Architektur 08.02.2002, 17:32 Uhr

Architektenkammer NRW: Wankelmotor für die Architektur

Wankelmotor. Doch der rund 12 Mio. Euro teure Bau soll nicht nur die Kammer und Fremdbüros beherbergen, gewünscht wurde „ein Kristallisationspunkt der Themen Architektur, Wohnen, Städtebau und Baukultur.“

Offen nach allen Seiten sollte der Neubau der Architektenkammer des bevölkerungsreichsten Bundeslandes werden, und die Sichtbeziehungen zwischen drinnen und draußen nur da unterbunden werden, wo das absolut notwendig ist.

Eine anspruchsvolle Aufgabe, also ging dem Bauvorhaben 1998 erst einmal ein europaweit ausgeschriebener Realisierungswettbewerb voraus: Von den 297 eingereichten Entwürfen gelangten 33 in die zweite Bearbeitungsphase, vier Arbeiten wurden prämiert. Als Gewinner ging das Darmstädter Architektenbüro werk.um hervor. „Open house“ heißt ihr Motto, das – laut Vorgabe der Architektenkammer -, die räumlichen Bedürfnisse einer Kammer mit dem öffentlichen Anspruch eines Informations- und Kommunikationszentrums vereint. Und dies schnörkellos: „Ohne modische Orientierung soll die Architektur zum sichtbaren Ausdruck des Bauens zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden“, hieß es im Auslobungstext.

Die markante Gebäude- und Grundrissform, ein Dreieck mit gewölbten Schenkeln, bezeichnete die Jury als „Wankelmotor“: Sie nimmt Bezug auf die geschwungenen Fassaden der benachbarten Gebäude und verleiht dem Gebäude ein eigenständiges Profil. Durch ein leichtes Drehen des Gebäudes gegenüber der Grundstücksgeometrie wendet sich der Eingangsbereich frontal zur Altstadt und lässt eine Vorzone als Eingangssituation entstehen.

Tragfähiger Baugrund befand sich erst etwa 2 m unterhalb der geplanten Gründungssohle. Anstelle eines Bodenaustausches, der aufgrund der Nähe zum Rhein problematisch in der Wasserhaltung gewesen wäre, wurde bei diesem Objekt das relativ neue „CSV-Spezialverfahren“ angewendet: Dabei wird der nicht tragfähige Boden durch gezieltes „Einbohren“ von Stabilisierungsmaterial, z.B. Zement, in eine tragfähige Bodensäule umgewandelt.

Beton und Stahl bilden die wesentlichen Konstruktionselemente des Bauwerks. Die vertikalen Lasten werden in der Fassadenebene und innen an den drei Eckpunkten des Atriums – Sichtbetonscheiben mit Stahlverbundstützen – abgetragen. Die Decken sind als Flachdecken mit Spannweiten von ca. 7,2 m ausgebildet. Dadurch bleiben die Geschosse frei von Unterzügen. „Insgesamt ist dies eine wirtschaftliche Lösung“, erklärt werk.um Architekt Thomas Lückgen, „denn dem erhöhten Stahlbedarf steht eine Minimierung der absoluten Gesamtkonstruktionshöhe und damit der Geschosshöhe gegenüber.“ Die Windaussteifung leisten Treppenhaus, Fahrstuhl und Installationsschacht an der Nord-West-Ecke sowie Wandscheiben an der gegenüberliegenden Eingangsfassade.

Das Gebäude bietet auf sieben Geschossen eine Nutzfläche von rund 2500 m2. Noch bei der Grundsteinlegung war das siebente Geschoss umstritten: Die umgebende Bebauung ist sechsgeschossig, in dieser Höhe zu bleiben, hätte sehr kompakt gewirkt, argumentierten die Architekten.Ein zentrales Atrium und eine gebäudehohe Sichtbeton-Wandscheibe als vertikales Element verbinden die Geschosse funktional und visuell. Das Atrium findet oben seinen Abschluss in einer Stahl-Glas-Konstruktion, die an drei Punkten räumlich unterspannt ist. Die Verwaltungsräume der Architektenkammer sind für das zweite bis vierte Geschoss vorgesehen.

Die oberen Geschosse sind zur Vermietung bestimmt und werden über das Treppenhaus und einen zweiten Lift unabhängig erschlossen. Eine geschosshohe Verglasung trennt sie akustisch vom Atrium und den anderen Nutzungen. Durch diese Lösung können auch die oberen Geschosse optional der Architektenkammer zugeschaltet werden, sofern diese zukünftig mehr Raum benötigen sollte.

Die Fassade ist als Ganzglasfassade in Pfosten-Riegel-Konstruktion vorgesehen: Horizontale Riegel in einem Raster von 1, 65 m strukturieren das Gebäude von außen. Durchsichtige Bereiche sind mit Klarglas als Isolierverglasung, massive Bauteile wie Brüstungen und statische Wandscheiben mit emaillierten Gläsern bekleidet. Die dadurch erzielten feinen Differenzierungen erlauben unterschiedliche Einblicke in die Architektur des Gebäudes und Ausblicke auf die Architektur der Stadt. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der Konzeptidee: Das Haus sollte auf die Wechselbeziehungen von Innen und Außen, Gebäude und Stadt reagieren.

Zwar war das Gebäude zum Richtfest im Januar noch „offener“ als geplant, doch der Umzugstermin in das neue Haus im Oktober 2002 steht fest. Kontrastreicher kann der Wechsel kaum sein: Dann tauscht die Architektenkammer NRW ihr denkmalgeschützes Domizil am idyllischen Hofgarten gegen das neue Haus in der quirligen Medienmeile, dem ehemaligen Düsseldorfer Industriehafen.

Interessant ist der neue Standort auch hinsichtlich seiner unmittelbaren Nähe zum Landtag. Sicherlich werden sich einige Fragen zum Städtebau im wortwörtlichen administrativen vis-à-vis einfacher und schneller klären lassen. Auch in diesem Sinne verspricht das „Haus der Architekten“ neue Impulse für die Architektur. „Denn das neue Gebäude soll nicht nur Sitz der Kammer, sondern vor allem eins werden“, wünscht Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer: „ein Kristallisationspunkt der Themen Architektur, Wohnen, Städtebau und Baukultur.“ C. RADWAN/wip

 

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