Architektur 28.06.2002, 18:20 Uhr

Gesucht: Ein Haus für alle Lebenslagen

Die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit hat etliche gesellschaftliche und vor allem Verkehrsprobleme ausgelöst. Architekten entwickelten daher Haustypen, die wieder alle Aktivitäten unter einem Dach erlauben. Unterstützt werden sie nun von Fraunhofer-Elektronikern mit dem Projekt „Flexhaus“. Wohnen und Arbeiten im selben Umfeld, ohne viel Umstände und ohne lange und teure Wege – diese früher übliche Funktionsmischung in Städten und Dörfern soll in dem Projekt „Flexhaus“ ihre zeitgemäße Entsprechung finden. Mit den architektonischen und informationstechnischen Grundlagen dazu befassen sich das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnik (SIT), Darmstadt, und einige Projektpartner.

Der Einsatz neuer digitaler Techniken in der Arbeitswelt verändert Arbeitsprozesse und in der Folge gesellschaftliche Strukturen. Neue Prozesse stellen neue Anforderungen an die Gebäudeausstattung – wie digitale Technologien, mit der heute schon Büro- und Wohngebäude gleichermaßen ausgestattet werden.
Diese IT-gestützten Systeme sind schon von ihrer Struktur her flexibel programmierbar. Da Wohn- und Bürogebäude darüber hinaus gewisse konstruktive und funktionale Ähnlichkeiten aufweisen („Kongruenzen“), sollen im Flexhaus-Projekt Gebäudetypen entwickelt werden, die flexible Übergänge zwischen Wohn- und Bürofunktionen zulassen – sowohl gleichzeitig wie auch hintereinander.
Ein „Flexhaus“ wird kurzfristig unterschiedlichsten Anforderungen der Nutzer, langfristig veränderten Marktsituationen eher gerecht als konventionelle Gebäude. Wo sanfte Übergänge zwischen Arbeiten und Wohnen möglich sind, vollzieht sich Strukturwandel schmerzloser und preiswerter als bisher. Jedenfalls glauben das die am Projekt beteiligten Forscher.
Bei Wohnbauten können Hauptwohnräume, Schlafräume, Koch- und Essräume strukturell und funktional den Großraumbüros, Aufenthaltsräumen und Zellenbüros entsprechen. Sowohl in der Arbeitswelt als auch beim Wohnen wechseln sich individuelle Kontakte mit Gruppenkontakten ab. Das „Flexhaus“ kann künftig in der Planung eingesetzt werden und erhebliche Kosten sparen, indem Umnutzungen mit weniger Umbauten und Leerständen verbunden sein werden, hofft Projektleiter Thorsten Henkel.
Die Frage, welche technischen Elemente und welche technologischen Methoden sichere Übergänge zwischen den Funktionen Wohnen und Arbeiten unterstützen, ist ein zentrales Thema der Untersuchung. Hier wird angeknüpft an den vom SIT in Darmstadt und der Raumcomputer AG in Karlsruhe entwickelten „Raumcomputer“, der unterschiedlichste digitale Informations- und Kommunikationstechniken (IuK) innerhalb eines Gebäudes zur Verfügung stellt. Die digitale Steuerung der Funktionen kann durch PC oder Palm-Geräte erfolgen. Sollte eine strukturelle Veränderung der Gebäudesituation erforderlich werden, erlaubt das System die Konfiguration neuer Raumgruppen durch einfache Programmierung.
Die Kosten des Raumcomputers belaufen sich auf ca. 55 ç/m2 Bruttogrundrissfläche (= Fläche aller Geschossebenen basierend auf den Außenmaßen der Geschosse) inkl. aller Server, Endgeräte, Montage und Verkabelungen. Dass dabei auf sichere Transaktionen geachtet wird, versteht sich von selbst.
Das Fraunhofer-Institut für Sichere Telekooperation zählt sich zu den Pionieren auf dem Gebiet der Informationssicherheit. Das Flexhaus ist ein Projekt des Bereichs „COR – CooperativeRäume – Arbeitswelten der Zukunft“. Projektpartner beim „FlexHaus“ sind das IWU Institut Wohnen und Umwelt GmbH, Darmstadt, die Digitales Bauen Engineering GmbH, Karlsruhe, und das Büro Petzinka, Pink, Tichelmann (PPT), Architekten und beratende Ingenieure, Darmstadt. Darüber hinaus wirken als Kooperationspartner das Medienzentrum der Hochschule Anhalt in Dessau mit sowie die Zeus GmbH, Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung.
Das IWU ist ein interdisziplinär arbeitendes Institut des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt. Es wurde bekannt unter anderem durch experimentelle Wohnbauvorhaben mit Bewohnerbeteiligung und innovative Projekte zur Energieeinsparung bei Gebäuden (verschiedene Niedrigenergie- und Passivhäuser, erstes Passivhaus Deutschlands).
Die Systeme der Firma Digitales Bauen Engineering GmbH, ein Spin-off der Universität Karlsruhe, haben ihren Ursprung in Forschungsarbeiten am dortigen IFIB, Institut für Industrielle Bauproduktion. Sie bietet Architekten, Ingenieuren und Gebäudebetreibern unterschiedliche Leistungspakete aus den Bereichen Integrale Planung, CAD, Multimedia, künstliche Intelligenz, objektorientierte Datenbanken, Intelligent Building, CAD-CAM und Facility-Management an.
Das Architektur- und Ingenieurbüro Petzinka, Pink, Tichelmann hat u.a. neben Projekten wie dem Stadttor Düsseldorf und verschiedenen Arbeiten im Bereich Wohnungsbau die Entwicklung innovativer Tragsysteme mit der Zielsetzung Multifunktionalität und Dematerialisierung von Gebäuden und große Erfahrungen beim Thema Trockenbau vorzuweisen. Professor Petzinka ist Lehrstuhlinhaber an der Technischen Universität Darmstadt. wip
www.sit.fhg.de

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