georgi-Tomas erzählt, auch ein Kochwettbewerb. „Wir müssen das Leben einer ganz normalen amerikanischen Familie simulieren“, so die Projektleiterin. Und, weil das Solarhaus mehr als genug Strom produziert, ist die Wissenschaftlerin sicher, dass die Energie auch für US-Standards ausreicht – mit extragroßem Kühlschrank, Wäschetrockner und einem ständig laufenden Fernseher. JUTTA WITTE

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  • Jutta Witte

    Surpress Journalistenbüro in Tübingen. Themenschwerpunkte: Bildung, Forschung und Wissenschaft.

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