Architektur 23.12.2005, 18:42 Uhr

Immer Ärger mit der Mitte  

VDI nachrichten, Berlin, 23. 12. 05, has – Für unrealistisch hält der Architekt Philipp Oswalt die Machbarkeitsstudie für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Alle Risiken seien herausgerechnet worden, erklärte er jüngst auf einer Veranstaltung des Verbandes der Beratenden Ingenieure (VBI) in Berlin. Die Studie sieht ein Bauwerk vor, das an drei Seiten mit Rekonstruktionen der alten Barockfassade verkleidet sein soll.

Typisch Schlossplatz. Seit der deutschen Wiedervereinigung wurde heftig-deftig über die künftige Gestaltung dieses Platzes gestritten, während er selbst einen eher jämmerlichen Eindruck erzeugte. Palast oder Schloss lautete die Streitfrage, an der sich Architekten und Politiker, Experten und Laien, Wessis und Ossis die Zähne ausbissen.

Der Streit schien eigentlich entschieden, spätestens seit dem Bundestagsbeschluss von 2002, nach dem der von der DDR errichtete Palast der Republik abzureißen und an gleicher Stelle das von der DDR gesprengte Stadtschloss der Hohenzollern weitgehend zu rekonstruieren sei. Dieser Beschluss ist indes schon wieder drei Jahre alt, und in der Zwischenzeit hat der asbestsanierte und bis auf die Stahlträger und Zwischenwände entkernte Palast ein neuerliches Eigenleben entwickelt.

„Volkspalast“ hieß die Zwischennutzung der Ruine im Sinne von Kunst und Entertainment. Man flutete den Palast und verwandelte ihn in eine venezianische Kulissenrepublik. Man errichtete einen weißen, über mehrere Etagen hinaufragenden Berg, der über verschiedene Pfade bestiegen werden konnte. Und zuletzt verwandelte man ihn durch den Einbau eines großen Kubus in eine funktionale Kunsthalle nebst coolem Museumscafé. Kein Wunder, dass jetzt nicht nur DDR-Nostalgiker, sondern auch die experimentierfreudige Berliner Kulturszene dem Palast mehr als eine Träne hinterher weint.

Und doch ist der Abriss längst offiziell ausgeschreiben worden, rund 60 Mio. € soll er kosten und bis Mitte 2007 vollendet sein. Bis dahin sollen auch die Bedingungen für die künftige Gestaltung des Platzes und den Wiederaufbau des Schlosses geklärt sein. So sieht es der Zeitplan vor, der in einer Machbarkeitsstudie enthalten ist, die zwei Beratungsfirmen und ein Architekturbüro im Auftrag des Bundesbauministeriums im vergangenen August vorgelegt haben. Danach soll auf dem Platz ein Bauwerk in den Ausmaßen des ehemaligen Schlosses errichtet werden, das an drei Seiten mit den Rekonstruktionen der Barockfassaden verkleidet sein soll. Es soll als eine Public-Private-Partnership entstehen und rund 670 Mio. € kosten. Die nichteuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, die bislang im Museumskomplex in Dahlem zu sehen sind, sollen in den Bau als „Humboldt-Forum“ einziehen. Als private Nutzungen sieht die Studie daneben ein Fünf-Sterne-Hotel und eine Tiefgarage vor.

2006 sollen auf der Basis eines derzeit diskutierten Raumprogramms ein Investorenverfahren und ein Architektenwettbewerb ausgelobt werden. Mit dem Baubeginn rechnet die Berliner Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nicht vor 2008.

Rollt jetzt also der Zug unaufhaltsam in Richtung Wiederaufbau? Ziehen alle diejenigen, die das Schloss seit Jahren haben wollen, an einem Strang? Nein, selbst unter den Schlossbefürwortern rumort es inzwischen. So gibt es dort eine Fundi-Fraktion, die sich in der Stadtschloss Berlin Initiative zusammengeschlossen hat. Sie will das „Schloss pur“, also eine originalgetreue Rekonstruktion des alten Schlosses, genauso, wie es die Dresdner mit der Frauenkirche gemacht haben. Finanzieren sollen das allein private Investoren.

Für unrealistisch hält unterdessen der Architekt Philipp Oswalt die Machbarkeitsstudie. Wie er jüngst auf einer Veranstaltung des Verbands Beratender Ingenieure (VBI) in Berlin berichtete, seien alle Risiken herausgerechnet worden, die mit dem Abriss des Palasts und dem Abtragen der Betonwanne verbunden seien, in der der Palast auf der Spreeinsel mit ihrem sehr niedrigen Grundwasserspiegel errichtet wurde. Dieser dürfe nicht absinken, da viele umliegende Bauten wie der Dom oder die Museumsgebäude auf der Museumsinsel auf Holzpfählen gegründet sind, die faulen könnten. Nach Berechnungen von Oswalt könnten solche Risiken die Kosten für Abriss und Neubau rasch auf 1,2 Mrd. € treiben.

Oswalt kritisiert zudem die Nutzungspläne für das Schloss. Die ethnologischen Sammlungen würden in der Kubatur des Schlosses nicht genug Platz finden, sodass zusätzliche Tiefgeschosse errichtet werden müssten, und für ein weiteres Fünf-Sterne-Hotel wäre in der Berliner Mitte angesichts der bereits bestehenden Überkapazitäten kein Bedarf.

Ungeachtet dieser Einwände hat die neue schwarzrote Bundesregierung ihr Votum für den Wiederaufbau im Koalitionsvertrag erneuert. Es kann sein, dass sie dies noch teuer zu stehen kommt. Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) etwa sieht den Bundestag in der Pflicht, seinen eigenen Beschluss auch umzusetzen. Im Klartext: Wenn es zu keiner oder nur zu einer unzureichenden privaten Finanzierung des Wiederaufbaus kommt, dann soll das Schloss eben aus dem Bundeshaushalt finanziert werden. Das klamme Land Berlin selbst, das zudem von einer SPD/PDS-Koalition regiert wird, dürfte sich dafür indes kaum engagieren.

Wie geht es also weiter mit dem Berliner Schlossplatz? Ein Szenario könnte so aussehen: Nach dem Abriss wird auf dem Grundstück entlang der Spree eine Grünfläche errichtet. Der Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau wird auf Skepsis und Ablehnung stoßen, weil es dem Siegerentwurf eigenartigerweise nicht gelingt, es allen recht zu machen. Bund und das Land Berlin beschäftigen sich so ausgedehnt wie vergeblich mit der Investorensuche, bis sich der Bund vor der Wahl 2009 doch dazu entschließt, das Heft in die Hand zu nehmen. Auf diese Weise könnte Berlin 2014, zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, doch noch eine städtebaulich strukturierte Mitte erhalten.

JOHANNES WENDLAND

Ohne private Investoren müsste der Bund in die Bresche springen

Von Johannes Wendland

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