Studium 14.08.2009, 19:42 Uhr

Architektur: Kommunikation und Diskussion sind Schlüsselwörter  

„Wertvolle Einblicke in die schweizerische Architekturphilosophie erlangt und bei hochrangigen Professoren gelernt“ – das berichtet die Dresdener Architektur-Studentin Stefanie Reinke, Autorin des folgenden Beitrages, nach einem Gastjahr an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Lausanne. VDI nachrichten, Lausanne, 14. 8. 09, rok-

Schweizer Architektur ist „in“. Als Student der Architektur kommt man einfach nicht an ihnen vorbei: dem Basler Architektenduo Herzog und De Meuron, dem Tessiner Mario Botta, dem Züricher Büro Gigon & Guyer, an Bernard Tschumi Architekten und – nicht zu vergessen – dem aktuellen Pritzker-Preisträger Peter Zumthor. Nebenbei ist die Schweiz auch Geburtsland des wohl bekanntesten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier.

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So habe ich mich aufgemacht, um an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Lausanne zu erforschen, was es auf sich hat mit dem Erfolgsgeheimnis der Schweizer Architekten.

Meine Erwartungen waren natürlich groß: Ich wollte bei angesehenen, bekannten Professoren lernen, die schweizerische Liebe zum noch so kleinen Architekturdetail zu verstehen und diese mir anzueignen. Doch hatte ich auf ein beschauliches, kleines Studienumfeld gehofft, wurde ich enttäuscht: Der Campus ist eine Stadt für sich.

Die universitäre Infrastruktur, das breitgefächerte Lehrangebot und die hervorragende Ausstattung wirken zuerst erschlagend, aber paradiesisch für eine Architekturstudentin aus Dresden, die es gewohnt ist, für Modellbaupappe bis ans andere Ende der Stadt zu fahren. Im Unterricht wird ein praktischer, realitätsbezogener Schwerpunkt deutlich. Die meisten Seminararbeiten oder Entwürfe sind sehr aktuell, realitätsbezogen und oft mit realen Wirtschaftspartnern organisiert. Entwurfsaufträge von Stadtverwaltungen oder Handelskammern sind ebenso häufig wie Hersteller, die sich von den Studenten experimentelle Prototypen und Bau-Ideen für ihre Produkte erhoffen.

Am Anfang steht die tiefgründige Analyse des Umfeldes

Eine starke, leistungsfähige Gruppe ist hier wichtiger als singuläre „One-Hit-Wonder“. Bei den Projekten wird darauf geachtet, dass die Gruppe zusammenarbeitet, diskutiert, bastelt, zeichnet und gemeinsam Fortschritte macht. Kommunikation und Diskussion sind Schlüsselwörter.

Der schweizerische Arbeitsansatz liegt meistens in einer tiefgründigen Analyse der Gegebenheiten, die eindeutig einen höheren Stellenwert und mehr Zeit einnehmen, als ich es gewohnt war. Darauf basierend wird dann das Projekt bzw. der Entwurf entwickelt. Nach meiner Erfahrung bleibt dann oft leider zu wenig Zeit für den Entwurf.

Es wird mitunter mehr über die Analyse und ihre Ergebnisse diskutiert als über den eigentlich wichtigen Entwurf. Auch die direkte Entwurfsbetreuung ist an meiner Heimatuniversität intensiver. Wenn man Probleme mit seinem Entwurf hat, kann man jederzeit einen Betreuer aufsuchen oder ihm nachts um 3 Uhr eine Mail schicken, die am nächsten Vormittag beantwortet ist.

Der Kontakt zu Betreuern und selbst den Professoren ist in Dresden wesentlich enger als in Lausanne. Das liegt natürlich auch daran, dass in Lausanne viele Gastprofessoren arbeiten, die mehrmals pro Woche von Zürich oder Basel nach Lausanne und zurück reisen. Daher gibt es in Lausanne straffe, unumstößliche Zeitpläne für die Studenten. So mal eben beim Betreuer vorbeigehen, um mit ihm neue Tragwerkslösungen zu diskutieren, ist in Lausanne nicht üblich. Nicht zuletzt ist Studieren in der Schweiz eine Geldfrage.

Von Studiengebühren abgesehen, geht der Großteil des Geldes für die hohen Wohnungsmieten und teuren Lebensmittel drauf. Es sei denn, man ist Vegetarier und mit einem winzigen Wohnheimzimmer mit Flurdusche zufrieden. Daher arbeiten selbst einheimische Studenten in einem ertragreichen Nebenjob, um zumindest ein wenig „savoir vivre“ zu wahren.

Abgesehen davon, dass sich „ETH Lausanne“ sehr gut im Lebenslauf macht, habe ich wertvolle Einblicke in die schweizerische Architekturphilosophie erlangt, bei hochrangigen Professoren gelernt, das angenehme Leben in der Schweiz genossen und die große Vielfalt des kleinen Landes mit seinen vielen Gegensätzen erkundet. Mein Diplom werde ich jetzt allerdings wie geplant in Dresden angehen. STEFANIE REINKE

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