Architektur 12.10.2007, 19:30 Uhr

Green Building – auf dem Weg zur nachhaltigen Architektur  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 10. 07, rok – Ein wesentlicher Aspekt des energieeffizienten Gebäudes ist sein Primärenergiebedarf über seinen gesamten Lebenszyklus. Dr. Michael Bauer, Vorstandsmitglied der DS-Plan AG in Stuttgart, stellt im folgenden Interview das Konzept des „Green Building“ vor. Energiedesign, Energiemanagement und Gebäudetechnik sind seine Verantwortungsbereiche.

Bauer: Vereinfacht könnte man das so bezeichnen: Energiesparhaus und Passivhaus stehen für die Energieeffizienz der Gebäudehülle und der Anlagentechnik. Beim Green Building strebt man neben der Energieeffizienz eine umfassendere Betrachtung an, die das Spektrum vom Eingriff in die Umwelt über den Ressourcenverbrauch bis hin zum Recycling über den gesamten Lebenszyklus hinweg beinhaltet.

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VDI nachrichten: Wo bleibt der Mensch mit seinen Bedürfnissen bei diesem überwiegend ökologischen Ansatz?

Bauer: Bei Green Buildings steht der Mensch beziehungsweise der Nutzer bei vielen Bewertungskriterien im Mittelpunkt, da mittlerweile bekannt ist, dass Gebäude nur dann nachhaltig betrieben werden können, wenn der Nutzer es akzeptiert. Green Buildings zeichnen sich so durch einen sehr guten thermischen Komfort aus und ermöglichen auch stets einen individuellen Eingriff durch den Nutzer, um möglichst angenehme Raumklimabedingungen zu schaffen. Wichtig ist dabei, dass Energieeinsparung und Ressourcenschonung nicht durch einen verminderten Komfort erkauft werden.

VDI nachrichten: Eine neue Qualität in der Zusammenarbeit aller am Bauschaffen Beteiligten?

Bauer: Das Thema Green Building steht in der Öffentlichkeit gerade erst am Anfang einer nachhaltigen Entwicklung – obwohl Drees & Sommer sich schon lange vor dem Trend seit 1990 damit beschäftigt – lange bevor Energiesparen zum Trend wurde. Das heißt, dass die Menschen über viele Punkte wieder neu nachdenken müssen. Bei der Energieeffizienz sind wir in Deutschland sicherlich schon sehr weit, wobei die Referenzwerte der neuen Energieeinsparverordnung für den Energieausweis auch noch verbesserungsfähig sind. Themen wie Primärenergieaufwand, Recycelfähigkeit und bauökologische Bewertung von Baumaterialien sind bisher kaum in Planungs- und Bauprozesse eingeflossen, sodass es hier sicherlich eine neue Qualität der Zusammenarbeit geben wird. Gerade in diesen Bereichen gibt es neben dem Basiswissen aber auch noch erheblichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Genauso wird aus der angestrebten Lebenszyklusbetrachtung noch ein Erkenntniszuwachs notwendig. Wir sprechen in diesem Zusammenhang bereits vom Lifecycle Engineering, um Entscheidungen in den frühen Planungsprozessen über den gesamten Lebenszyklus zu reflektieren.

VDI nachrichten: Ihre Planung für das „Green Building“ beginnt schon bei der Auswahl und der Aufteilung des Bauplatzes. Finden Sie in unserer eng besiedelten Landschaft dafür die Plätze?

Bauer: Bei der Auswahl des Bauplatzes geht es nicht unbedingt darum, ein schönes grünes Fleckchen für ein grünes Gebäude zu finden. Hier geht es vielmehr darum zu bewerten, wie groß der Eingriff in die Umwelt durch das Bauvorhaben ist. Demnach wird es aus Gründen des Landschaftsverbrauches ungünstig bewertet, wenn Gebäude sozusagen auf der „grünen Wiese“ erstellt werden. Positiv bewertet werden demgegenüber Baugrundstücke, die auf einer bereits lange stillliegenden Industriebrache entstehen, wo zum Beispiel durch die Bauaktivitäten kontaminierter Boden abgebaut wird. Es geht also darum, den Eingriff in die Umwelt zu minimieren. Ein weiteres Kriterium ist, dass das Gebäude sinnvoll an die öffentliche Infrastruktur eingebunden ist, damit der Nutzer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz kommt. Das sind für Green Buildings wichtige Einflussfaktoren, um den Ressourcenverbrauch so gering wie möglich zu halten.

VDI nachrichten: Ist der grüne Ansatz teurer als das herkömmlich errichtete Bauwerk?

Bauer: Dabei spielt immer die Vergleichsgröße eine große Rolle. Grundsätzlich müssen Green Buildings nicht mehr kosten als herkömmliche Gebäude. Möchten Kunden allerdings einen erhöhten Komfort und einen vorbildlichen Einsatz von regenerativen Techniken, können Mehrkosten von 3 bis 5 % entstehen. Diese Mehrkosten amortisieren sich jedoch aufgrund der niedrigeren Energie- und Bewirtschaftungskosten im Regelfall innerhalb fünf bis zehn Jahren. Zudem haben Green Buildings heute deutlich bessere Vermarktungschancen, da Mieter und Nutzer verstärkt auf grüne Eigenschaften, besseren Komfort und niedrigere Energie- und Bewirtschaftungskosten achten.

VDI nachrichten: Wer sind Ihre Kunden? Gehört auch der betuchte private Bauherr dazu?

Bauer: Unsere klassischen Kunden sind die Eigennutzer, die wissen, dass etwas höhere Investitionskosten und langfristig niedrigere Bewirtschaftungskosten wirtschaftlich sind. In letzter Zeit sind jedoch mehr Investoren auf das Thema Green Building eingestiegen, da es mittlerweile ein wichtiges Vermarktungsthema bei Immobilien ist. Sicherlich gehört auch der betuchte private Bauherr dazu, der für einen höheren Komfort sowie nachhaltige und bauökologisch sinnvolle Baumaterialien gerne etwas mehr Geld ausgibt.

VDI nachrichten: Bedienen Sie eine Minderheit unter den Bauherren oder glauben Sie, dass sich die Idee des „Grünen Gebäudes“ breiter durchsetzt?

Bauer: Der Trend zum „Grünen Gebäude“ ist deutlich erkennbar. Mehr und mehr sehen Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit als wichtiges Entwicklungsziel, nicht nur im Gebäudebereich. Die ständigen Energiepreissteigerungen, die aktuelle Diskussion über den Klimaschutz sowie die zunehmenden Umweltbelastungen haben dazu geführt, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist und intensiv diskutiert wird. Durch die öffentliche Diskussion wird die Entwicklung hin zu Green Buildings nachhaltig vorangetrieben, da die Unternehmen neben den langfristig wirtschaftlichen Vorteilen natürlich auch die positiven Vermarktungsmöglichkeiten durch ihr umweltschonendes Wirken erkennen und nutzen wollen. Somit wird sich das Thema der grünen Gebäude mehr und mehr am Markt etablieren. rok

Mehr zum Thema im Buch „Green Building“, das Michael Bauer zusammen mit Peter Mösle und Michael Schwarz im Callwey Verlag herausgebracht hat.

Ein Beitrag von:

  • Rolf-Otto Karis

    Stellvertretender Chefredakteur VDI nachrichten. Fachgebiete: Wirtschaft, Wirtschaftspolitik, Messen.

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