Architektur 21.06.2002, 18:20 Uhr

Einfache Strukturen für komplexe Aufgaben

Der belgische Architekt Philippe Samyn hat sich besonders im innovativen Stahl- und Glasbau einen Namen gemacht. International ist er für seine ökologisch nachhaltigen Low-Tech-Projekte bekannt.In Deutschland gilt Samyn – obwohl für seine Werke bereits mehrfach ausgezeichnet – immer noch als Geheimtip.

In Deutschland kennt man ihn kaum, obwohl er hier schon zwei Architekturpreise erhalten hat: 1994 den Internationalen Preis für Industriearchitektur und 1997 den Internationalen Preis für textile Architektur. Es gibt kein deutschsprachiges Buch über ihn, die Internet-Suche ergibt äußerst wenige und inhaltlich magere Treffer, und in den einschlägigen deutschen Architektur-Sites ist er vollkommen unbekannt: der belgische Architekt Philippe Samyn.
Das Architektur- und Ingenieurunternehmen Samyn and Partners gehört in seinem Heimatland zu den renommierten Büros, hat seinen Hauptsitz in Brüssel, beschäftigt dort ca. 60 Mitarbeiter und weitere rund 40 in verschiedenen Tochterfirmen. Es ist international für seine ökologisch nachhaltigen Low-Tech-Projekte und die innovativen Stahl- und Glaskonstruktionen bekannt. Da ist es logisch, dass Philippe Samyn als Referent zur „International Iron and Steel Institute World Conference 2002“ nach Luxemburg eingeladen wurde, die in diesem Jahr unter dem Thema „Steel in sustainable construction“ stand. „Es ist ein langwieriger Prozess, nachhaltig zu bauen,“ berichtete Samyn. Für ihn bedeutet dies in erster Linie, möglichst wenig Material zu verwenden und Vorhandenes in neue Architektur einzubeziehen.
Zu Beginn der Entwurfsphase sammeln die Planer alle erdenklichen Ideen und suchen nach allen Arten von Lösungen. Die interdisziplinäre Zusammenstellung des Teams soll sicherstellen, dass frühzeitig alle Aspekte des Projekts berücksichtigt und in die Planung integriert werden. Alle Teilbereiche, wie Konstruktion, Materialauswahl, Ökologie, Architektur oder technische Gebäudeausrüstung, aber auch baurechtliche Zwänge, sollen zu einer unteilbaren Einheit verschmolzen und zum Nutzen des Projektes in den gesamten Planungsprozess eingebunden werden. Samyns Ziel ist, intelligente Strukturen zu finden, mit denen komplexe Aufgaben klar und nachvollziehbar umgesetzt werden können.
Zu den realisierten Projekten, die der belgische Architekt in seinem Vortrag vorstellte, gehört das Feuerwehrhaus im holländischen Houten. Samyn and Partners kamen auf die Idee, einen Bunker, eine Art Schutzraum zu bauen, der im Innern durch die Geräte und Werkzeuge dominiert wird. Sie trennten das Dach vom Gebäude und entwickelten auf der Suche nach einer gestalterisch ansprechenden und gleichzeitig adäquaten Lösung eine parabolförmige Konstruktion, die sich mit dem Baustoff Stahl schnell und wirtschaftlich realisieren ließ.
Im Innern ist das Gebäude in zwei Bereiche gegliedert. Die Südseite ist verglast, in die Glasflächen sind Photovoltaikelemente integriert. Unter dem hellen Dach herrscht ausreichend Platz für die feuerwehrtechnische Ausrüstung. Außerdem können hier die Fahrzeuge zu jeder Jahreszeit witterungsunabhängig gewartet werden. Der nördliche Teil des Gebäudes – eine Massivkonstruktion – beherbergt Büros, Sozialräume, Duschen, Lagerräume,ein Konferenzzimmer und eine Cafeteria.
Angesichts des sozialen Umfelds mussten die Architekten mit Vandalismus rechnen und kamen auf eine einfache, aber sehr wirkungsvolle und vor allem nachhaltige Idee. Sie baten rund 2200 fünf- bis siebenjährige Kinder darum, DIN A 3-große Platten mit Feuerwehrmotiven zu bemalen und gestalteten mit diesen 2200 Kunstwerken die innere Fassade. Die Malaktion führte die Familien in Houten zusammen und schaffte gleichzeitig eine emotionale Verbindung zwischen Bevölkerung und Gebäude.
Für das Unternehmen Fina haben Samyn and Partners mehrere Tankstellen mit Servicebereichen gebaut. Für die Station im belgischen Wanlin wurde ihnen 1997 der Internationale Preis für textile Architektur verliehen. Sie hatten den Tank- und Servicebereich unter einer lichtdurchlässigen Überdachung aus Stahlbögen und dazwischen gespanntem, beschichteten Gewebe angeordnet. Kennzeichen der Anlage in Nivelles-Nijvel (Belgien) ist das lang gezogene, bogenförmige Dach über die Autobahn. Es beherbergt ein Restaurant und schützt die auf beiden Seiten der Autobahn angeordneten Tankstellenbereiche vor Regen. Konstruktion, Materialwahl und Architektur erfolgten unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit: Respekt vor der Umwelt, niedriger Energieverbrauch, geringe Herstellungs- und Instandhaltungskosten, langlebige Materialien. Weil eine Raststätte, so Samyn, auch eine Stätte für Kultur sein kann, erhalten junge Künstler hier die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen.
Stahl und Glas prägen auch das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum von Smithkline Beecham Biologicals im belgischen Rixensart. Der Neubau ergänzt und verbindet die vorhandenen Bauten durch einen überdachten Innenhof. Er soll die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung fördern und beherbergt neben Labor- und Büroräumen Bereiche für die firmeninterne Kommunikation. Die Fassaden sind komplett verglast, natürliches Licht gelangt dadurch bis zu den innenliegenden Laborräumen. Beim Tragwerk handelt es sich um eine Stahlbetonkonstruktion, die technischen Zwischengeschosse des Labortraktes wurden in Stahl ausgeführt.
In seinem Heimatland hat der belgische Architekt eine beeindruckende Anzahl von Auszeichnungen und Preisen erhalten. Die Deutsche Messe AG Hannover hat ihm 1994 für das Forschungsgebäude von M & G Ricerche im italienischen Venafro den Constructa Preis für Industriearchitektur verliehen – zu Recht, denn auch das Gebäude besticht durch eine klare, auf das notwendige reduzierte Konstruktion. Unter dem zeltartigen Dach, das zwischen mehrere Stahlbögen gespannt ist, hat Samyn Platz für die flexibel anzuordnenden Labor-, Technik- und Bürozonen geschaffen.
JOLA HORSCHIG/wip

Von Jola Horschig/Wip

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