Architektur 10.03.2006, 18:43 Uhr

Aus dem Sumpf erwuchs ein Schmuckkästchen  

VDI nachrichten, Leipzig, 10. 3. 06, ws – Das Leipziger Zentralstadion verbindet auf gelungene Weise Moderne und Tradition, ist die Hightech-Arena doch an gleicher Stelle platziert wie der einstmals größte Veranstaltungsort seiner Art, das „Stadion der Hunderttausend“. Besonderen Reiz versprüht der Neubau auch durch seine gute Infrastruktur.

Beim Leipziger Zentralstadion bestechen vor allem eine spektakuläre Dachkonstruktion und seine Einpflanzung in den Wall des zuvor an gleicher Stelle stehenden „Stadions der Hunderttausend“.

Wenn zur Weltmeisterschaft die Niederländer und Serbien in Leipzig punkten wollen und Spanien gegen die Ukraine fightet, wird ein möglicher Sommerregen die Zuschauer im Zentralstadion wenig stören. Denn alle knapp 40 000 Sitzplätze sind überdacht. Auch störende Nebengeräusche durch millionenfachen Tropfentrommel sind nicht zu befürchten. Wird doch die geschwungene mobile Metall-Kunststoff-Konstruktion durch Mineralwolle gedämmt. Lediglich bei starkem Seitenwind bekommen die Fans auf den untersten Reihen Regen ab, da der Himmel über dem Spielfeld gemäß den Fifa-Vorgaben unverdeckt bleiben muss. Solange aber in Leipzig nur Viertligafußball stattfindet, ist das meist kein Problem: Die bescheidene Zuschauermenge rückt einen Rang höher.

Zudem existieren Planungen – und die technischen Voraussetzungen dazu wurden bereits geschaffen -, um das nagelneue Oval durch ein fahrbares Spielfelddach rundum wetterfest zu machen. Doch diese liegen auf Eis und werden wohl kaum je realisiert, da sich der finanzielle Mehraufwand durch andere Events, etwa Rockkonzerte, nur schwer wieder einspielen lässt.

Bei alledem liegt der besondere Reiz des Leipziger Zentralstadions vor allem in seinen äußerlichen, ästhetisch ansprechenden Aspekten. Das 28 100 m² große Dach als prägendes Element kann sich seine eleganten Formen nur leisten, weil es sehr leicht ist, obgleich es auf 202 m die Tribünen überspannt – und das ohne Stützen! Gehalten wird es nur von einer 17 m hohen Tragkonstruktion. Das Tragwerk besteht aus zwei nach außen geneigten, seilunterspannten Bogenbindern in Längsrichtung sowie Quer- und Längsträgern. Die Horizontalkräfte der Binder nimmt in der Längsachse eine Seilschar unter der Dachebene auf. Die Seile stabilisieren die Binder und spannen sie zu den äußeren Fassadenstützen ab, so dass sie sich nach außen neigen. Die Quer- und Längsträger der Dachscheibe enden zudem in einem Randträger, der um das Gebäude einen geschlossenen Ring bildet. In diesen Randträger sind auch die Dächer über den beiden Kurven eingebunden.

In die spektakuläre Dachkonstruktion ist die Flutlichtanlage integriert, die neben einer sehr gut abgestimmten Tonanlage zu den technischen Highlights des Neubaus gehört. Auf geplante Photovoltaikelemente auf dem Dach verzichtete man. „Zu teuer“, bedauert Hans Wolff, Chef der städtischen Kontrollgruppe für den Stadionneubau. Dem futuristischen Eindruck schadet dies aber nicht – vor allem, wenn man das Stadion aus der Ferne oder nachts durch seine lichtdurchlässige Haut betrachtet.

Eine weitere Besonderheit ist historischer Natur. Denn die Ursprünge des Ovals reichen weit in die Vergangenheit zurück. Die Arena taucht komplett in das frühere „Stadion der Hunderttausend“ ein, das 1956 als damals größtes Stadion Europas an selber Stelle entstand und noch bis ins Jahr 1990 genutzt wurde. Durch den Verzicht auf Tartanbahn und Leichtathletikanlagen passte das reine Fußballstadion problemlos in den alten Kessel, in dem die DDR-Elf bei Spielen von besonderer Bedeutung vor über 100 000 Zuschauern kickte.

Auf gelungene Weise verbindet das neue WM-Stadion Moderne und Tradition im 56 ha großen Leipziger Sportforum. Die Fans gelangen über Brücken, die den alten Wall queren, zu ihren Plätzen. Auch das sechsstöckige Hauptgebäude des Sportforums wurde auf mehreren Ebenen geschickt in das neue Stadion eingebunden, womit sich der Platz für Business-Lounge und VIP-Logen bei Bedarf problemlos erweitern lässt.

Aufgrund der unterschiedlichen Neigungswinkel zwischen altem Wall und neuem Stadion (dessen Fassade neigt sich leicht nach außen) können die Leipziger ihren Zuschauern zudem ein einzigartiges Bonbon bieten: ein Parkhaus auf drei Etagen mit über 500 Stellplätzen unmittelbar hinter den Traversen. Prominente Gäste können also fast bis in ihre Loge hinaufrollen.

Einen weiteren Vorzug bietet das Oval durch seine städtebauliche Einbindung sowohl an die Innenstadt als auch den lang gestreckten grünen Auengürtel, der sich zentrumsnah durch die City zieht. Jene einstige Sumpfebene, in der Leipzig entstand, erzwang allerdings auch beim Neubau einen erheblichen Mehraufwand. Das Stadion fußt auf rund 800 Großbohrpfählen, die teils 30 m tief in den Untergrund getrieben werden mussten.

HARALD LACHMANN

Ein Beitrag von:

  • Harald Lachmann

    Harald Lachmann ist diplomierter Journalist, arbeitete zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen.

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