Architektur 16.11.2001, 17:31 Uhr

High-Tech-Wohntonne

Im klassischen Altertum hat Diogenes bewiesen, dass es sich in einer Tonne behaglich leben lässt. Eine avantgardistische Architektengruppe aus Wien greift jetzt diese Form neu auf.

Was das Wiener Architekten-Team „AllesWirdGut – awg“ mit seiner modernen Form der „Urban Sushi“ genannten Wohntonne allerdings aus der altgriechischen Grundidee des einfachen und anspruchslosen Lebens gemacht hat, ist ein High-Tech-Wohnkonzept, das nur noch seine äußere Form mit der Behausung Diogenes“ gemeinsam hat.

„Wir können zwar die Gesetze der Schwerkraft nicht außer Kraft setzen, aber wir können sie ad absurdum führen“, heißt es in einer Beschreibung zu dem Entwurf, der buchstäblich alle Regeln der Architektur auf den Kopf stellt. So gibt es im Urban Sushi keine ebenen Böden und senkrechte Wände, sondern nur noch aufrecht stehende, gegeneinander drehbare Ringe, an deren Innenseite sich das gesamte Mobiliar eines „normalen“ Haushalts befindet. Die Bewohner dieser Wohnröhre werden auch nicht mehr in gewohnter Weise vom Schlaf- ins Wohnzimmer gehen, sondern den jeweiligen Ring auf dem die beiden Zimmer angeordnet sind, „wie ein Hamster im Laufrad“, so die Beschreibung, in die gewünschte Richtung drehen. Wohl dem, der das wärmende Bett rechtzeitig verlassen hat, bevor der Partner im Wohnzimmer den Frühstückstisch deckt …

Die Idee des Architekten-Teams ist dabei, den gesamten Wohnbereich aus einer aneinandergesetzten Reihe von sogenannten Modulringen zu fertigen: „Gedacht ist die Sache so, dass man diese Module in Großserien fertigt, wobei man die einzelnen Ausstattungstypen wie in einem Autokatalog so auswählen kann, wie man es gerade benötigt“ schildert Andreas Marth, Mitarbeiter des awg-Teams, die Idee hinter dem Projekt. Wie in einem solchen Katalog sei geplant, die unterschiedlichsten Ausstattungen und technische Merkmale untereinander kombinierbar anzubieten: „Das geht von einer einfachen Wohnnutzung mit Stuhl und Tisch über die komplette Einbauküche bis hin zur Nasszelle mit Badewanne, Dusche und Toilette, wobei, wie beim Auto auch verschiedene Upgrades in Bezug auf Ausstattung, Material und technischen Feinheiten möglich sind“, so Marth.

Das technisch Interessante an dem ungewöhnlichen Wohnkonzept sei, so der Architekt, dass sich die gesamte Wohnung aus Ringen aufbaue. Dabei sei ein solcher Ring nur einen Meter breit, aber in abgerolltem Zustand 14 m lang. Diese zunächst plane Fläche solle bei einer späteren Massenfertigung in die Form einer ganzen Wohnlandschaft mit Tisch, Sitzen, Ablagen, Betten, aber auch mit Badewanne, Herd u.ä. gepresst werden. Werde nun eine solche „Wohnbahn“ zur einem Ring gebogen, so befänden sich alle „Einrichtungsgegenstände“ auf dessen Innenseite und könnten durch Drehen des Rings in die jeweils nutzbare Position gebracht werden.

Da die einzelnen Ringe untereinander beliebig kombinierbar sind, kann auf diese Weise ein Lebensraum von nahezu unbegrenzter Länge entstehen. Bewegt werden die Ringe durch die Bewohner selbst, die, so Architekt Marth, wie ein Hamster in seinem Laufrad vom Wohn- zum Schlafzimmer oder von der Toilette zum Bad wechseln können. „Selbstverständlich ist es vorstellbar, dass in einer de-luxe-Ausführung der Wechsel der Nutzungsbereiche auch durch eine entsprechende elektrische Steuerung erfolgt“.

So ungewöhnlich die Wohnidee ist, so wenig alltäglich sind auch die Probleme, die das Wohnen in einem solchen „Hamsterrad“ mit sich bringen könnte: normalerweise an der Wand befestigte Stellflächen und Schränke würden beim Drehen des Rades ihren Inhalt in den Raum ergießen, einmal ganz zu schweigen von heißen Töpfen und Pfannen im „Küchenring“ oder den Sanitäranlagen in der Nasszelle … . „Wir haben uns natürlich auch darüber Gedanken gemacht und am Beispiel eines Aquariums die Lösung des Problems in einem zusätzlichen, innenliegenden Ring gefunden, an dem die möglichen ‚Problemquellen’ befestigt sind, und der die Drehbewegungen des „Raumes“ nicht mitmacht“, hieß es bei awg. Allerdings, so die Architekten weiter, gebe es darüber hinaus noch weitere theoretische Lösungsansätze, die man allerdings erst dann vertiefen wolle, wenn eine Serienfertigung der Wohntonne anstehe.

Noch ist das Projekt eine Studie, wenngleich der Prototyp begeh- und erprobbar in Wien existiert. Sollte sich die Idee durchsetzen, böte das „Hamsterrad“ eine preiswerte, allerdings höchst ungewöhnliche Alternative zum klassischen Einfamilienhaus. han/wip

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