Architektur 10.11.2006, 19:24 Uhr

Brückenbau mit Sinn für gestalterische Qualität  

VDI nachrichten, Ronneburg/Bergwiesen, 10. 11. 06, rok – Brücken haben eine vergleichsweise einfache Funktion. Sie führen einen Verkehrsweg über ein Hindernis von A nach B. Gleichwohl können sie monumentale Zeichen der Baukultur sein und das Bild einer Landschaft entscheidend prägen. Das sagt der Architekt Richard J. Dietrich. Im thüringischen Ronneburg hat der passionierte Brückenbauer mit der längsten Holzbrücke Europas jüngst ein weiteres Ingenieurbauwerk abgeliefert.

Fasziniert vom Brückenbau vergangener Jahrhunderte ist Richard J. Dietrich nicht nur, weil sein Elternhaus in der Nähe einer eindrucksvollen Brücke – der großen Eisenbahnbrücke über die Isar bei Großhesselohe – stand.

Besondere Leichtigkeit und eine der Landschaft angepasste geschwungene Linienführung sind charakteristisch für Dietrichs neuestes Projekt, eine 240 m lange Holzbrücke in 25 m Höhe inmitten einer Bergbau-Folgelandschaft im thüringischen Ronneburg. Der Brückenstandort Gessental in der Neuen Landschaft Ronneburg ist Teil der Bundesgartenschau (Buga) im Jahr 2007.

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Klangvoll ist der Name der Brücke, doch an einen „Drachenschwanz“ hatte der Konstrukteur zunächst nicht gedacht. Wichtig sei für ihn die Frage gewesen: „Wie kann man auf möglichst elegante und wirtschaftliche Weise dieses Tal überbrücken?“ Drei konstruktive Möglichkeiten kamen dafür in die Auswahl: der Bogen, ein Balken aus Beton oder eine Hängekonstruktion.

Dietrich entschied sich für letztere Variante und eine Spannband-Konstruktion aus Holz. Diese ist in ihrer Art und Form einzigartig in der Welt, da nach Informationen des Planers noch nie zu einem Block verleimte Brettschichtträger als Spannband-Konstruktion verwendet worden sind.

Das auf Zug beanspruchte Spannband zieht sich wie ein gespanntes Seil von Widerlager zu Widerlager über 225 m. Dabei überbrückt es mit einer Konstruktionshöhe von nur 50 cm freitragend dreimal jeweils 55 m.

Somit ist das Tragwerk der Brücke als zugbeanspruchte Konstruktion besonders effektiv. Zum Vergleich: Ein auf Zug und Druck beanspruchter Biegebalken aus Leimholz mit gleicher Spannweite müsste etwa sechsmal so stark dimensioniert werden.

Auch hinsichtlich des Schwingungs-Verhaltens des Spannbandes habe Holz einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Materialien, weil es eine hohe Eigendämpfung hat, die rhythmische Schwingungen unterdrückt.

„Seitdem Brücken nicht mehr begriffen werden, sondern nur noch befahren werden, macht man sich keinen Begriff mehr davon, welchen Erlebniswert, welche Symbolkraft eine Brücke haben kann“, klagt der Autor des Buches „Faszination Brücken“ (Callwey-Verlag 2., erweiterte Auflage 2001) über die seiner Meinung nach oft fantasielosen Bauten der Gegenwart.

Schon allein deshalb ist für den 67-jährigen Dietrich aus Bergwiesen die Golden Gate Bridge in San Francisco (erbaut zwischen 1933 und 1937) nicht nur ein Meisterwerk der Technik, sondern noch immer die schönste aller Hängebrücken. Vor genau 40 Jahren sah der gebürtige Münchner dieses imposante Bauwerk zum ersten Mal.

Ein USA-Stipendium führte ihn 1966 nach dem Diplom für ein Jahr an die University of Southern California. Hier erhielt er bei Konrad Wachsmann, einem Ingenieur-Architekten und Verfechter eines neuen, technisch anspruchsvollen und industrialisierten Bauens, wertvolle Anregungen über die Kunst des Konstruierens und neue Bautechnologien.

1978 erhielt der Bauingenieur und Architekt (Studium von 1960 bis 1966 an der TU München) den ersten Auftrag für die Planung einer Brücke.

Die hölzerne Spannbandbrücke im Altmühltal über den Main-Donau-Kanal brachte jedoch nicht nur den Einstieg in den Brückenbau, sondern bescherte dem Konstrukteur eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. Sieben Jahre Planungs- und Entwicklungsarbeit waren nötig.

Mit demselben technischen Ansatz verwirklichte Dietrich jetzt die Spannbandbrücke der Bundesgartenschau. „Es gehörte schon Mut dazu, dieses ungewöhnliche Bauwerk auf den Weg zu bringen und daran zu glauben, dass der vorgesehene Kostenrahmen eingehalten werden kann“, bedankt sich Richard J. Dietrich beim Bauherren, der Buga GmbH. Die Baukosten betragen rund 1,7 Mio. €.

Auf der Brücke erwartet die künftigen Besucher der Buga 2007 ein Blick auf das blühende Ausstellungsgelände und die neu geschaffene Landschaft des ehemaligen Uranerz-Tagebaugebietes. Die leichte und etwas vibrierende Konstruktion soll ihnen zudem ein leichtes Gefühl des Schwebens vermitteln, wovon sich die Gäste der Brückenweihe am 4. August 2006 bereits überzeugen konnten.

Für den Auftraggeber erfüllt der „Drachenschwanz“ den Anspruch an das Konzept einer „Erlebnisbrücke“. Der Planer blickt auf einen Entwurf im Dialog mit dem „Genius Loci“. Für die Römer bedeutete dieser Begriff das Wirken eines an den Ort gebundenen Geistes, Richard J. Dietrich beschreibt damit den Anspruch an die Gestaltungsqualität einer Brücke.

Stoff + Struktur + Form = Gestalt. So lautet die Formel, in der nicht nur zahlreiche Brücken in Bayern und in Utrecht (Niederlande) entstanden sind, sondern seit 1997 weitere in Brandenburg. Das brandenburgische Ministerium für Städtebau, Wohnen und Verkehr hatte Wettbewerbe angeregt, die es dem Preisträger aus Bayern ermöglichten, vorgeschlagene Brücken zu bauen, was sich für den konstruierenden Architekten als Glücksfall erwies.

„Die Konstruktion ist im Brückenbau das wesentliche Mittel der Gestaltung. Sie muss stimmig sein, das ist Voraussetzung, aber nicht alles. Andererseits kann bei einer schlechten oder ungefügten Konstruktion durch keine noch so raffinierte Dekoration eine überzeugend schöne Gestalt entstehen“, sagt der leidenschaftliche Brückenbauer. MARIO KEIM

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