Antriebstechnik 29.02.2008, 19:33 Uhr

„Es gibt heute einen Zwang zum Hybridantrieb“  

VDI nachrichten, Braunschweig, 29. 2. 08, wop – Es herrscht Aufbruchstimmung im Lager der Hybridprotagonisten – zumal nun auch die ersten Vollhybride in Deutschland an der Schwelle zum Markt stehen. Weil die Hybridtechnik ein Mittel ist, den Kraftstoffverbrauch bzw. den CO2-Ausstoß zu senken, geht kein Weg an ihr vorbei, meint Ulrich Seiffert, renommierter Automobilingenieur und Mitorganisator des Symposiums „Hybridfahrzeuge und Energiemanagement“ in Braunschweig, auf dem letzte Woche über 400 Experten aus der Autobranche diskutierten.

Den Zwang zum Hybridantrieb erklärte Seiffert damit, dass angesichts der breiten öffentlichen Klimadebatte sowohl die EU-Kommission als auch einzelne Staaten und Städte Abgaben für Fahrzeuge mit hohem Verbrauch durchpeitschen werden. Frankreich habe bereits ein „Bonus-Malus“-System eingeführt, London plane eine massive Anhebung der City-Maut für Autos, die mehr als 250 g CO2/km (Verbrauchsäquivalent je 100 km: rd. 9,4 l Diesel bzw. 10,6 l Benzin) ausstoßen.

Die Möglichkeiten zur Verbrauchsminderung sieht Seiffert weitgehend ausgereizt: „Rein durch motorische Maßnahmen sind die geforderten CO2-Werte nicht zu schaffen“. Gewichtsreduzierung sei angesichts der immer aufwändigeren Sicherheits- und Abgassysteme ebenfalls kaum noch möglich.

„Die Hybridisierung ist die einzige verbleibende Möglichkeit, um die Verbräuche spürbar zu senken“, so Seifferts Fazit. Weil durch die nötige extreme Abgasnachbehandlung der kommenden EU5- und EU6-Abgasnorm mit Mehrverbräuchen zu rechnen sei. Ebenfalls böten Aerodynamik oder Rollwiderstand wenig Optimierungspotenzial, so Seiffert: Downsizing allein reiche nicht, um in Zukunft die CO2-Grenzwerte einzuhalten.

Für Unter- und Mittelklassewagen seien Micro- und Mildhybrid-Konzepte ausreichend und auch wegen der Kostenfrage sinnvoller, erklärte der Automobilingenieur. Dagegen werde es bei großen Limousinen und Sport Utility Vehicles (SUV) allein schon aus Imagegründen keine Alternative zum Vollhybrid geben. Laut Seiffert teilen viele Manager der Branche seine Ansicht und ziehen bereits die praktischen Konsequenzen daraus.

„Gerade in der deutschen Industrie tut sich gewaltig etwas“, sagte Seiffert. Viele Zulieferer, darunter Bosch, Continental und der Getriebehersteller ZF Sachs, seien bereits in die Serienproduktion von Hybridkomponenten eingestiegen. Und noch dieses Jahr werde es erste deutsche Vollhybride im Markt geben.

Wie Seiffert nimmt auch der Bereichsleiter Ottomotoren und Hybride der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) in Gifhorn, Wilfried Nietschke, eine Aufbruchsstimmung im Markt wahr. „Das Besondere an der Situation ist, dass Querdenken absolut erwünscht ist“, sagte er. Die Hersteller seien offener denn je für neue Ideen und Konzepte.

Die IAV ist laut Nietschke in diverse Hybridprojekte unterschiedlicher Reife eingebunden. Und im Markt gebe es noch viel mehr davon. Etwa Tests mit Plug-in-Hybriden, die Strom auch aus der Steckdose beziehen, oder Konzepte für Elektrofahrzeuge, in denen ein kleiner Verbrennungsmotor höhere Reichweiten erlaubt, oder Parallelhybride auf Basis von Benzin-, Diesel- oder Erdgasplattformen, die teilweise über elektrische Radnabenmotoren angetrieben werden. Zudem gebe es eine große Vielfalt auf dem Gebiet der milden Hybridisierung.

Alle Konzepte stehen und fallen mit der Batterietechnik. Ralf Schuermanns, der als Entwickler bei der Toyota Motor Europe GmbH tätig ist, berichtete von Tests mit Plug-in-Hybriden, die Toyota seit 2007 in Europa, Japan und den USA fahre. Das zusätzliche „Tanken“ an der Steckdose erlaube längere Betriebszeiten im umwelt- und klimaschonenden rein elektrischen Fahrmodus. Doch noch geht das zu Lasten von Gewicht und des Raumangebots: Der Prius II braucht als Plug-in-Hybrid ein fast doppelt so großes Batteriepaket.

Große Hoffnungen ruhen auf Lithium-Ionen-Akkus, an denen Konsortien in Deutschland, Europa, Japan und den USA mit Hochdruck forschen und entwickeln. Doch gerade bei ihrer Sicherheit sind noch Fragen offen. „In naher Zukunft erwarten wir Serienstarts von Hybridfahrzeugen ausschließlich mit Nickel-Metallhydrid-Batterien“, sagte Nietschke von IAV. Dafür tut sich auf anderen Gebieten um so mehr.

ZF Sachs stellte in Braunschweig ein für Vollhybride modifiziertes 8-Gang-Automatikgetriebe vor, an dem sämtliche Zusatzkomponenten wie Elektromotor, Kupplungen, Drehmomentdämpfer und eine zusätzliche Elektropumpe anstelle des herkömmlichen Drehmomentwandlers untergebracht sind. Den Entwicklern ist das Kunststück gelungen, dafür keinerlei zusätzlichen Bauraum zu beanspruchen. ZF Sachs wird die neue Hybrideinheit als vorgefertigtes Modul liefern, das in Hybridmodellen anstelle des üblichen Drehmomentwandlers montiert werden kann.

Entwicklungen wie die von ZF-Sachs zeigen, dass sich die Autobranche auf den steinigen Weg der Serienentwicklung begeben hat. Auch beim Wärme- und Energiemanagement tut sich eine ganze Menge, erklärte Dr.-Ing. Burghard Voß, Fachbereichsleiter Getriebe und Hybridsysteme in der Berliner IAV-Zentrale. Bisher wurden in Autos nur ein Drittel des Kraftstoffverbrauchs in mechanische Energie gewonnen, der Rest verpuffte als Abwärme. Voß: „Heute sind wir soweit, dass wir bis zu 10 % dieser thermischen Energie zurückgewinnen und als elektrische Energie ins Bordnetz speisen können.“

Die Energierückgewinnung beläuft sich laut Voß zwar auf nur 3 kW bis 4 kW. Doch lässt sich diese Energie nutzen, um über den Hebel der Elektronik weitere Verbrauchspotenziale zu heben – der Fortschritt verläuft nach über 100 Jahren Autoentwicklung nun einmal häppchenweise. P. TRECHOW/WOP

5. Symposium Hybrid Vehicles and Energy Management, 20./21.02.2008,Tagungsband. Hrsg.: Gesamtzentrum für Verkehr Braunschweig (GZVB). 369 S., 301 Abb. ISBN 978-3-937655-15-4. 49 Æ.

Von P. Trechow/Wolfgang Pester

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH-Firmenlogo
GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH Qualifizierung zum Kfz-Prüfingenieur (m/w/d) deutschlandweit
rbi GmbH-Firmenlogo
rbi GmbH Testingenieur (w/m/d) Heimsheim
A. KAYSER AUTOMOTIVE SYSTEMS GmbH-Firmenlogo
A. KAYSER AUTOMOTIVE SYSTEMS GmbH Produktentwickler (m/w/d) Ventile Einbeck
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH-Firmenlogo
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH Projektingenieur (m/w/d) Homologation Pfungstadt
Schaeffler AG-Firmenlogo
Schaeffler AG Architekt / Funktionsentwickler Leistungselektronik für den elektrischen Antriebsstrang (m/w/d) Herzogenaurach
Schaeffler Technologies AG & Co. KG-Firmenlogo
Schaeffler Technologies AG & Co. KG Systementwickler für elektrische Achsantriebe (m/w/d) Herzogenaurach
Hays Professional Solutions GmbH-Firmenlogo
Hays Professional Solutions GmbH Systemtestingenieur Connectivity (m/w/d) Bayern
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH-Firmenlogo
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH Ausbildung zum Prüfingenieur (m/w/d) bzw. Sachverständigen (m/w/d) für den Tätigkeitsbereich Fahrzeugprüfung und Fahrerlaubnisprüfung Frankfurt am Main
FAUN Umwelttechnik GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FAUN Umwelttechnik GmbH & Co. KG Strategisch-technischer Einkäufer (w/m/d) Elektrik / Elektronik Osterholz-Scharmbeck
ebm-papst Landshut GmbH-Firmenlogo
ebm-papst Landshut GmbH Entwicklungsingenieur Verbrennungssysteme (m/w/d) Osnabrück

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Antriebste…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.