Architektur 02.08.2002, 18:21 Uhr

Berufsbild der Architekten steht unter Wandlungsdruck

Architekten tragen schwarze Rollis, fahren Saab-Cabrio, und fühlen sich als Hüter des guten Geschmacks – der Architektur-Weltkongress, der letzte Woche stattfand, warf nicht nur dieses Vorurteil über den Haufen. Was kann und soll ein Architekt heute leisten? Berufsbild und Selbstverständnis, aber auch der Umgang mit Projekten standen in Berlin auf dem Prüfstand.

Ausgerechnet einer der großen der Zunft, der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven, stellt am Rande des Weltkongresses das Selbstverständnis der meisten seiner Kollegen in Frage: Architektur sei keine darstellende Kunst, sondern Dienstleistung am Bauherrn und an der Gesellschaft, mahnte er.
„Wir müssen uns auf die traditionellen Werte der Baukunst zurückbesinnen“, appellierte der bekannte Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan. Die Baukunst verdiene einen Stellenwert jenseits des rein ökonomischen Aspektes. Von den ägyptischen Pyramiden bis zu den Kathedralen des Christentums sei Architektur immer Träger gesellschaftlichen Bewusstseins gewesen. „Bei uns ist das völlig verloren gegangen“, kritisierte er.
Architektur ist über Dienstleistung oder Gestaltung hinaus eine wertvolle Ressource, und so lautete denn auch das Motto des Kongresses „Ressource Architektur“: „Angesichts begrenzter Material- und Energievorräte haben Architekten heute mehr denn je eine hohe Verantwortung gegenüber der Natur“, erläutert Andreas Gottlieb Hempel, Vizepräsident der Union Internationale des Architectes (UIA): „Wir können nicht weiter machen wie bisher“, meint er. Auch er plädiert für einen höheren Stellenwert der Baukultur. Viele Architekten seien aber auch falsch ausgebildet, sie wüssten viel, aber es fehle mehr und mehr an handwerklichem Können.
Berlin ist nicht zufällig Veranstaltungsort des Weltkongresses. Die Hauptstadt wurde seit dem Mauerfall geradezu zum lebenden Referenzobjekt für moderne Architektur, und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Auch auf dem Kongress heiß diskutiert wurde die geplante Neugestaltung des traditionsreichen Alexanderplatzes im Zentrum Berlins. Dort sollen zehn bis zu 150 m hohe Türme entstehen.
Nach jahrelangen Diskussionen haben Berlins Bausenator Peter Strieder (SPD) und vier Investoren jetzt entsprechende Vereinbarungen unterzeichnet. Das Investitionsvolumen beträgt etwa 4 Mrd. ç. Bereits im kommenden Jahr soll mit dem Bau begonnen werden. Grundlage ist ein Entwurf des Berliner Architekten Hans Kollhoff von 1993. Die von ihm als „Stadtkrone“ vorgesehenen Türme sollen 2013 fertig sein.
Lange schon ist das Mega-Projekt umstritten. „Diese Baumasse wird einfach nicht gebraucht“, kritisierte etwa Joachim Zeller (PDS), Bürgermeister des Bezirks Mitte. Und tatsächlich: Mit Fertigstellung dieses Projektes würden 1,3 Mio. m2 Bruttogeschossfläche auf den Markt geworfen, weit mehr als am Potsdamer Platz. Und das, obwohl der Büroleerstand in Berlin derzeit bei 9 % liegt.
Für zusätzlichen Zündstoff sorgen jetzt neue Pläne des umtriebigen Bausenators, am Rande des Alexanderplatzes ein gigantische Einkaufszentrum zu genehmigen. Mehr als 80 000 m2 Fläche soll die Passage bieten, doppelt so viel wie die Potsdamer Platz Arkaden. Blankes Entsetzen angesichts dieser Pläne herrscht beim Einzelhandelsverband in Berlin. Er fürchtet, dass damit der gesamte Einzelhandel in der östlichen City aus den Fugen gerät.
Im Bezirksamt Mitte hält man Strieders Absichten sogar für rechtswidrig. Im Detail geht es um das Gelände des ehemaligen Ost-Berliner Polizeipräsidiums zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke. Für rund 20 Mio. ç hatte die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo das Gelände dem Land Berlin abgekauft, um es als Kerngebiet mit einer Mischung aus Wohnen, Büros und Geschäften zu entwickeln und an Investoren zu verkaufen. Aushängeschild sollte ein 150 m hoher Turm entsprechend den Plänen von Hans Kollhoff werden.
Doch die Vermarktung, insbesondere der Büroflächen, läuft offenbar schleppend bis schlecht. „Dafür verzeichnen wir ein großes Interesse an Malls oder Kaufhäusern“, sagt Degewo-Vorstand Thies-Martin Brandt. Nach seinen Angaben verhandelt sein Unternehmen mit drei potenziellen Investoren. Das Problem ist nur, dass in dem von der Bezirksverordneten-Versammlung Mitte Dezember 2000 verabschiedeten Bebauungsplan eindeutig steht, dass ein Einkaufszentrum auf dem Areal „nicht zulässig“ ist. Und selbst große Einzelhandelsbetriebe mit etwa 1200 m2, z.B. für Elektronik, dürften nur „ausnahmsweise zugelassen“ werden. Eine weitere Mall verstößt laut Bauverwaltung auch „gegen die gemeinsame Landesplanung zwischen Berlin und Brandenburg“.
Die Degewo wandte sich daraufhin an Senator Strieder und erbat eine Ausnahmegenehmigung. Die steht zwar noch aus. Brandt zufolge habe Strieder jedoch „Aufgeschlossenheit signalisiert, mehr auf die Interessen von Investoren Rücksicht zu nehmen“.
Im Fall des geplanten Mega-Einkaufszentrums steht der Senator offenbar aber selbst im eigenen Hause allein auf weiter Flur. Sogar Senatsbaudirektor Hans Stimmann soll gegen das Center opponieren. Und Strieders Fachbeamte gaben dem Vernehmen nach in interner Runde zu Protokoll, dass die Pläne nicht genehmigungsfähig seien.
„Rational ist nicht nachvollziehbar, warum Strieder das mit solcher Vehemenz verfolgt“, kritisiert Nils BuschPetersen, Chef des Gesamtverbandes Berliner Einzelhandel. Er befürchtet das Ende der traditionellen Einkaufsstraßen und fordert vom Parlament, die „Fehlentscheidung“ zu kippen. T. SCHULZE/W. PREISS

Von T. Schulze/W. Preiss

Stellenangebote im Bereich Bauwesen

Derag Livinghotels AG + Co. KG-Firmenlogo
Derag Livinghotels AG + Co. KG Bauingenieur / Bauleiter (m/w/d) München
Stadt GÖTTINGEN-Firmenlogo
Stadt GÖTTINGEN Stadträtin / Stadtrat Göttingen
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG Referent Betriebsplanung (m/w/d) Hamm
DYWIDAG-Systems International GmbH-Firmenlogo
DYWIDAG-Systems International GmbH Ingenieur (m/w/d) für den Vertrieb von geotechnischen Systemen Königsbrunn
Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
Dr. Schmidt & Partner Group Kalkulator (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart,München, Großraum Nürnberg
über Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
über Dr. Schmidt & Partner Group Bau- / Projektleiter (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart, Großraum Nürnberg
Stadt Langenfeld-Firmenlogo
Stadt Langenfeld Referatsleitung Umwelt, Verkehr, Tiefbau (m/w/d) Langenfeld
AWO Psychiatriezentrum-Firmenlogo
AWO Psychiatriezentrum Ingenieur in der Versorgungstechnik (m/w/d) Königslutter
Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes NRW-Firmenlogo
Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes NRW Ingenieure (w/m/d) für die Abteilungen Immobilienmanagement und Bundesbau Düsseldorf, Aachen
Olympiapark München GmbH-Firmenlogo
Olympiapark München GmbH Ingenieur/in Fachrichtung Architektur oder Bauingenieurwesen München

Alle Bauwesen Jobs

Top 5 Architektur