Antriebstechnik 02.07.2010, 19:47 Uhr

Auch etablierte Technik lässt sich noch verbessern

Die Fußballhymne „Zeit, dass sich was dreht“ könnte auch das Motto von Arbogast Grunau sein. Als Leiter Produktentwicklung und Geschäftsleitungsmitglied der Schaeffler Gruppe Industrie treibt er die Entwicklung von Wälzlagern weiter voran. Dabei ist es ihm gleichgültig, ob sie in großen Windkraftanlagen oder in Kleinstlagern für die Elektronikproduktion zum Einsatz kommen.

Eigentlich ist Arbogast Grunau niemand, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Dennoch fällt der Leiter der Forschung & Entwicklung (F&E) für Industrieprodukte bei der
Schaeffler Gruppe stets auf. Er trägt Fliege statt der obligatorischen Krawatte und begründet das rein pragmatisch: „Als ich vor etwa 20 Jahren bei INA anfing, war ich im Prüffeld tätig, wo drehende Wellen sind. Da habe ich mich gefragt, was eine drehende Welle mit einer Krawatte machen könnte und mir die Fliege angewöhnt.“ Dabei sei er geblieben.

Vor sechs Jahren ist Grunau mit seinem Büro von Herzogenaurach, dem Stammhaus der Familie Schaeffler, der Schaeffler Gruppe und der Marke INA, nach Schweinfurt gezogen. Dort ist nach der Übernahme der FAG innerhalb der Unternehmensgruppe inzwischen die Zentrale der Sparte Industrie. In seinem Büro hängt großformatige Kunst, auf der Branchenkenner Produkte des Wälzlagerspezialisten und deren Anwendungen wiedererkennen. „Die verschiedenen Lager sind unsere Basis und Grundlage für unsere Systemlösungen. Die sollte man als Industrieentwickler immer im Kopf haben“, berichtet Grunau überzeugt.

Neben seinem Schreibtisch, auf dem maximal Unterlagen von zwei bis drei aktuellen Vorgängen liegen, gibt es einen Besprechungstisch, an dem sich der Entwicklungschef mit seinem Team austauschen kann. Vieles organisiert Grunau über seinen Mobil-Computer. Dennoch sagt er: „Mein wichtigstes Werkzeug ist der Kopf, danach folgt der Stift und schließlich der PC.“

Seit seinem Start beim Lagerhersteller INA bis zur heutigen Schaeffler-Gruppe mit ihren großen Marken INA, FAG und LuK sowie der Beteiligung an der Continental AG hat sich um ihn herum einiges verändert. Das bewertet er insgesamt positiv: „Für Aussagen über konkrete Auswirkungen der Zusammenarbeit mit Continental ist es derzeit noch zu früh. Die Akquisition von FAG hat sich aber als super Entscheidung erwiesen, weil wir dadurch zum Vollsortimenter wurden.“ Für ihn und sein Entwicklungsteam ergebe sich dadurch die Herausforderung, Anwender hinsichtlich der jeweils besten Wälzlagerlösung zu beraten. Dadurch entfalle die Situation, etwas verkaufen zu müssen, was die technischen Anforderungen nicht optimal erfülle.

„Der Austausch zwischen den einzelnen Marken in der Gruppe macht das Entwicklerleben interessanter“, so Grunau. Das gelte insbesondere auch für den Kontakt zwischen den Unternehmenssparten Automobil und Industrie. „Viele grundlegende Entwicklungen können wir uns auch deshalb leisten, weil wir sie für beide Bereiche gemeinsam machen“, weiß der Entwicklungschef. Gerade bei der Entwicklung spezieller Werkstoffe und Produktionsverfahren sei dies ein wirtschaftlicher Vorteil.

In dem Maße, wie sich das Unternehmen vom Lagerhersteller zum Systemlieferanten verändert hat, haben sich für die Produktentwicklung auch die Aufgaben in der Forschung sowie der anwendungsorientierten Entwicklung erweitert. Dass sich die Schaeffler Gruppe künftig allein auf die Systementwicklung konzentriert, erwartet der Entwicklungsleiter nicht. „Wir betrachten bewusst die komplette Entwicklungspyramide, und achten darauf, aus dem Systemgedanken möglichst intelligent Komponenten zu entwickeln, welche dann auch in anderen Systemen eingesetzt werden können“, erläutert er.

Der Aufbau einer solchen Komponentenbasis geschehe vor dem Hintergrund, die Entwicklungsgeschwindigkeit zu erhöhen. Grunau: „Das bedeutet für den Ingenieur – egal ob er von der Komponente zum System kommt oder vom System zur Komponente – , dass er ein viel weiteres Blickfeld haben muss.“ Eine Frage dabei sei, ob die Komponente nur für die eine Aufgabe zu nutzen sei, oder mit überschaubarem Mehraufwand auch andere Aufgabenstellungen lösen könne. Für ihn liegt das auch in der Tradition des Unternehmens: „Das Wälzlager ist als weitgehend genormtes Produkt genau ein ,Halbzeug“, das als Grundlage für die Entwicklung zahlreicher Produkte dient.“

Längst haben neben der Mechanik auch Elektronik und Software Einzug in die Produkte der Schaeffler Gruppe gehalten, die sowohl zur Überwachung von Lagern, aber auch zur Steuerung von Antriebseinheiten genutzt werden. Einen Teil des Know-hows sicherte sich die Unternehmensgruppe vor einigen Jahren durch die Integration des Steuerungs- und Messtechnikspezialisten AFT in Werdohl sowie der Thüringer Direktantriebshersteller L-A-T-Suhl und PräTec, welche später zur IDAM zusammengefasst wurden.

Zudem habe sich Schaeffler entsprechende Kompetenz durch die Auswahl neuer Mitarbeiter aufgebaut. „Allein in meinem Bereich der Vorentwicklung arbeiten etliche Physiker, Elektriker und Elektroniker“, verdeutlicht Grunau. Es sei immer vorteilhaft, eine gute Mischung mehrerer Disziplinen sowie von jungen Absolventen und erfahrenen Mitarbeitern zu haben, die durchaus nicht unbedingt aus der Wälzlagerbranche kommen müssten.

Damit die Experten einzelner Disziplinen effektiv zusammenarbeiten, setzt der Entwicklungschef auf Kommunikation. „Sowohl im einzelnen Team als auch zwischen den Gruppen haben wir eine sehr gute Kommunikation, sodass Entwickler grundsätzlich über die anderen Projekte informiert sind“, sagt Grunau. Unterstützt werde dies durch das jährlich stattfindende „Forum of Inspiration“ – einer internen Messe, auf der sich Entwickler ihre Arbeiten gegenseitig vorstellen.

Unabhängig davon, ob ein Projekt abgeschlossen oder abgebrochen werde, sammle man wichtige Erkenntnisse, die systematisch dokumentiert und ausgetauscht werden. „Der Mensch lernt aus seinen Fehlern. Der intelligente Mensch lernt aus den Fehlern anderer“, so Grunau. „Ob und wann ein Projekt abgebrochen wird, ist dabei ein wichtiges Thema, über das sich lange berichten ließe,“ merkt er dazu an.

Die Kompetenz der Entwickler reiche bei der Komplexität vieler Projekte dennoch kaum aus, um alles vollständig zu überblicken. Das Unternehmen befasse sich daher intensiv mit unterschiedlichsten Simulationsverfahren und -modellen. „Sowohl in Einzel- als auch in Mehrkörpersimulationen werden Erkenntnisse abgebildet. Die Simulationsergebnisse werden dabei durch reale Versuche immer wieder validiert“, beschreibt Grunau das Vorgehen. Diese Weiterentwicklung der Simulationsverfahren gelte sowohl für die Produktentwicklung als auch für Produktionsverfahren. Über die Modelle lasse sich dann sehr schnell eine Abschätzung darüber treffen, wie sich die Veränderung einzelner Parameter auswirke.

Ob kleine Lösungen für die Feinmechanik entwickelt werden sollen, sensorüberwachte Tretlager für Elektrofahrräder oder große Produkte für den Einsatz in Brechern im Bergbau, macht für den Maschinenbauspezialisten keinen großen Unterschied. „Zum Glück lässt sich vieles von klein auf groß und umgekehrt übertragen – solange wir nicht in den Nanobereich gehen“, stellt er dazu fest.

Grundsätzlich gebe es in beiden Bereichen, abhängig von den jeweiligen Anwendungen, interessante Herausforderungen, das gelte sowohl für die metergroßen Wälzlager in derWindkraft als auch für Nadellager mit 2 mm Wellendurchmesser.

Immer noch fasziniert zeigt sich Grunau von dem Entwicklungspotenzial, welches Wälzlager auch nach 100 Jahren Entwicklungsgeschichte haben. „Mit unserem X-Life-Lagern erreichen wir eine etwa 30 % höhere Lebensdauer. Bei unserer Kugellagergeneration C haben wir ein wirklich etabliertes Produkt hinsichtlich der Dichtheit und der Laufgeräusche noch deutlich verbessert sowie die Reibung reduziert, ohne die äußeren Abmessungen ändern zu müssen“, berichtet er über aktuelle Produkte. Solche Dinge, wo an einem Produkt schon Generationen von Ingenieuren gearbeitet haben und bereits ein hoher Entwicklungsstand erreicht ist, machen ihn stolz.

Was physikalisch möglich ist, wird man prinzipiell irgendwann auch realisieren können, glaubt Grunau. In seiner Position sei es aber wichtig, dass dies auch wirtschaftlich einen Sinn für das Unternehmen mache und dem Kunden unter dem Gesichtspunkt der Total Cost of Ownership einen Mehrwert biete. Deshalb gingen Entwicklungen in seinem Bereich, wie die Verbesserung von Korrosionsschutzsystemen, immer mit anderen Fortschritten einher, beispielsweise bei Werkstoffen oder Bearbeitungsverfahren. M. CIUPEK

Von M. Ciupek
Von M. Ciupek

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