Architektur 02.11.2007, 19:31 Uhr

Ein Holzhaus für sieben Bauherren  

Sie wollen eine Baulücke mit einem siebengeschossigen Holzbau füllen. In Tom Kaden vom Büro Kaden/Klingbeil haben sie einen innovativen Ingenieur gefunden, der ihre Idee mit dem bestehenden Baurecht in Einklang gebracht hat. Im April 2008 soll eingezogen werden.

März 2006: Bei den Berliner Architekten Tom Kaden und Tom Klingbeil landet eine außergewöhnliche Anfrage: „Wir sind eine Baugruppe in Berlin, die eine Baulücke im Stadtbezirk Prenzlauer Berg schließen möchte. Wir sind sehr daran interessiert, unser Mehrfamilienhaus mit 7 Etagen in Holzbauweise zu errichten. Ist dies aus technischen Gründen möglich? Und lässt dies das Berliner Baurecht zu?“ – Antwort Kaden/Klingbeil: „Zu Ihrem Projekt ist zu sagen, dass sich die aktuelle Berliner BauO (Novelle 1. Februar 2006) prinzipiell dem Thema innerstädtisches Bauen in Holz öffnet durch seine Anlehnung an die Musterbauordnung MBO 2002, welche ganz klar die neuen brandschutztechnischen Möglichkeiten durch die Einführung der neuen Stufe K 60 „hochfeuerhemmend“ – meint einen Feuerwiderstand von 60 Minuten – aufzeigt.“

„Allerdings“, so die Architekten weiter, „ist einschränkend zu sagen, dass diese Stufe vorerst nur für die Gebäudeklasse GK 4 gilt, wonach die Oberkante des obersten Fußbodens (OKF) nicht höher als 13 m liegen darf.“

Das angefragte 7-geschossige Objekt befindet sich jedoch in der Gebäudeklasse GK 5 (OKF =/< 22 m) und infolgedessen im Anforderungsbereich F 90 „feuerbeständig“, mit einem Feuerwiderstand von 90 Minuten, was nichts weiter bedeutet als „in den wesentlichen Teilen aus nicht brennbaren Baustoffen mit brennbaren Bestandteilen“.

Für das Projekt in Holz musste also in zwei Bereichen vom gültigen Berliner Baurecht abgewichen werden. Die Befreiung wurde mit entsprechenden brandschutztechnischen Kompensationsmaßnahmen „erkauft“.

Konkret ging es um die Befreiung von § 27 (1) BauO Bln, wonach die tragenden Bauteile nicht feuerbeständig sein mussten, sondern die Ausstattung „hochfeuerhemmend“ baurechtlich genügte. Ebenso die Decken: Die Befreiung von § 31 (1), statt feuerbeständig reichte hochfeuerhemmend. Damit konnte das Projekt „e3“ in die konkrete Planung eintreten.

Das Projekt e3 hat nicht zuletzt aufgrund der Auseinandersetzung mit der Thematik Brandschutz einen bundes- bzw. europaweiten Modellcharakter. Im Rahmen des Brandschutzkonzeptes wurden in enger Zusammenarbeit mit Brandschutzingenieuren Strategien erarbeitet, die den hohen Sicherheitsanforderungen der Gebäudeklasse 5 Rechnung tragen. So konnten Kaden/Klingbeil nachweisen, dass aufgrund einer intelligenten Planung auch der brennbare Baustoff Holz unter Beachtung von konstruktiven und anlagentechnischen Maßnahmen ein der Massivbauweise vergleichbares Sicherheitsniveau erreichen kann.

Das Grundstück Esmarchstrasse 3 liegt im sogenannten „Bötzowviertel“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg – eine bevorzugte Wohnlage Ostberlins, in welcher sich in den letzten 10 Jahren ein klassischer Gentrifizierungsprozess vollzogen hat.

Tom Kaden führt, wie auch die Bauherrengemeinschaft, gute Gründe dafür an, in der Stadt mit Holz zu bauen: „Holz ist ein regenerativer Werkstoff – es wächst nach wie vor mehr Holz im deutschsprachigen Raum als verarbeitet wird. Holz bindet während seines Wachstums extrem viel CO2, den Klimakiller Nummer 1.“ Immerhin liege, so Kaden, der Primärenergieaufwand des Rohbaus für e3 nur bei ca. 30 % eines traditionellen Stahlbeton- bzw. Ziegelrohbaus.

Holz sei sowohl Konstruktionswerkstoff (Pfosten-Riegel) als auch Dämmstoff (Massivholzaußenwände) – „Wir erreichen ohne Probleme den KfW-40-Standard“. (Bei einem KfW40-Haus geht man von einem maximalem Primärenergieverbrauch von 40 kWh pro m2 Wohnfläche und Jahr aus. Liegt dieser Verbrauch unter 40 kWh, wird das Eigenheim als kfW-Haus beziehungsweise als KfW-40-Haus eingestuft und von der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit günstigen Krediten gefördert. Die Red.).

Darüber hinaus erlaubt die Holzbauweise einen hohen Vorfertigungsgrad mit dem Kaden/Klingbeil eine sehr kurze Bauzeit realisieren konnten: In nur 9 Wochen nach Baubeginn konnte die Bauherrengemeinschaft das Richtfest feiern.

„Unsere städtebauliche Idee war es, die Baulücke nicht von Brandwand zu Brandwand zu schließen, sondern zu versuchen, im Rahmen der „kritischen Rekonstruktion von Berlin“ mit ihren immer gleichen Traufhöhen und der immer geschlossenen Blockrandbebauung einen offenen Entwurf entgegenzusetzen“ , so Kaden zum auffällig „anderen“ Entwurf. „Dieses Anliegen konnte nur mit einer Baugruppe als Auftraggeber realisiert werden, da für diese kritischen Stadtbürger im Gegensatz zum Bauträger nicht in erster Linie die Renditeerwartung eine Rolle spielte, sondern vor allem Belange im Vordergrund standen wie individuelle Mitbestimmung, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und städtebauliche Besonderheiten.

Der Bau „auf Lücke“ ist über ein freistehendes begrüntes Treppenhaus zugänglich, die einzelnen Wohnungen werden über individuelle Brücken erreicht.

Das Konstruktionsprinzip ohne tragende Innenwände lässt eine weitestgehende Flexibilisierung der Grundrisse zu – im Ergebnis gleicht keine Wohnung einer zweiten.

Zwei Medienschächte, die gleichzeitig konstruktiv relevant für die Aufnahme eines Flachunterzuges sind, erlauben, dass Balkonbreiten frei gewählt werden können, und dass große Terrassen als Fassadeneinschnitte gestaltet werden können.

Die „dritte Fassade“ aus Treppenhaus und Brückenbereich, eine transparente feingliedrige Fassadenstruktur hält die Blickachse in die Tiefe des Berliner Innenhofes offen und lässt Licht in die Esmarchstrasse durch.

Die Konstruktion des 7-geschossigen Mehrfamilienhauses (Grundfläche 12,6 m x 13,6 m, Höhe 24 m) charakterisiert sich durch ein Tragskelett aus massiven Brettschicht-Holzstützen und -riegeln. Die Aussteifung des Wohngebäudes erfolgt über Windverbände in den Feldflächen der Massivholzwandscheiben.

Die Ausführung der Holzbetonverbunddecken mit Auflagerung auf einem Flachunterzug, welcher wiederum von einer Brandwand über die beiden Medienschächte zur „dritten Fassade“ spannt, ist ein Novum und generiert sehr schlanke Konstruktionshöhen. Für diese Ausführung wurden völlig neue Detaillösungen entwickelt: Zum Beispiel die Stahlknotenverbindungen zwischen Stütze und Riegel sowie die Auflagerung und Hochhängung der Holzbetonverbunddecken. rok/TK

 

Ein Beitrag von:

  • Rolf-Otto Karis

    Stellvertretender Chefredakteur VDI nachrichten. Fachgebiete: Wirtschaft, Wirtschaftspolitik, Messen.

  • Tom Kaden

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